Nachruf auf Constantin Seeber (Geb. 1984) : Das überlebst du nicht!

Was tut man, wenn einer keine Grenzen kennt? Wenn Konsequenz nichts bringt und Liebe auch nicht. Der Nachruf auf einen, der Vertrauen suchte, dem aber nicht zu trauen war.

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Constantin Seeber (1984-2016)
Constantin Seeber (1984-2016)Foto: privat

Vertrauen

Es war eine warme Spätsommernacht vom siebten auf den achten September. Kurz vor zwölf schickte Constantin seiner Mutter eine Nachricht: „Bist du wach?“ War sie. Er stand vor ihrer Haustür, sie kam runter, er strahlte. „Steig auf. Lass uns ein Stück fahren!“ Er zeigte stolz auf die Honda, wo auch immer er die nun wieder her hatte. „Nur die Hildegardstraße hoch und runter. Wirst sehen, das macht Spaß.“ – „Ich hab doch gar keinen Helm.“ – „Nimm meinen!“ Und er guckte sie so an mit seinen schönen Augen.

Sie nahm ihn, überrumpelt, wie betäubt, zog ihn auf, setzte sich hinter ihren Sohn, umklammerte seine Hüften, und es ging los, die Hildegardstraße einmal hoch und einmal runter. Alles war frei, Constantin gab Gas, sie hielt sich an ihm fest und immer fester. Eine kurze Raserei, ein Augenblick, in dem das Schicksal ganz in seiner Hand lag.

Wieder vorm Haus, zog sie den Helm von ihrem verschwitzen Kopf, und Constantin strahlte noch mehr als zuvor: „Danke, dass du mir vertraut hast.“

Sie ging hoch, freute sich auf den ersten Stufen über diesen Moment des ungetrübten Beieinanderseins. Freute sich, dass sie ihrem Sohn vertraut hatte. Einen Treppenabsatz höher fragte sie sich: Bist du denn bescheuert? Der Kerl hatte keinen Helm auf! Wie der gerast ist, hätte mir der Helm auch nicht geholfen.

Es war ja gar kein ungetrübtes Beieinandersein. Es war ein Rausch, ein trügerischer Rausch.

Liebe

Sarah war 17 und befand sich auf einer nicht allzu geraden Bahn, sie kiffte viel und stieß zu einer Clique von Vielkiffern. Constantin baute die größten Joints. Was ihn für Sarah besonders machte, war jedoch was anderes: Dieser blendend schöne, starke Kerl, der hatte sein Leben im Griff. So sah es aus.

Constantin trainierte Basketball und machte eine kaufmännische Ausbildung. Gut, das Arbeitsamt kam dafür auf, aber er war auf einer Spur. Er besaß ein Auto. Gut, seine Mutter hatte es bezahlt, aber er nutzte es zum Geldverdienen. Fuhr Pizza aus und nahm sie mit auf seine Touren. Dann hockten sie zusammen in seiner kleinen Karre und sahen auf die Welt da draußen. Eine große Welt war das, kompliziert und voller Ansprüche. Man konnte Substanzen zu sich nehmen, da wurde diese Welt ganz klein und anspruchslos, das wussten sie gut. Wer aber Pizza ausfährt, will das nicht für immer tun. Constantin, so viel war sicher, wollte mehr.

In den Wochen und Monaten, in denen die beiden sich liebten, war er bei den großen Abstürzen der Clique nicht dabei. Wenn die anderen die Wochenenden durchmachten und es längst nicht bei der Kifferei beließen, dann ohne ihn. So sah das aus, für sie.

Der Vater

Zur Welt ist er gekommen, als seine Mutter gerade den Bescheid bekommen hatte, dass sie in den Westen durfte. Dass sie ohne Constantins Vater übersiedelte, war egal, er hatte keinen Sohn gewollt, die Beziehung war vorbei. Mit drei fragte Constantin, wo sein Vater sei. „Der ist nicht hier“, sagte sie. „Dann gehen wir ihn suchen“, sagte Constantin und machte ein Spiel daraus. Er lief vorneweg, sie hinterher, „Papa suchen“, und er hatte eine große Ausdauer dabei.

Als Constantin in die Schule kam, fand die Mutter, jetzt sei es an der Zeit, und suchte wirklich nach dem Vater, fand ihn und siehe da, er wollte den Sohn kennenlernen. Als er an der Wohnungstür klingelte, rannte Constantin vor Aufregung in den Kleiderschrank. Er bekam eine Klingel für sein Fahrrad, es gab Eis, die Mutter sah die Ähnlichkeiten zwischen Sohn und Vater. Der sagte, dass er Constantin jetzt regelmäßig sehen wolle. Er würde ihn mindestens einmal in der Woche von der Schule abholen. Was leider nicht geklappt hat. Der Vater hatte Wichtigeres zu tun.

Allein

Der Direktor des Friedrich-Ebert-Gymnasiums hielt eine Rede für die neuen Schüler und ihre Eltern. Eine Warnung sprach er aus: „In der Neunten wird es schwierig.“ Das zeige die Erfahrung. Die Mutter erinnert sich an ihr Gefühl, als sie das hörte: So schlimm wird’s nicht werden. Wurde es aber, genau ab der Neunten. Constantin war angeödet von der Schule. Er fand kiffende Freunde, kiffte mit und lag am Morgen wie ein Stein im Bett, unweckbar. Er ging kaum noch zur Schule.

Die Mutter suchte amtlichen Beistand, ein „Einzelfallhelfer“ kam, Ronny. Ein guter Typ, der Constantins Vertrauen errang – und wieder verlor. Brachte ihn vorn in die Schule, Constantin ging hinten wieder raus. Fachleute vom Jugendamt rieten: Der Junge muss aus diesen Kreisläufen raus, möglicherweise sind sie zu nachgiebig, Frau Seeber. Schicken sie ihn eine Zeit lang ins Heim.

Die Mutter schickte ihren Sohn ins Heim. Sie kam sich vor wie eine Verräterin, obwohl er einverstanden war. Er sah ja selbst, dass es zu Hause nicht gut lief.

Nach drei Monaten warfen sie ihn raus, denn auch im Heim hielt er sich an keine Regel. Die Fachleute empfahlen der Mutter: Seien Sie konsequent! Constantin ist alt genug, Verantwortung für sich zu übernehmen. Es gibt Hilfe für ihn; er muss sie sich nur selbst holen.

Constantin schlief bei Freunden, er verbrachte Nächte in Parks und auf der Straße. Es war der warme Sommer 1999. Als seine Mutter ihn zufällig im Park traf, es war der Tag der Sonnenfinsternis, sagte sie: Komm nach Hause. Wir versuchen es noch mal.

Vater sein

Die Dinge mit Sarah waren kompliziert. Sie selbst hatte ihre Baustellen, und Constantin war längst nicht so stabil, wie sie geglaubt hatte. Viel zu viele Joints, und wenn er zu benebelt war, ein Näschen Kokain zur Auffrischung. Was er sonst noch zu sich nahm, erzählte er ihr nicht. Die Ausbildung brachte er irgendwie über die Runden, die Abschlussprüfung hat er dann verpennt und die Nachprüfung auch. Als Sarah schwanger wurde, waren sie schon nicht mehr so richtig zusammen. Wie gesagt, es war kompliziert.

Constantin wollte trotzdem, dass sie das Kind bekam, und Sarah wollte das Kind auch. Bei Lenis Geburt war er dabei. Als Mutter und Kind fünf Tage später aus dem Krankenhaus entlassen wurden, kam er nicht, obwohl er es versprochen hatte. Da saß Sarah auf der Bettkante, heulte und ahnte, dass Leni mit ihrem Vater nicht mehr Glück haben würde, als Constantin es mit dem seinen hatte.

Absturz

Seit einem guten Jahr wussten alle, dass Constantin Heroin nahm. Als er Sarah im letzten Januar besuchte – sie lebt seit Jahren mit einem anderen Mann und Leni in Süddeutschland – da war er so absurd drauf, dass sie ihm ins Gesicht sagte: Wenn du jetzt nicht die Kurve kriegst, dann gehst du vor die Hunde! Jerôme, ein Freund aus alten Schulzeiten, der ihn sehr mochte und – wie alle anderen – immer wieder die Hoffnung geschöpft hatte, dass Constantin, der starke, kluge Constantin, sich fangen würde, konnte es nicht fassen, als der das Heroin in einem Nebensatz erwähnte. Bist du wahnsinnig? Das überlebst du nicht! Und schon redete Constantin von irgendwas ganz anderem. Die Mutter, als sie es erfuhr, versuchte es wieder mit Konsequenz: So lange du mit dem Zeug zu tun hast, kommst du nicht in meine Wohnung!

Das war der Grund, warum Constantin ihr in der lauen Septembernacht die Handynachricht gesandt hatte und nicht nach oben gekommen war. Eine Annäherung. Ein verzweifeltes, verrücktes Vertrau- mir-doch. Ein Beweis, dass ihm nicht zu trauen war.

Anfang Oktober ist Constantin in seiner Wohnung gestorben. Eine versehentliche Überdosis? Vielleicht die Wechselwirkung mit einem Medikament?

Fragen

Die Mutter zermartert sich den Kopf. Ist es verantwortungslos, ein Kind zu bekommen, wenn man weiß, dass es keinen Vater haben wird? Sie erinnert sich an die Sache mit der Stillerei. Constantin war zwei Monate alt, da bekam er statt der Brust mal die Flasche, und das Loch war viel zu groß. Danach war an Stillen nicht mehr zu denken. Kam da diese Maßlosigkeit her? Er wollte immer alles, sofort. Hat sie das Kind zu sehr verwöhnt? Sie setzte ihm doch immer wieder Grenzen, hat es jedenfalls versucht. Er hat sie immer wieder eingerissen. Er ist zu Therapien gegangen und hat sie abgebrochen. Hätte man ihn zwingen müssen? Waren es die falschen Freunde? Aus der Clique sind vor Constantin schon zwei andere draufgegangen.

Sarah bemüht sich um eine feste Stimme: Constantin war ein erwachsener und kluger Mann. Er hatte alle Chancen. Er hat sich dagegen entschieden.

Leni, die Tochter, schaut sich Prinzessinnenfilme auf YouTube an. Sarah fragt sich, wie man einem Kind beim Trauern hilft. Und wie man ihr die Sache mit ihrem Vater erklären soll.

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