Nachruf auf Anke Schmidt (Geb. 1963) : Jede Frau darf einmal Braut sein!

Was für die anderen Spiel war, war für sie unbedingte Realität. Deshalb war sie so gut auf der Bühne. Es fehlte aber jemand, der sie behutsam in die andere Realität zurückholte.

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Anke Schmidt (1963-2014)
Anke Schmidt (1963-2014)Foto: privat

Manchmal erhielten die Eltern Briefe. Große, zittrig gemalte Buchstaben reihten sich darin aneinander. Der Sorgfalt, mit denen die Kurven und Striche gezeichnet waren, lasen sie ab, dass ihnen Wichtiges mitgeteilt werden sollte. Aber was? Die Buchstaben schienen beliebig aneinander gesetzt, sie ergaben keinen Sinn.

Mit diesen Briefen in den Händen fühlten die Eltern sich, wie Anke sich oftmals gefühlt haben muss: ausgeschlossen, hilflos und beschränkt.

Ankes Herz lag anders herum, von Geburt an. Als dieses Herz entdeckt wurde, das zu wenig Sauerstoff durch die Blutbahnen pumpte, war sie drei Monate alt. Der Arzt gab dem Kind mit dem dunklen Haarschopf und den runden, blauen Augen nur wenige Jahre.

Zu dieser Zeit operierte man nicht am Herzen. Anke blieb, wie sie war.

In den ersten zwei Jahren weinte sie viel und ohne erkennbaren Grund. Manchmal holte der Vater dann seine Mundharmonika hervor. Und Anke lauschte. Wurde ruhig.

Hätte man den Eltern erzählt, dass dieses kleine Wesen mit den Trommelfingern, den oftmals bläulich verfärbten Lippen und der vermeintlich kurzen Lebensspanne als junge Frau auf der Bühne stehen und singen würde – kein Wort hätten sie geglaubt.

Sie brauchte lange, bis sie das Laufen lernte, lange, bis sie Worte formen konnte. Aber sie kamen, die Worte, wohl artikuliert. Nur, dass sie sie anders nutzte: Redet man gewöhnlich, um sich selbst mitzuteilen, redete Anke, um die empfangenen Worte und Stimmungen der anderen zurückzusenden.

Auf der Rückfahrt von einem Besuch bei ihrer Großmutter hörte man sie seufzen: „Alles muss man selber tun. Niemand hilft. Alles lastet auf mir. Sogar den Detlev muss ich selbst verbrennen.“

Detlev war ihr jüngst verstorbener Onkel. Ihre Klage zeichnete das Verhalten, den Ton der Großmutter nach, grotesk übertrieben und damit auf den Punkt gebracht.

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