Nachruf auf Andreas Kaps (Geb. 1946) : Wahnsinn ja, aber in Maßen

Bemisst man dieses Künstlerleben an weitverbreiteten Kriterien - Anerkennung, Freundeskreis, Liebe, Erfolg - so wird man es für gescheitert halten. Aber vielleicht sind die Kriterien ja falsch.

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Andreas Kaps (1946-2017) bei der Eröffnung seiner Ausstellung anlässlich seines 65. Geburtstages
Andreas Kaps (1946-2017) bei der Eröffnung seiner Ausstellung anlässlich seines 65. GeburtstagesFoto: Jan Sobottka - www.catonbed.de

Am Nachmittag des 29. August betrat ein Mann von 71 Jahren mit langem grauen Haar in Stoffschuhen ohne Schnürsenkel die Fahrbahn der Rheingaustraße im Berliner Bezirk Schöneberg, just an einer Stelle, an der in zweiter Reihe eines jener Autoungetüme stand, die zur Fahrt durch unwegsames Gelände taugen, aber öfter von wohlhabenden Stadtmüttern zum Abholen ihrer Kinder von der Schule genutzt werden, die Scheiben getönt, dass ein Blick hindurch unmöglich, die Straße so schmal, dass der Zusammenprall mit dem Rennradfahrer unvermeidlich war.

Es war ein Dienstag, am Freitag unterrichtete die Polizei die Schwester des Mannes von 71 Jahren über den Unfall. Sie fuhr ins Krankenhaus, da lag er im Koma. Sie fasste seine Hand, die sie seit mehr als 30 Jahren nicht berührt hatte. Gut möglich, dass der Mann, der die Frauen so sehr liebte, ebenso lange von keiner anderen Frau berührt worden war.

Am Sonntag starb er. Wenige Tage darauf stand in der Zeitung, dass es sich bei dem verunglückten Fußgänger um den Künstler Andreas Kaps gehandelt habe: „Nach einem Studium an der Hochschule der Künste als Schüler von Wolfgang Petrick (1976 bis 1981) zählte Kaps zu den ,Neuen Wilden’, seine Werke wurden u. a. in London, Madrid, Stockholm und München ausgestellt. Auch als Kunstkritiker tat er sich in den 80er Jahren hervor – u. a. im Tagesspiegel.“

Das klingt nach einem anerkannten Mann, einem Leben, das herausgerissen wurde aus der Mitte der Gesellschaft – und das wäre nun ein Missverständnis. Bemisst man dieses Künstlerleben an weitverbreiteten Kriterien, Anerkennung, Freundeskreis, Liebe, Erfolg, so wird man es für gescheitert halten. Aber vielleicht sind die Kriterien ja falsch.

Zwei Geschichten aus der Jugend. Andreas, dem alles Wissen nur so zuflog, erhielt für eine Mathearbeit einmal eine Fünf, obwohl seine Rechnungen korrekt waren. Nur hatte er sie in Spiegelschrift zu Papier gebracht, unlesbar für den Lehrer. Auch später zeigte Andreas wenig Interesse an den Interessen seiner Zielgruppe. Positiv ausgedrückt: Er war ganz bei sich.

Als er an einem Sommervormittag von einer Klassenfahrt heimkehrte, auf der, wie das so üblich ist, kaum geschlafen worden war, lief er gleich in den Tennisklub zum Training und verausgabte sich, danach ging er ins Schwimmbad und kollabierte. Es fehlte ihm der Sinn fürs Maß, und das hatte, so erzählt es seine Schwester, nichts mit Ehrgeiz zu tun, eher mit einer naiven Unbedingtheit. Warum etwas anfangen, wenn man es nicht ganz und gar betreibt? Warum Maßhalten, wenn Maßhalten Beschränkung heißt?

Wie soll ein Wilder Teil einer Szene sein?

Seine Eltern: die Mutter eine protestantische Pfarrerstochter, die bestimmte, wo es langging. Der Vater ein braver Betriebsjurist, der, wenn man ihn mal ließ, einen skurrilen Humor bewies und seine Kinder heimlich in die katholische Messe mitnahm. Was die Kinder nicht dazu brachte, an Gott als Vater zu glauben, aber immerhin daran, dass ihr Vater besser als die Mutter war. Alle drei entwickelten einen Sinn fürs Abseitige, Künstlerische, doch nur Andreas, der Mittlere, folgte ihm konsequent. Von seinen zahlreichen wesensfremden Talenten ließ er sich nicht korrumpieren: Wurde kein Sportler, obwohl seine Leistungen im Tennis und Eishockey bemerkenswert waren. Wurde kein Ingenieur, obwohl er die ersten Semester des technischen Studiums mit links bewältigte. Wurde auch kein Landschaftsplaner, obwohl er dieses Studium mühelos zu Ende brachte.

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, seine Zeit als Kunstschüler und produktiver Maler, die Zeit der „Neuen Wilden“. Sie waren unbekümmert, warfen Skrupel und Formenstrenge über Bord, malten schnell, bunt und breit, brachten ihre Wünsche und Ängste, Sex und Wahn ohne intellektuelle Umwege auf ihre Bilder. Andreas Kaps gehörte da mittenrein, unter den vielen Dutzend war er einer der Talentiertesten.

Edle Mondnacht (weiblich), 1981, Dispersion auf Leinwand, Maße: 200 x 300 cm
Edle Mondnacht (weiblich), 1981, Dispersion auf Leinwand, Maße: 200 x 300 cmFoto: www.kapskunst.de

Wie aber soll einer, der tatsächlich wild ist und nicht nur so tut als ob, wie soll ein Wilder Teil einer Szene sein? Zum Erfolg des Künstlers gehört der gesittete, geschickte Auftritt in der Öffentlichkeit. Wahnsinn ja, aber in Maßen und immer freundlich bleiben. Stetigkeit der Produktion, Wiedererkennbarkeit, planmäßige Entwicklung eines Stils. Lauter Talente, die dem talentierten Künstler Kaps abgingen.

Weshalb er nie von der Kunst leben konnte (das können ohnehin die wenigsten). Weshalb sein Name in Abhandlungen über die „Neuen Wilden“, die vor mehr als 30 Jahren neu waren, kaum mehr auftaucht. Weshalb die Galeristen noch viel zu viele Bilder von ihm haben und sich jetzt fragen, wohin damit.

Mit der Galerie Poll hatte er ja Glück. Die sahen sein Talent und haben ihn oft ausgestellt, auch wenn mit ihm kein Geschäft zu machen war. Auch wenn er auf dem Flohmarkt Bilder für 100 Mark verkaufte, die in der Galerie 4000 kosten sollten. Auch wenn er viel zu viel und viel zu schnell malte und vieles wenig taugte für den Kunstmarkt, weil es hingeschludert oder zu versaut war.

Der Sex spielte in seiner Kunst eine große Rolle, je weniger er davon hatte, desto mehr. Als er wunderlich wurde, Anfang der Achtziger, lief es auch mit den Frauen nicht mehr gut. Davor konnte er sich nicht beklagen, sah schön aus und war von strahlendem Gemüt. Dann aber entwickelte er diese Angst vor Mikroorganismen, die, wenn man sich das mal genauer anguckt, blöderweise überall sind. In den Klamotten, die man gar nicht oft genug waschen kann, an den Händen, die es zu schrubben gilt, bis sie rot und wund sind, an anderen Menschen, die auf keinen Fall zu berühren sind, an den Schuhen, deren Schnürsenkel entfernt werden müssen, damit man mit den Füßen, die in Plastiktüten stecken, hineinfahren kann, ohne die Hände zu benutzen.

Gefühlsprobleme, 1986, Acryl auf Nessel, Maße: 100 x 100 cm
Gefühlsprobleme, 1986, Acryl auf Nessel, Maße: 100 x 100 cmFoto: www.kapskunst.de

So richtete sich Andreas Kaps in einer überschaubaren Welt ein, die seinen Vorstellungen von Hygiene entsprach, in die aber nur noch wenig andere vordrangen. Der Freund etwa, der für eine Fernsehproduktion jemanden suchte, der horoskopische Texte schrieb. Darin war Kaps gut, wenn er die Sache auch mit so viel Ernst betrieb, dass die Texte fürs Fernsehen sehr vereinfacht werden mussten. Der Freund fuhr ihn manchmal zu Vernissagen (in Busse oder Bahnen konnte der Neurotiker nicht einsteigen), und da kam es vor, dass er, nachdem er die Kunst für unwichtig befunden hatte, sich umso mehr für die Künstlerin interessierte und das etwas zu deutlich zum Ausdruck brachte: „Boah, du bist aber wirklich sauhübsch!“

Der Freund schenkte ihm wenig getragene, sehr edle Anziehsachen. Dann tat Andreas Kaps die Jacketts von Missoni oder Zegna in die Kochwäsche, sie sahen danach aus wie enge Säcke, was ihm komplett egal war, Hauptsache die Mikroben waren raus.

Sein Manifest: „Der unverstandene Künstler“

Die Schwester erzählt von einer langen Zeit, in der sie ihren Bruder gar nicht sah. Als er seine Macke ausbildete, hatte sie ihm helfen wollen, Therapien empfohlen, vergeblich. Andreas reagierte mit Vorhaltungen. Sie kappte den Kontakt auf Jahre, dann besuchte sie ihn wieder, stand in seiner saunafeuchten Wohnung, die das Amt bezahlte, er erzählte, was ihn umtrieb, die Politik, die Astrologie, die Kunst, er spielte ihr auf seinem kleinen E-Piano Lieder vor und sang Selbstgedichtetes dazu, und sie sah, dass ihr schwieriger Bruder nicht nur allein, ganz ohne ihre Hilfe zurechtkam, sondern dass er ein wirklich eigenes, womöglich gutes Leben führte. Die Wände waren bedeckt mit Zeichnungen, er erzählte von einem Bilderzyklus, den er malen wollte, sie sollte ihm nur die Leinwände und Farben besorgen, und wenn die Sache auf dem Kunstmarkt einschlüge, wovon auszugehen sei, dann solle sie das Geld für sich behalten, er wüsste ja gar nicht, wohin damit. Hatte doch alles, einen Fernseher, Wasser, Waschmittel.

Die Sache schlug nicht ein, aber egal. Andreas Kaps machte weiter, zeichnete unablässig, malte hin und wieder, vor allem Frauen, denn die Frauen vermisste er dann doch. Er schrieb ein langes, irres Manifest, „Der unverstandene Künstler“. Man kann es auf seiner Website www.kapskunst.de lesen, was sich lohnt. „Aber Schuster bleib bei deinen Leisten, und das ist mehr als eine Yogastellung.“

Ob er glücklich war? Jedenfalls beklagte er sich nie. Er erzählte von Erkenntnissen und Plänen, und wenn das Gegenüber ihm nicht folgen konnte, war das auch okay. Damit muss ein Künstler rechnen.

Am 12. November, 15 bis 18 Uhr, gibt es eine Gedenkausstellung in der Wallstraße 90, Berlin-Mitte. Vielleicht ist es seine letzte. Vielleicht wird er auch noch entdeckt. Selbst damit muss ein Künstler rechnen.

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