Das Treffen mit den Eltern

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Nachruf auf einsamen Mann in Berlin : Sieht mich jemand?
Lena Niethammer

Das mit der NPD, seine politische Zeit, wie Dose sie nannte, begann, als er mit dem Alleinsein nicht mehr zurechtkam. Er saß viel vor dem Fernseher, und was er dort in den Nachrichten sah, all diese Kriege, das Unrecht, die Tierversuche, das machte ihn fertig. Er dachte, man müsste das alles ganz anders machen, und als er die von der NPD kennenlernte, meinten die, sie würden auch alles ganz anders machen wollen. Das habe ihm gefallen. Sie sagten, er müsse ihnen unbedingt helfen. Gemeinsam könnten sie etwas erreichen.

Es ging allerdings erst einmal mehr darum, gemeinsam zu trinken und über dies und das zu reden. Kam das Gespräch doch mal auf Politik, habe ihn das belastet und überfordert, erzählte Dose. Irgendwann ging er lieber wieder in den Zoo.

„Aber manches von der NPD ist halt schon richtig“, sagte er.

„Und was bitte?“, fragte ich.

Wir diskutierten bestimmt zwei Stunden. Dose vertrat einen Standpunkt irgendwo zwischen Pazifist und nachgeplapperten NPD-Parolen. Ich vertrat den Standpunkt, dass sein Standpunkt keinen Sinn ergibt. Irgendwann las ich ihm das Parteiprogramm der Linken vor, dann das der Tierschutzpartei. Man sah Dose an, dass er zweifelte, aber er blieb ein sehr stolzer Mann – und hielt dagegen.

Ein paar Tage später schrieb er mir eine Mail: „Hallo, ich habe nochmal über etwas nachgedacht. Du hast gefragt, ob ich nicht doch noch hoffe, dass alles besser wird. Wenn ich so überlege, ist da vielleicht noch Hoffnung und ich versuche nur sie wegzudrücken, damit ich nicht enttäuscht werde. Andererseits habe ich auch nichts zu verlieren. Ich meine, wenn ich es noch einmal versuche, schadet es ja auch nichts. Ich glaube aber, dass ich es diesmal anders angehen muss. Vielleicht hast du ja bald mal Zeit und Lust herzukommen? Ich würde dir gerne was zeigen.“

Als ich kurz darauf seine Wohnung betrat, war die Küchentür auf und Hitler fort. Auch die NPD-Flaggen, auch die Plakate. Als ich fragte, ob es das sei, was er mir zeigen wollte, winkte er ab, den Kram habe er schon lange wegschmeißen wollen. Nein, was er zeigen wolle, sei draußen.

Natürlich freute es mich, dass er sich von Hitler verabschiedet hatte. Aber etwas in diesem Moment beunruhigte mich auch. Ich hatte Einfluss genommen, und es war zu leicht gewesen.

Vor der Tür setzte sich Dose auf den Asphalt des Bürgersteigs. Es war wärmster Sommer. Die Straße runter stand ein Haus, die Nummer fünf, er zeigte darauf und erzählte, wie er beobachtet habe, dass dort jemand ausgezogen sei. Die Wohnung sei etwas kleiner als seine, nur 48 Quadratmeter, dafür frisch renoviert. Es sei die Gelegenheit, es diesmal richtig zu versuchen mit dem Leben. Ein klarer Schnitt. Er wolle richtig ausmisten, packen und sich nicht mehr belügen. In der alten Wohnung sei es zu leicht geworden aufzugeben.

Er lehnte sich zurück, streckte das Gesicht in die Sonne, schloss die Augen und träumte.

„Dann bringe ich irgendwann eine Frau mit zu mir, und die erschrickt dann gar nicht, wenn sie mein Zuhause sieht. Morgens wache ich neben ihr auf, abends gehen wir vielleicht mal auf ein Konzert. Wir könnten Haustiere haben, vielleicht einen Hund oder eine… Guck! Die Schwalben!“

"Noch etwas Brokkoli?"

Wenig später besuchten wir seine Eltern. Dose hatte mich gewarnt, die beiden verstünden nicht ganz, was das mit der Journalistin solle. Er saß vor Kopf und stocherte in seinem Essen. Es gab Lachs und Kartoffeln. Der Vater saß Dose schräg gegenüber und sprach außer „Hallo“ kein Wort. Sein Blick richtete sich rechts über die eigene Schulter, da lief stumm der Fernseher, und Maria Scharapowa gewann im Tennis. Zum Tisch drehte er sich nur, um die Gabel neu zu beladen.

Doses Mutter brachte den Brokkoli aus der Küche. Eine zierliche, zuvorkommende Frau. Sie hatte sich extra die guten Ohrringe angelegt.

Dose verkündete, dass er sich für die Wohnung beworben habe.

„Oh“, sagte seine Mutter. „Und du glaubst, das ist wirklich das Richtige?“

„Warum nicht?“ Doses Ton war trotzig.

„Die Wohnung ist bestimmt schön, aber ich weiß nicht, ob dich das glücklicher macht. Vielleicht wäre es besser, wenn du zu einem Psycho…“ Dose fiel ihr ins Wort. „Was soll mir denn ein Psychodoktor helfen?“ Er wurde lauter. Irgendwann schrie er. Dass er doch wohl am besten wisse, was ihm helfen würde. Dass es anders sei diesmal. Wirklich anders. Doses Mutter sah aus, als höre sie das nicht zum ersten Mal. Vorsichtig versuchte sie, dazwischen zu kommen. „Ich mache mir doch nur Sorgen...“ Aber Dose hatte sich längst in Rage geredet. Hilflos schaute seine Mutter zum Vater. Der schaute zu Maria Scharapowa.

Ich erinnere mich, wie verschämt sie dann zu mir blickte. Sie hatte sich darauf vorbereitet, einen guten Eindruck zu machen, hatte gekocht und den Tisch mit Blumen und Kerzen gedeckt, hatte sogar die Alben mit Doses Babyfotos daneben gelegt. Aber die Männer spielten nicht mit. Der eine schrie, der andere tat so, als wäre er nicht da. Sie versuchte, es mit Höflichkeit zu kompensieren: „Noch etwas Brokkoli vielleicht?“

Als ich das nächste Mal bei Dose war, saß er im Wohnzimmer auf der großen, grauen Couch und starrte die Wand an. Sie war jetzt weiß, etwas abgewetzt, ein paar Kleberreste hingen noch. Dose hatte es nicht abwarten können, es hatte ihn in den Fingern gejuckt. Er zündete sich eine Goldfield an, brach den Filter ab, wie er es immer machte. „Befreiend“, sagte er und nickte Richtung Wand. Dann stand er auf, setzte sich auf den Sessel gegenüber und blickte die Wand hinter der Couch an. Die war die alte geblieben. „Nee“, sagte er und wechselte wieder.

Ich war beeindruckt, was er alles angegangen hatte in den wenigen Wochen. Er drückte mir eine Liste in die Hände, auf der er alle kostenlosen Veranstaltungen notiert hatte, die im Sommer und Herbst in Berlin stattfanden. Er wollte überall hin. Leute kennenlernen. Hatte sich sogar T-Shirts bedrucken lassen. „Was nützt die Liebe in Gedanken?“, stand auf einem. „Sieht mich jemand?“, auf einem anderen. Man muss nun mal auffallen in dieser verfluchten Stadt der Singles.

„Weißt du, ich war heute am Teich hier in der Nähe“, sagte Dose. „Selbst der Reiher ist nicht mehr alleine. Der, der immer da ist, saß oben auf der Weide, und ein anderer kam dicht zu mir geflogen. Das muss doch ein Zeichen sein.“

Dann kam der Kopfschmerz zurück

Dann, eine Woche später, kam der Cluster-Kopfschmerz zurück. Dose litt schon länger an dieser Krankheit, aber in den letzten Jahren waren die Beschwerden weg gewesen. Nun kamen sie so stark zurück, als müssten sie gutmachen, was sie verpasst hatten. Dose blieb Wochen im Bett. Die Sauerstoffflasche rechts im Arm, links auf dem Nachttisch die Tabletten, Augen zu, Licht aus.

Als er irgendwann die Kraft aufbrachte, sich bis zum Briefkasten zu quälen, fand er darin die Absage für die Wohnung. Er brach zusammen. Ein paar Tage hörte ich nichts von ihm, was ungewöhnlich war. Dann kam eine Facebook-Nachricht, nachts um 4.06 Uhr:

Ich weiß nicht mehr weiter, ich will wirklich nur noch sterben. Ich hasse dieses sinnlose Drecksleben so dermaßen und weiß keinen anderen Rat mehr.

Machs gut

Dose

Ich las die Nachricht gegen acht Uhr morgens. Ich las sie ein zweites Mal. Dann ein drittes.

Ich schrieb ihm eine Mail, dass er sich bitte melden solle. Dose hatte kein Handy. Ich schrieb ihm bei Facebook, sah, dass er seit vier Uhr nicht mehr online gewesen war.

Machs gut. Warum Machs gut?

Ich rief den Notruf an, ein unfreundlicher Polizist verwies mich ans Bürgertelefon. Ich rief das Bürgertelefon an. Ein freundlicher Polizist regte sich über den unfreundlichen Kollegen auf. Wenn das kein Notfall sei, was dann? Ich entgegnete, dass ich mir ja selbst nicht sicher sei. Er bat mich, Doses Nachricht einmal vorzulesen, hielt kurz inne, fragte, ohne dass ich was gesagt hatte: „Schreibt er das sonst auch so: Machs gut?“

Plötzlich hatte ich Panik.

„Wir fahren hin“, meinte der Polizist.

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