Nachruf auf Arno Hochmuth (Geb. 1930) : Vom Buhmann zum West-Fernseh-Experten

Arno Hochmuth war im ZK der SED für die Kultur verantwortlich. In den letzten Ulbricht-Jahren jedenfalls. Als Honecker an die Macht kam, verlor er seinen Funktionärsposten. Zu seinem großen Glück. Die Geschichte eines wechselhaften Lebens. 

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Arno Hochmuth
Arno HochmuthFoto: privat

Als sich der rundliche Mann an der Humboldt- Universität meldete, Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften, stieß er auf große Skepsis. Er war 42 Jahre alt, trug ein Parteiabzeichen am Revers und einen zweifachen Professorentitel vor dem Namen. Professor für Kulturwissenschaften und Ästhetik. So einen gab es hier noch nie. Man war entweder für das eine oder das andere zuständig. Und man hatte sich für das eine oder andere habilitiert. Er nicht.

Er kam vom Zentralkomitee der SED, wo sie ihn nicht mehr wollten, und sollte nun hier anfangen. Die Kulturwissenschaftler und Ästhetiker waren sich einig: Von dem war nichts Gutes zu erwarten. Beim ZK war er für die Kultur zuständig gewesen, sie kannten seinen Namen, Hochmuth. Er klang nach Bevormundung und Kontrolle.

Der Vater war Gelegenheitsarbeiter, die Mutter Portiersfrau. Eine DDR-Karriere: 1948 Abitur, nach zwei Jahren Lehrer für Deutsch und Geschichte, Lehrerausbilder, Aufbauhelfer an der Stalinallee, Wohnung in der Stalinallee, Promotion am Institut für Gesellschaftswissenschaften am ZK der SED, Thema: „Die Fäulnis des imperialistischen Systems als Grundlage der Apologetik der Dekadenzliteratur in Westdeutschland“. Dozent am selben Institut und schließlich, 36-jährig, Apparatschik, vermeintlich ganz weit oben.

Es war das Jahr 1966. Die SED hatte gerade beschlossen, dass schuld an der Verrohung der Jugend, an Nihilismus und Skeptizismus die Kunst sei. Filme waren verboten worden, Schriftsteller gemaßregelt. Und das Zentralkomitee der Partei brauchte einen neuen Abteilungsleiter Kultur, welcher die Beschlüsse den Künstlern zu erläutern hatte. Jung und ehrgeizig sollte er sein, ohne Hausmacht im ZK, denn dort gab es schon genügend Rangeleien. Und er sollte sich mit den Gefahren der Dekadenz auskennen.

Arno Hochmuth! Er bekam Limousine, Chauffeur und Dienstpistole sowie den Auftrag, die Genossen Künstler auf den rechten Weg zu führen. Das hieß vor allem, sie vom falschen abzubringen, auf den sie von ganz allein geraten waren. Also: Verbote verkünden, deutlich machen, dass es so und so nicht ging. Erwin Strittmatter etwa musste er erklären, warum eine Erzählung nicht erscheinen durfte – worauf der sich bei Kurt Hager beschwerte, dem Chefideologen im Politbüro, welcher wiederum entschied, dass die Erzählung doch erscheinen durfte, manchmal war man da flexibel. „Siehste, Hochmuth!“, rief danach der Strittmatter auf einer Versammlung.

Der Abteilungsleiter vom ZK war zwar ein hohes Tier, aber es gab noch höhere. Wenn die sich etwas ausdachten, musste er es als Gesetz verkünden. Wenn etwa jemand fand, dass Buchhändler die Namen von Kunden notieren sollten, welche Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ verlangten, so musste Arno Hochmuth das vertreten, ob er es nun gut fand oder nicht. Wo ein Genosse ist, ist die Partei.

Und wenn der Wind seine Richtung wechselte, musste jeder sehen, wo er blieb. Als 1971 Erich Honecker Walter Ulbricht ablöste, hieß es, die Partei solle auch mal auf die Künstler hören. So kam es zu einer erstaunlichen Begebenheit. Kurt Hager rief Arno Hochmuth zu sich und empfahl ihm, auf der nächsten Tagung der Schriftsteller nicht allzu viel über den Wandel in der Kulturpolitik und dafür mehr über die Fortschritte im Wirtschaftlichen und im Sozialen zu sprechen. Hochmuth tat, wie ihm empfohlen – und sollte noch mal zu Kurt Hager. Anna Seghers, Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, sei gerade bei ihm gewesen, sprach der Hager, und habe sich beschwert: So viel übers Wirtschaftliche und Soziale habe Hochmuth gesagt, alles Dinge, die längst im ND gestanden hätten, und kaum etwas über die Kulturpolitik. Was für ein Kulturpolitiker das denn sei? Daraufhin habe das Politbüro entschieden, dass man ihn, Hochmuth, ablösen müsse, so leid ihm, Hager, das auch tue.

Etwas Besseres konnte Arno Hochmuth nicht geschehen. Was war er denn gewesen? Erfüllungsgehilfe einer Politik, die er nicht zu bestimmen hatte, Buhmann jener Künstler, die er selbst verehrte. Jetzt freute er sich über einen milden Rauswurf. Mild, weil die, die ihn rauswarfen, jene waren, deren Politik er all die Jahre treu vertreten hatte. Sie schickten ihn an die Humboldt-Universität.

Die neuen Kollegen standen auf sicherem ideologischen Fundament, wo auch sonst. Dass man ihnen einen Aufpasser ins Nest setzte, befremdete sie selbstverständlich. Aber was sollten sie machen, die Partei hatte schließlich immer recht. Sie warteten ab. Und nahmen befriedigt zur Kenntnis, dass der neue Kollege sich ungefähr für das Gegenteil dessen interessierte, was sie selbst umtrieb.

Er beobachtete nicht sie und ihr Treiben in den hohen Sphären, sondern er blickte mit Lust und Vergnügen in die Gosse. In den Westen also, wo Dekadenz, Farbenpracht und Ablenkung vom Klassenkampf die Massenkultur bestimmten. Das machte er zu seinem Thema, da focht ihn niemand an.

Von 1972 bis 1990 befasste sich Arno Hochmuth mit der Unterhaltungskunst des Klassenfeindes. Was für ein Privileg! Ganz offen konnte er über seine Erfahrungen mit dem West-Fernsehen sprechen; welcher Genosse durfte das schon? Viele von ihnen getrauten sich nicht einmal, es zu empfangen. Einer solchen Kollegin vom Institut sagte er, sie müsse ihren Horizont erweitern und hin und wieder ARD und ZDF einschalten. Sie lehnte ab mit dem hellsichtigen Argument, sie müsse anderenfalls um ihren Klassenstandpunkt fürchten.

Er empfahl gar, dass man im „Neuen Deutschland“ West-Sendungen rezensierte. Was selbstverständlich nicht geschah. Und er bekam ein Dauervisum für den Westteil der Stadt. Dort sah sich der Professor die Filme an, vor denen seine Landsleute geschützt blieben. Das Eintrittsgeld bekam er von seiner Schwiegermutter, die Verwandte im Westen hatte.

Einmal war er in den USA, auf einer Studienreise. Das hat ihn tief beeindruckt. Und deprimiert: diese Autos, Supermärkte, endlosen Kühlregale, Scanner an den Kassen. Lauter Dinge, die der Sozialismus nicht hervorgebracht hatte, sondern der dekadent faulende Kapitalismus. Er kehrte zurück mit einer schlimmen Ahnung: Seine Seite, die sozialistische, würde im großen Wettstreit der Systeme unterliegen.

1987 legte er die B-Promotion ab, so hieß damals die Habilitation, und war endlich Prof. Dr. sc. Damit wuchs sein Ansehen bei den Kollegen, die längst wussten, dass er kein Aufpasser war, sondern schlicht ein Ex-ZKler, der seine Nische gefunden hatte. Ihm selbst war sein Titel ohnehin sehr wichtig, stolz stellte er auf Geburtstagen fest, wie viele Doktores anwesend waren. Denen war das eher peinlich, jedenfalls dann, wenn sie den Stolz des Aufstiegs nicht so tief empfanden.

Umso bitterer der Abschied aus der Universität. Wenige Monate nach dem Mauerfall war er der Erste von seinem Institut, der seinen Hut nahm. Fürs Protokoll zwar freiwillig, tatsächlich aber unter dem Druck der Kollegen. Er war der mit dem größten Makel in der Vita, der Ex-ZKler. „Bevor du uns alle mitreißt, geh’ doch bitte.“

Was hätte er auch weiter tun sollen? Man kann zwar nicht sagen, dass sich sein Forschungsgegenstand, die westliche Massenkultur, aufgelöst hätte. Aber seine Perspektive war ihm abhandengekommen, der befremdete, vermeintlich überlegene Blick von außen.

20 Jahre zuvor, Anfang der Siebziger, hatte Arno Hochmuth nicht nur als Uni-Professor einen Neuanfang erlebt. Auch die privaten Dinge waren ins Wanken geraten. Die erste Ehe mit immerhin vier Söhnen war zerbrochen; Hochmuth verliebte sich in eine Frau, die er mal als Lehrerin ausgebildet hatte, zog zu ihr und heiratete sie. 1977 kam sein fünfter Sohn zur Welt. Der war, als das Land des Vaters aufhörte zu existieren, zwölf Jahre alt. Und erlebte seinen Vater einen kurzen Augenblick lang verunsichert und haltlos. Er war 60 und stolz auf das, was er erreicht hatte. Doch was war das noch wert?

Der Bruch mag eine Rolle gespielt haben, dass der Sohn seinen Vater als einen zugewandten, nachdenklichen Menschen in Erinnerung hat, der kritisch auf sein untergegangenes Land zurückblickte. Sie sind gemeinsam durch West-Berlin gewandert. Arno Hochmuth kannte die bislang verbotene Stadt sehr gut. Und er hatte jetzt viel Zeit für seinen Sohn. Sie sprachen über das, was war, und das, was kommen würde. Für den Sohn ein ganzes Leben. Für den Vater ein resümierender Rest.

Man bat ihn, aufzuschreiben, was er erlebt hatte, doch er hat es nie getan. In den letzten Jahren, bevor er starb, hat Arno Hochmuth sein Gedächtnis verloren. Sein jüngster Sohn ist Historiker geworden.

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