Nachruf auf Annemarie Engelke (Geb. 1947) : Ein Nachruf, kein Roman!

Man kann eine Fantasie haben, aber die muss realistisch sein: Ein Leben, das viel schöner hätte sein können, aber auch viel schlimmer. Also eigentlich war es genau richtig, so wie es war.

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Annemarie Engelke 1947-2015
Annemarie Engelke 1947-2015Foto: privat

Sie wollte diesen Nachruf. Auf dem Krankenbett hat sie ihrem Sohn das Versprechen abgenommen, dass er sich an die Zeitung wendet. Warum das Versprechen? Sie wusste selbst allzu gut, wie unauffällig ihr Leben gewesen war. Da war nichts, was zu einem Roman getaugt hätte.

Sie wuchs in Müncheberg auf, die Mutter arbeitete im Konsum, der Vater bei der Bahn, nebenher betrieben sie ein wenig Viehwirtschaft, Schweine, Hühner, Hasen, zwei Pferde. Ihre Schwester war 14 Jahre jünger, was eine Zeit lang Ortsgespräch war, aber nicht wirklich zum Skandal taugte.

Annemarie ging gern zur Schule. An den Nachmittagen war sie immer draußen, spielte, wenn sie nicht gerade bei der Arbeit helfen musste, kein Wildfang, zahm; glücklich, aber nicht glücklicher als andere.

Sie hat Abitur gemacht, studierte in Karlshorst Ökonomie, denn mit Zahlen konnte sie gut umgehen. Mit Männern nicht so, da war sie zu schüchtern. Hübsch, ja, das war sie, auf eine natürliche Art. Komplimente darüber mochte sie allerdings nicht so gerne hören, da wurde sie verlegen.

Der Erste, in den sie sich hätte verlieben können, wollte keine Kinder mehr. Beim Zweiten, den sie durch eine Annonce kennen lernte, blieb sie bis zum Ende. Auch wenn er sich quartalsweise in den Eigensinn verabschiedete, los kam sie dennoch nicht von ihm. Wenn sie liebte, liebte sie richtig, unbedingt und langfristig wie im Roman.

Ihr erster Sohn wurde 1973 geboren, drei Jahre später der zweite. Zehn Jahre lebten sie als Familie zusammen, dann ließ sie sich scheiden. Gewohnt haben sie weiterhin zusammen, es dauerte noch fünf Jahre, bis sie eine eigene Wohnung fand. Wenn er umgänglich war, schlief sie bei ihm in der alten Wohnung, ansonsten bei ihren Söhnen. Vor zwei Jahren sind sie dann wieder zusammengezogen, die niedrige Rente, und die Kostenersparnis und die Liebe, die irgendwie doch nicht vergehen wollte.

Beruflich war er nicht überehrgeizig, sie hingegen hat gern gearbeitet. Erst bei der Bank, dann als Erziehungshilfskraft, weil da ihr Sohn mit in die Krippe kommen konnte. Zehn Jahre war sie bei der HO, der größten Einzelhandelskette der DDR, bis zur Wende, dann durfte sie sich selbst überflüssig machen. Bei Bergmann-Borsig fand sie eine Stelle in der Abteilung Rationalisierung, und auch da hat sie als eine der Letzten das Licht ausmachen dürfen. Danach immer nur befristete Jobs, meist sollte sie die Nachfolger noch selbst einarbeiten. Manchmal kam sie sich nutzlos vor, aber dann hat sie sich schnell wieder aufgerafft. Man kann eine Fantasie haben, aber die muss realistisch sein. Zum Träumen blieben die Romane. Sie hat auch sehr wachsam die Vorgänge in den europäischen Königshäusern verfolgt, ohne sich mit diesen Schicksalen allzu sehr zu belasten.

In den letzten Jahren arbeitete sie im Kindermuseum als Hilfskraft, aber mit viel Freude. Sie war in dem Rahmen glücklich, den sie übersehen konnte. Das war kein prunkvoller Rahmen, aber er hielt. Wenn sie Geburtstag hatte, sind sie essen gegangen. Ins Kino ging sie nur, wenn man sie an die Hand nahm. Politisch hatte sie eine Meinung zu allem, aber die war nicht unumstößlich, sie hörte auf Argumente, stur war sie nicht.

Ansonsten fuhr sie gerne mit dem Rad, weniger gern mit dem Auto. Große Reisen waren ohnehin nicht angesagt, früher vom Hundeverein aus ab und an in die Tschechoslowakei, später dann mit den Söhnen an die Nordsee. Da stand sie zuweilen auf dem Deich mit ausgebreiteten Armen und grüßte lautstark Land und Leute: Hallo Büsum!

Im letzten Jahr wurde sie abrupt schwächer. Im März ging sie zum Arzt, einen Monat später kam die Diagnose Lungenkrebs. Sie hat nicht über das Ende sprechen wollen. Nach der Behandlung würde sie nach Hause kommen, da war sie sich sicher oder tat zumindest so.

Annemarie ist schon immer gern über Friedhöfe gegangen. Sie hatte zuweilen so was Melancholisches, mochte es, sich ein wenig fallen zu lassen in die Rührung über das eigene Leben, das viel schöner hätte sein können, aber auch viel schlimmer. Also eigentlich war es genau richtig, so wie es war. Sie hat es geliebt. Und das sollten alle erfahren.

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