Nachruf auf Ataman Dalaman (Geb. 1941) : Propagandist des Westens

In Istanbul ging er auf ein österreichisches Gymnasium, nach Berlin kam er als Diplomat. Was aber sollte er tun, als er seinen Posten verlor? Er war doch kein Gastarbeiter! Nachruf auf einen Berliner, der sich von den Eingeborenen sehr unterschied.

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Ataman Dalaman (1941-2016)
Ataman Dalaman (1941-2016)Foto: privat

Eine Reise im Zug nach Paris, ein Richter im Ruhestand, freundlich und interessiert, fragt sein Gegenüber, einen Herrn mit Krawatte, Einstecktuch und hervorragendem, leicht türkisch akzentuiertem Deutsch, wo er aufgewachsen sei. „Ach, in Istanbul. Da kommt mein Gärtner auch her. Hervorragender Mann.“

Er ahnt gar nicht, wie herablassend das in den Ohren seines Gegenübers klingen muss. Ihr Türken.

Ataman Dalaman ist kein Türke. Ein Deutscher aber auch nicht. Ein Berliner ist er, darauf kann man sich einigen, ein Berliner, der aus der Türkei stammt. Allerdings einer, dessen Leben wenig mit den Vorstellungen vom Türken in Berlin zu tun hat. Kein Gemüseladen, kein Fließbandjob, nicht mal ein Integrationsproblem.

Es fängt an, wie sollte es anders sein, mit seinem Vater, der den Namen seiner Heimatstadt übernahm, Dalaman. Damals, Mitte der dreißiger Jahre, war jeder Türke verpflichtet, einen Familiennamen anzunehmen. Schuld war ein gewisser Mustafa Kemal, dessen Ziel es war, sein Land in den Westen zu katapultieren, wo es sich gehört, dass jede Familie einen Namen trägt. Mustafa Kemal ließ sich Atatürk nennen, Vater der Türken.

Der Vater Atamans katapultierte sich selbst ins Westliche vermittels a) der Bildung: er studierte Medizin und zog als Lungenspezialist nach Istanbul, und b) der Heirat: er ehelichte eine 13 Jahre ältere Dame aus der höheren Gesellschaft. Dass man die Söhne auf eine internationale Schule schickte, verstand sich in dieser Schicht von selbst. Dass es im Fall der Dalamans ein österreichisch-katholisches Gymnasium sein sollte, war dann eher Zufall. Hauptsache nichts Islamisches. Die lehrenden Pater missionierten Ataman nicht zum Christentum, sondern allenfalls zur Philosophie und Literatur des Abendlandes. Das Deutsch, das er lernte, war ein österreichisches. Außerdem lernte er auf der Schule Serpil kennen, die drei Jahre jünger war, aber über Shakespeare weit besser Bescheid wusste als er. Die beiden waren das Traumpaar der Schule.

Ganz anders Ataman

Es waren die sechziger Jahre, sie lasen Camus und Sartre, sie trugen schwarze Pullover, gingen in Jazzkeller und auf Demonstrationen, sie diskutierten, wie links man sein musste, Ataman studierte deutsche Literatur und Philosophie, Serpil Amerikanistik. Und sie lebten noch lange nicht in Berlin, sondern nach wie vor in Istanbul.

Sie bekamen einen Sohn, Serpil unterbrach ihr Studium, Ataman tat, was ein Germanist und Philosoph mit Familie und Verantwortungsgefühl tut: Er ging in die Wirtschaft und verdiente gut.

Es kamen die siebziger Jahre, die Dalamans lebten in einem eigenen Haus, Cem, der Sohn, besuchte das österreichisch-katholische Gymnasium. Die politischen Verhältnisse spitzten sich zu, es gab rechten Terror und linken Terror, Regierungen wechselten, die Wirtschaft stagnierte. Ataman und seine Frau dachten darüber nach, ins Ausland zu gehen, da bekam er ein Angebot des Außenministeriums: gesucht wurde ein Ataché für Arbeit und Soziales am Konsulat in West-Berlin.

Türken seiner Schicht und Bildung, so sie denn ins Ausland gingen, gingen nicht nach Deutschland, geschweige denn nach West-Berlin. Nach Deutschland gingen die einfachsten Leute, die bereit waren, die einfachsten Arbeiten zu verrichten. Dafür wurden sie geholt. Sie konnten nicht die Sprache, sie wussten nicht, worauf sie sich einließen. Ganz anders Ataman. Er war Diplomat und zog selbstverständlich nicht nach Kreuzberg oder Wedding, sondern nach Charlottenburg in eine herrschaftliche Wohnung.

Heimat. Für viele ist das der Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Für Ataman und Serpil war es die Kultur, die sie seit ihrer Schulzeit aufgesogen hatten. Wie besessen besuchten sie Theater, Konzerte, Ausstellungen, sie fuhren rüber nach Ost-Berlin, tauschten die 25 West- in 25 Ost-Mark und konnten sich davon weit mehr als nur die Karten fürs „Berliner Ensemble“ leisten. Das neue Leben in Berlin war wie ein Ankommen an einem Sehnsuchtsort. Sie waren jetzt Berliner, und sie waren so anders als die Berliner, die von hier stammen. Jene nämlich mögen stolz sein auf die Theater, Konzerte, Ausstellungen, die ihre Stadt zu bieten hat; sie besuchen sie nur nie, jedenfalls nicht heute, denn sie können das ja auch noch morgen tun, wahlweise übermorgen. Ataman und Serpil lebten in der Annahme, jede kulturelle Chance ergreifen zu müssen.

Tatsächlich sah es nach dem Putsch in der Türkei, September 1980, so aus, als seien die Berliner Tage der Dalamans gezählt. Behielt ihn das Militärregime im diplomatischen Dienst? Sollte er dem Regime dienen? Er tat es noch zwei Jahre, so lange, bis sein Vertrag auslief.

Was aber sollte folgen? Ataman war eine angesehene Person, ein Diplomat mit Dienstwagen, alles andere als ein Gastarbeiter. Sollte er in Berlin bleiben ohne jede Chance auf eine Anstellung mit einem ähnlichen Prestige? Zurück in die Türkei, womöglich nach Ankara? Die Entscheidung fällte Serpil, seine Frau: Wir bleiben hier! Sie war aufgeblüht, hatte noch einmal begonnen zu studieren. Sie wollte nicht mehr in die alte Fremde.

Ataman brachte die Stärke auf, sich seiner Frau zu fügen. Er war Anfang vierzig, jung genug für eine neue Laufbahn. Wobei Laufbahn nach Karriere klingt, und eine Karriere kann man das, was kam, kaum nennen. Eher: eine Leistung, eine große, bewundernswerte Leistung. Er wurde Lehrer an der Volkshochschule, nicht mehr, nicht weniger.

Macht nicht die Fehler euer Eltern!

Türkische Gastarbeiter zogen nicht, wie einst gedacht, zurück in die Türkei, sondern sie holten ihre Frauen und Kinder zu sich nach Deutschland. Die Kinder mussten minderjährig sein, sonst ließ man sie nicht rein. So kamen viele tausend junger Türken ohne Schulabschluss und ohne ein Wort Deutsch in eine ihnen völlig fremde Kultur. Hier hatten sie klarzukommen, ob sie das wollten oder nicht. Ataman, der sich genau diese Kultur ausgesucht und zur seinen erklärt hatte, gab an der Volkshochschule Wedding, später Mitte Sprach- und Integrationskurse für diese Neuankömmlinge.

Ein Glücksfall für alle: Die Schule konnte gar keinen besseren Lehrer finden. Die jungen Türken auch nicht. Da stand eine Autorität vor ihnen, ein Mann, dessen Türkisch schon nach Bildung und nach Aufstieg klang, und dann sprach er auch noch blendend Deutsch und schwärmte von dem neuen Land und seinen Möglichkeiten. Macht etwas aus euch, es lohnt sich! Macht nicht die Fehler eurer Eltern, spart kein Geld für eure Rückkehr, sondern gebt es aus! Geht auf den Ku’damm ins Café, ach was, macht ein Café auf dem Ku’damm auf! Aber vorher: Lernt! Tausende von Jugendlichen führte Ataman auf die wichtigste und schwierigste Reise ihres Lebens, die Reise in die Welt, die ihre Eltern, die in Deutschland unter sich geblieben waren, kaum betreten hatten.

Wo deutsche Lehrer mit Jeans, Schlabberpullover und Kumpelattitüde um freundliche Aufmerksamkeit buhlen, stand er mit Anzug, Schlips und Einstecktuch vor seinen Schülern und forderte zuallererst Respekt. Vor ihm und vor der großen Lernaufgabe. Dass er Erfolg hatte, erfuhr er oft genug, wenn er auf Türken stieß, die längst Deutsche waren, und die ihre Reise mit ihm begonnen hatten. Dank und Ehrerbietung erntete er – und das war nun sein Glücksanteil an der Geschichte.

Vom Diplomaten zum Volkshochschullehrer – für jemanden, dem viel an seinem Renommee liegt, ist das ein Abstieg. Ataman kam damit zurecht, weil er wusste, dass er das Richtige tat. Fürs Selbstwertgefühl trug er die guten Anzüge, bewohnte mit seiner Frau die riesige, sehr herzeigbare Wohnung und besuchte sonnabends die „Paris Bar“. Dort kannte man ihn, dort wusste man, dass er den Sancerre besonders mochte.

Dass er als Rentner weiter unterrichtete, verstand sich eigentlich von selbst. Aber es fiel ihm in den letzten Jahren schwerer, die jungen Leute zu erreichen. Der Propagandist des Westens schaute immer öfter in fragende Gesichter. „Warum interessiert ihr euch nicht für die Deutschen?“, fragte er. „Interessieren die sich denn für uns?“, fragten die zurück. Und wenn er merkte, dass da Erdogan-Fans vor ihm saßen, war er völlig ratlos: „Was wollt ihr von dem Chef des Landes eurer Großeltern? Euer Chef heißt Merkel …“

Die meisten Türken, die in Deutschland sterben, lassen sich in der Türkei bestatten. Wie gesagt, er war kein Türke. Sein Grab ist auf dem Waldfriedhof in Dahlem. Da liegen Gottfried Benn, Friedrich Luft, Richard von Weizsäcker. Eine gehobene Gesellschaft, ausgesprochen deutsch.

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