Nachruf auf Dorothea Weise : Die Farbe und die Malerin

An ihr war nichts Verbissenes. Doch auf ihrem Selbstporträt blickt sie streng. Was bleibt, ist die Frage: Warum so ernst?

von
Dorothea Weise selbst, auf ihrem letzten Bild
Dorothea Weise selbst, auf ihrem letzten BildFoto: privat

Das letzte Bild, das Dorothea Weise fertiggestellt hat, hängt im Wohnzimmer der Wohnung in Steglitz, in der sie bis zu ihrem Tod gelebt hat. Es ist ihr erstes Selbstporträt: In nichts als ein weißes Tuch gehüllt sitzt die Künstlerin mit der stachligen Frisur auf einem schwarzen Klappstuhl. In ihrer Hand hält sie eine Schale voll roter Flüssigkeit, Blut vielleicht, vielleicht auch Farbe. Die Malerin sieht streng aus, fast wütend; ganz anders, als ihre Freunde und Familie sie kannten.

Sie war eine, die lachte, gern und viel. Eine, die eine Laufgruppe organisierte, und regelmäßig zum Essen und Feiern zu sich einlud. Eine, die Elternsprecherin an der Schule ihrer Söhne war und immer da, wenn Fabian und Jakob sie brauchten. Eine auch, die mit Leidenschaft „Game of Thrones“ las und sich als „WomanOfWar“ in Foren mit anderen über die Bücher unterhielt, dabei gern auch provozierte. Eine, die ihr Mann Hartmut, mit dem sie mehr als 40 Jahre zusammen war, „Beziehungsmanagerin“ nannte.

Da war nichts Strenges an ihr, nichts Verbissenes. Und trotzdem hängt an der Wohnzimmerwand dieses Selbstporträt. 90 mal 60 Zentimeter Öl auf Leinwand, von denen sie streng in den Raum blickt – und was bleibt, ist die Frage: Warum so ernst?

Dorotheas Mutter ist bereits 46 Jahre alt, als 1956 ihre erste und einzige Tochter geboren wird. Ihr Vater, damals schon über 60, arbeitet als Techniker beim „National Cash Register“. Als das Mädchen neun ist, stirbt er. Dieser frühe Verlust prägt sie, von da an sucht sie enge Verbindungen und hält die, die sie gefunden hat, fest.

Als sie Hartmut kennenlernt, ist sie in der elften Klasse. Er sitzt im selben Englischkurs, das Mädchen mit den langen blonden Haaren fällt ihm auf, weil sie aktiv ist, kein Mäuschen wie manch andere. Er fragt sie, ob sie mit ihm ausgehen will. Sie sagt ja, und das ist es dann.

Sie studieren gemeinsam, Volkswirtschaft an der FU, weil das der politischen Ökonomie am nächsten ist. Sie sind politisch aktiv, werden Mitglieder in der „Gruppe internationaler Marxisten“, gehen auf Demonstrationen gegen Franco, gegen die Antiterrorgesetze, gegen Franz Josef Strauß.

Nach dem Studium beginnen sie, an der Uni zu arbeiten. Doch Dorothea merkt schnell, dass sie eigentlich etwas anderes will, etwas ganz anderes tun muss. Malen. Sie studiert Kunst an der HdK und später, als Hartmut nach Paris versetzt wird, an der „École des BeauxArts“.

Ihre ersten Werke sind spontane, gegenständliche Bilder, danach gestaltet sie für eine Weile Objekte, denen sie keine Namen gibt. Sie ist auf der Suche nach ihrem Stil, sie probiert sich aus.

Als 1998 Dorotheas Mutter stirbt, findet sie zu sich. Sie malt jetzt große Bilder, Ölgemälde im Stil der alten Meister, die sie über Monate sorgfältig komponiert. Und sie beginnt, ihren Werken Namen zu geben. „Nachtfalter“ zeigt eine halb nackte Frau mit zwei weißen Wieseln auf dem Schoß, die mit einer Kerze Motten verbrennt. Ein anderes, „Warum hast du so große Augen“, zeigt eine alte und eine junge Frau, die mit Wolfsfellen über den Schultern über einem Kuchen und einer Flasche Wein im Schnee stehen. Immer wieder tauchen Zitate aus Mythologie, Märchen und Kunst in ihren Bildern auf, sie deuten magische Geschichten an, immer liegt ein Sog in ihnen.

Hartmut hat inzwischen einen Job in der freien Wirtschaft, ist wenig zu Hause. Und obwohl sie in einem Atelier im Erdgeschoss, gleich unter der gemeinsamen Wohnung malt, und sich um Jakob und Fabian kümmert, steht sie jeden Morgen um halb sieben auf, arbeitet mit täglicher Regelmäßigkeit an ihren Werken. Sie ist keine Hausfrau, das ist ihr wichtig. Sie ist von Beruf Malerin.

Dass sie mit ihren Bildern kaum Geld verdient, stört Dorothea nicht. Auch deshalb, weil sie gar nicht so genau weiß, ob sie das überhaupt möchte. Sie will bei ihrer Kunst keine Kompromisse eingehen, sie malt nicht nach Modeerscheinungen. Sie malt, weil sie nicht anders kann. Gleichzeitig stellt sie hohe Ansprüche an sich selbst, nie ist sie sich sicher, ob sie ihren eigenen Erwartungen genügt.

Kurz nach ihrem 60. Geburtstag sind die beiden im Urlaub auf Rügen, wo sie ein kleines Häuschen haben. Hartmut ist frisch im Ruhestand, Dorothea hat ihn jetzt wieder ganz für sich. Am Morgen nach ihrer Ankunft fühlt sie sich schlecht. Sie legt sich kurz hin, will sich ausruhen. Als Hartmut nach einer Stunde nach ihr sieht, ist sie tot. Herzinfarkt, vermuten die Ärzte.

Hartmut glaubt, dass Dorothea in den letzten zwei Jahren begann, künstlerisch ein wenig mehr in sich zu ruhen. Sie haderte weniger, sagt er. Und der strenge Blick auf ihrem Selbstporträt? Vielleicht ist es der Blick der Frau, die nie streng zu anderen war, als Künstlerin sich selbst gegenüber und gegenüber ihrer Kunst aber immer noch. Sie hat es „Die Farbe und die Malerin“ genannt.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben