Nachruf auf Christian Semler (Geb. 1938) : Und wenn die Revolution ausbleibt?

In seinen kämpferischen Jahren war Christian Semler Studentenführer, maoistischer Sektenchef und Unterstützer polnischer Oppositioneller. Der Nachruf auf einen, der zur Besinnung kam.

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Christian Semler, der "Taz"-Autor in den neunziger Jahren
Christian Semler, der "Taz"-Autor in den neunziger JahrenFoto: Wolfgang Borrs

West-Berlin im Jahr 1968, eine Demonstration der revolutionären Studenten eskaliert, alles ist in Bewegung, die Studenten fliehen vor der Polizei. Irgendwo dazwischen einer der wortmächtigsten und theoriesichersten Anführer der Revolte. Er ist quasi blind, weiß gar nicht, wo er hinläuft. An seiner Seite rennen Studenten mit geringeren Kenntnissen der Revolutionstheorie und besseren Augen und rufen ihm zu: „Jetzt links, Christian! – Jetzt rechts!“

Wenn sie nicht rennen, sondern sitzen, wenn sie Texte diskutieren, Strategien entwickeln, Flügelkämpfe austragen, weiß niemand besser als Christian Semler, wo links ist und wo rechts. Er ist auch schon ein wenig älter als die meisten anderen, hat ein Jurastudium hinter sich, die „Klassiker“ gelesen, dazu noch Benjamin und Brecht. Wie die anderen kommt auch er aus bürgerlichem Haus in Westdeutschland, anders als die anderen hat er dort schon eine längere linke Geschichte hinter sich gebracht. Sein Vater hatte die CSU mitgegründet, Grund genug, sich im anderen Lager zu betätigen, bei den Gegnern der Wiederbewaffnung, bei der SPD, dann bei den Kommunisten. Die Kommunisten in München aber waren ein kleiner, eingeschüchterter Haufen, nichts für ihn. Als er hörte, dass die Studenten in West-Berlin bereits die Weltrevolution vorbereiteten, machte er sich auf den Weg dorthin. So die eine Version. Eine andere handelt von einer zerbrochenen Liebesbeziehung und der Flucht auf die ferne Mauer-Insel, wo ihn keiner kannte.

Dass er im West-Berliner SDS, dem Sozialistischen Studentenbund, schnell zum Wortführer wurde, ist gut belegt, da gibt es Fotos, auf denen wir einen Mann mit dicker Brille vorm runden Gesicht sehen mit Lederjacke, wirrem schwarzem Haar, Schnauzbart, der Rest nicht sehr rasiert: ein junger Bürger, der Wert darauf legt, als Bürgerschreck erkannt zu werden.

Im SDS-Vorstand gehörte er zu den Heißspornen: Wenn er von einer Demonstration hörte, stürzte er dorthin; möglich, dass er sonst den endgültigen Ausbruch der Revolution verpassen würde. Schwierigkeiten bereiteten ihm dabei nicht nur die schlechten Augen, sondern auch die Lunge. Ein Weggefährte erinnert sich, wie Semler bei einer jener Demohetzereien keuchte: „So geht’s nicht weiter. Wir müssen beschließen, mit dem Rauchen aufzuhören.“

In den folgenden Jahren bewies er eine geradezu erschreckende Konsequenz, wenn es um die große Politik ging. Von seinen Selbstgedrehten konnte er nie lassen. Er qualmte weiter wie ein Schlot, als er sich vom Sponti-Revoluzzer zum Sektenchef verwandelte. Womöglich war das der letzte Luxus, der ihm blieb, denn seine Sekte, KPD-AO, verbot nicht nur dem Fußvolk ausschweifenden Lebenswandel. Wer Geld verdiente, musste alles über 800 Mark an die Partei abtreten, Hauptamtliche wie Christian Semler erhielten 800 Mark aus der Revolutionskasse.

Das waren die Jahre 1970 bis 1980, eine Zeit, an die er sich später nicht so gern erinnerte. Den Wettbewerb „Deutschland sucht die Superrevolutionäre“ hätten Semler und Genossen locker gewonnen.

Im Jahr 1973 interviewte ein langhaariger Journalist mit gigantischen Koteletten und ordentlichem Scheitel den überaus grau wirkenden Vorsitzenden der KPD, der Pollunder und Jackett trug. Ulrich Wickert befragte Christian Semler zum Realismus seines Kampfes. Mit ernster Miene und dampfender Kippe dozierte jener: „Träumer sind diejenigen, die glauben, mit Reformen die kapitalistische Gesellschaft überwinden zu können. Realisten sind diejenigen, die den Gewaltapparat des Monopolkapitals analysiert haben und die wissen, dass der Weg zum Sozialismus nur über die bewaffnete Auseinandersetzung der Volksmassen führen kann.“

Semlers KPD – das AO für „Aufbauorganisation“ ließen sie irgendwann ganz unbescheiden weg –, das waren die Maoisten, für die selbst die Sowjetunion ein Hort des Verrats und der Konterrevolution war, von der kleinbürgerlich spießigen DDR ganz zu schweigen. Ihr Deutsch bestand vor allem aus Substantiven, ihre Hoffnung ruhte auf den „werktätigen Massen“. Sie stellten sich mit roten Fahnen vor die Fabriktore, sangen Kampflieder und verteilten Flugblätter, auf denen sie die Kulturrevolution im fernen China erläuterten. Wie aus der Zeit gefallen wirkten sie, denn sie knüpften an die vermeintlich guten Zeiten der alten Thälmann-KPD an. Die Frage eines alten SDS-Mitkämpfers, was das soll, beantwortete Semler mit dem Verweis auf Bertolt Brecht: Der habe im Theater die Menschen zum Guten wandeln wollen. Wenn die Menschen nicht ins Theater kämen, müsse das Theater nun zu ihnen kommen.

Das war ganz ernst gemeint. Für Leute, die ihn später kennen lernten, diesen witzigen und klugen älteren Mann, war es schwer vorstellbar, dass derselbe mal dieser Sekte vorgestanden hatte, in der die kleinsten Abweichungen als „Revisionismus“, „Rechtsopportunismus“ oder, ganz schlimm, „Versöhnlertum“ beschimpft und geahndet wurden. Wo der Parteivorstand über die Lebenswege der Genossen verfügte: Wie kann sich einer „Revolutionär“ nennen, der sich nicht ganz für die Revolution hergibt?

Was aber, wenn die Revolution ausbleibt? Wenn sich die „Volksmassen“ anders verhalten als geplant? Nach zehn Jahren des vergeblichen Kampfes löste sich die Partei selbst auf. Was für Christian Semler nicht das Ende aller Kämpfe war. Mochte sich der Kapitalismus als zu zäh und die westdeutschen Werktätigen als zu satt und müde erwiesen haben, so lagen die Dinge in Osteuropa anders, die Unterdrückungsmechanismen waren offensichtlicher. Semler hatte Kontakte zu oppositionellen Gruppen in Polen und Jugoslawien; in den Achtzigern widmete er sich ganz ihrer Sache. Er war ja einer, der vom und für das Kämpfen lebte. Während andere im Westen es bei Lippenbekenntnissen beließen, fuhr er durch die Länder, leistete Kurierdienste, schrieb Artikel. War das ein Akt der Reue für die Verfehlungen der Siebziger? Dass er jetzt auf der Seite der Freiheit stand, darüber gab es keinen Zweifel. Ein kompletter Bruch mit den alten Ideen war es aber auch nicht. Die Maoisten hatten die östlichen, sowjethörigen Regime nie akzeptiert. Christian Semler also blieb ein Linker, jetzt aber einer, dem jegliches Autoritäre ausgetrieben war.

Mit dem Jahr 1989 und der Auflösung der östlichen Diktaturen gelangte auch die Karriere des Kämpfers Semler an ihr Ende. Er ging zur linken „Tageszeitung“, „Taz“, und war nun Deuter, Welterklärer. Mit seiner heftig linken Vergangenheit war er dort noch keine Ausnahme. Mit seinem unglaublich breiten Wissen aber fiel er auf – mit seiner zurückhaltenden und dennoch effizienten Art zu diskutieren erst recht. Es war ja üblich bei der „Taz“, dass in den Debatten die Fetzen flogen. Lauter Menschen mit sehr viel Ahnung, noch mehr Meinung und total gleichen Rechten. Christian Semler, gestählt in den Debatten der Achtundsechziger, abgehärtet in den Flügelkämpfen der Siebziger, abgeklärt in den Achtzigern, wusste, was da half: lange schweigen, die Aufregung den anderen überlassen, um schließlich, wenn die Kräfte des Plenums schwanden, mit ruhiger Stimme die Dinge in ein komplett anderes Licht zu rücken.

Er war, so heißt es, humorvoll, freundlich und gelassen jedem gegenüber, ohne Ausnahme. Für manche, die ihm gerne nähergekommen wären, blieb aber eine Leerstelle. Man konnte mit Christian Semler bestens über Vorratsdatenspeicherung und Balkanpop sprechen, über ihn selbst erfuhr man nicht so viel. Er schrieb kluge, lange Texte über den Rechtsstaat, Gewerkschaftstaktik, über eine Calvin-Ausstellung, seine Artikel über die linke Bewegung der vergangenen Jahrzehnte waren kenntnisreich und kritisch. Ein „Ich“ las man da jedoch ganz selten. Christian Semler gab Auskunft über Phänomene. Über seine eigene Rolle mittendrin sprach er kaum.

Bascha Mika, ehemalige Chefredakteurin der „Taz“, beschreibt im Nachruf für ihn, mit welch knappen Worten er eine Leitungsrolle in der Redaktion mal abgelehnt hatte: „Ich war mal Chef, es hat mir und anderen nicht gutgetan.“

Aus dem klugen wirren Kämpfer war ein kluger alter Mann geworden – der allerdings noch schlechter sah als früher. Eine andere ehemalige Chefredakteurin erinnert sich daran, wie sie ihn mal auf der Straße vor dem „Taz“-Gebäude erblickte. An der Bushaltestelle stand er, rauchte eine nach der anderen und merkte gar nicht, wie die Busse an ihm vorbeifuhren. Die Haltestelle war verlegt worden, den Hinweis auf dem Schild hatte er nicht gesehen. „Wir haben ihn dann da weggeholt, sonst hätte er noch ewig da gestanden, geraucht und nachgedacht.“

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