Nachruf auf einsamen Mann in Berlin : Sieht mich jemand?

Sammlungen sollten Dose ein erfülltes Leben vorgaukeln. Per Kleinanzeige suchte er Kontakt. Dieser Nachruf aus dem Oktober 2016 wurde mit dem Axel-Springer-Preis in Gold ausgezeichnet. Hier nochmal zum Nachlesen.

Lena Niethammer
Auch wer unter dreieinhalb Millionen Menschen lebt, ist gegen Einsamkeit nicht gefeit.
Auch wer unter dreieinhalb Millionen Menschen lebt, ist gegen Einsamkeit nicht gefeit.Foto: picture alliance / dpa

Dose hat mir die Tiere hinterlassen. Die Tiere und das bisschen Innehalten. Mir wurde das bewusst, als neulich eine Maus durch die Kneipentür entwischte. Sie kam aus dem Hinterzimmer, wich gerade noch einem Paar schwarzer Stiefel aus, und kurz bevor die Tür ins Schloss fiel, entkam sie ins Freie. Ich dachte, das hätte Dose jetzt gefallen. Er hätte da gesessen, die Maus vielleicht als Einziger bemerkt und wäre für einen Augenblick glücklich gewesen. Sein Gesicht wäre sanft geworden, zuversichtlich. Ein leises Lächeln vielleicht. Als Mensch kam man in diesen Momenten gar nicht mehr an ihn ran. Er war wie weggetreten, ganz in einer Welt mit der Maus, der Spinne, der Libelle, was es auch gerade war.

Gottverdammte Einsamkeit

Ich bin männlich, 45 Jahre alt und wohne im Südwesten der Stadt. Ich bin einsam und wünsche mir nur eine einzige Person, die mit mir in den Zoo geht.

Liebe Grüße, Dose

So fing es an. Mit dieser Ebay-Kleinanzeige vom 1. Mai 2014. Mit der Frage: Wer ist dieser Mann? Mit der Bitte, einen Einblick in sein Leben zu erhalten. Mit seinem Enthusiasmus, als er zusagte. „Endlich antwortet mir jemand.“ Und sei es nur eine Journalistin.

Wir trafen uns vor den Steinelefanten, am Haupteingang des Berliner Zoos. Es war einer dieser Frühlingstage, an denen der Wind zwar eiskalt weht, die Sonne aber doch alle aus den Häusern treibt. Dose war der große Mann, ganz in schwarz, der etwas abseits wartete. Die Hände in den Taschen, Bomberjacke, Springerstiefel. Auf dem Kopf eine Kappe voller Buttons. „Daily Terror“ stand da, und „Troopers Gewalt“.

Er war der, dem die anderen Zoobesucher verstohlene Blicke zuwarfen. Der, bei dem sie sich fragten, was macht so einer hier?

Sie konnten ja auch nicht wissen, dass der Zoo Doses Revier war, dass er einmal die Woche herkam und jeden Winkel und jedes Tier kannte. Die Fremden hier – das waren sie.

Allein, wie Dose seine Zoo-Jahreskarte anfasste, behutsam, wie einen Schatz. Und wie er sie dann der Kassiererin hinhielt, direkt vor das Gesicht, als wolle er ihr zeigen, dass er dazugehört.

„Das ist mein Luxus hier“, sagte er. „Kostet 60 Tacken. Schon ein Hammer. Vor allem bei Hartz IV. Aber muss sein. Da ess’ ich lieber nichts.“

Es gab eine Zeit, da hatte er ein anderes Leben

Am Anfang, als ich Dose im Zoo hinterherlief, hatte das etwas von einer Show. Wie er uns durch die Wege dirigierte. Wie er die Menschen beiseite schob. „Darf ich mal bitte?“ Er kannte jedes Tier beim Namen. Er lockte und streichelte sie, auch gefährliche, obwohl es verboten war. Für einen Schnappschuss von einem Reh übersprang er die Absperrung des Geheges. Die Besucher staunten.

Einmal, so erzählte Dose, sei ein Steinbock aus einem Gehege abgehauen. Während die anderen Besucher nur da standen und lachten, habe er versucht, den Steinbock zu fangen. Aber fang mal einen Steinbock! Er alarmierte dann die Wärter. Sie seien ihm sehr dankbar gewesen.

Diese ersten Minuten hätte ich Doses Auftreten fast als arrogant abgetan. Doch im Streichelzoo beendete Dose seine Vorstellung. Dort war er nur für sich. Er wurde ganz ruhig, setzte sich im Schneidersitz inmitten des Chaos aus Eltern, Kindern und Tieren hin und wartete. Es dauerte fast zehn Minuten, dann kam eine Ziege auf ihn zu. Vorsichtig hob er die linke Hand, ließ die Ziege schnuppern, streichelte ihr dann sanft den Kopf. Er schwieg lange. Auf seinem Gesicht dieses melancholische Dose-Lächeln, mehr nach innen, ohne Zähne, ohne Leuchten. „Weißt du, warum ich die Tiere so mag?“, fragte er. „Die Tiere kommen von sich aus. Menschen kommen nie.“

Er sagte das nicht einfach so. Er hatte es ja versucht mit den Menschen, immer wieder, hatte sich auf Datingportalen angemeldet, Anzeigen geschaltet, Flyer aufgehängt, doch wenn sie ihn dann trafen, erschraken sie. Keiner wollte diesen Mann ganz in Schwarz, ohne Arbeit, ohne Geld.

Es gab eine Zeit, da hatte Dose ein anderes Leben. Eines mit einem Job als Paketbote, mit Freunden, vor allem mit einer Frau, seiner Frau.

Sie lernten sich 1993 bei einem Fanclub-Treffen der Schlagersängerin Nicole kennen und heirateten zwei Jahre später. Es waren 35 Grad. Der 14. Juli. Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Doch der Alltag verschluckte die Liebe. 2003 ließen sie sich scheiden.

Es kamen noch vier Frauen. Die erste versprach viel und war über Nacht verschwunden. Die zweite explodierte, wenn Dose explodierte. Dose explodierte immer öfter, es fehlte der Puffer. Mit der dritten zog auch ihr Alkoholproblem in seine Wohnung. Nur die vierte, eine Kollegin, machte ihn wirklich glücklich. Aber sie wurde schwanger. Das kleine Mädchen gaben sie zur Adoption frei, es war das Richtige, sagt Dose, aber sie konnten sich nicht mehr in die Augen schauen.

So wuchs nach und nach der Frust, und der Frust nahm ihm den Rest. Erst den Job, weil er vor einem Supermarkt ausrastete, als ein Mann ihm den Parkplatz klaute, weil er schlug und trat und am Ende einfach wegfuhr. Dann die Freunde, weil sie sein Selbstmitleid nicht mehr ertrugen. Als auch er es nicht mehr ertrug, schnitt er sich 2013 die Pulsadern auf. Er überlebte und fing an, sich in der Einsamkeit einzurichten.

Ich fragte Dose, als er das alles erzählte, zwischen den Menschen, den Tieren, den Gehegen, ob er denn kein Stück Hoffnung mehr habe, dass sich etwas ändern könne. Er verneinte und nahm mich mit zu den Pinguinen. Er holte einen kleinen Spiegel aus der Innentasche seiner Jacke, den er vor jedem Zoobesuch vorsichtig in Küchenrolle einpackte. Damit reflektierte er einen Lichtpunkt in das Gehege, und die Pinguine folgten ihm. Von rechts nach links, ins Wasser, auf den Felsen. Auf einmal waren die anderen Menschen ganz nah, schauten über seine Schultern, darf ich auch mal?

Er sagte, früher habe er immer gehofft, dass er damit eine Frau beeindrucken könne. Dass sie ihn sähe und sagte: Mensch, das ist ja toll, wie du das machst, wer bist du denn? Aber sobald er den Spiegel weg tat, war er wieder allein. „Es hat keinen Sinn mehr, zu hoffen“, sagte Dose. Ich glaubte ihm nicht. Wäre es so, warum brachte er den Spiegel dann jedes Mal wieder mit? Warum hatte er die Anzeige geschaltet? Und was soll das denn für ein Leben sein, ganz ohne Hoffnung?

"Die Küche ist tabu", sagte er

Dose zeigte mir seine Wohnung. „Aber die Küche ist tabu, ja?“ Ja. „Die Küchentür ist zu und wird auch nicht aufgemacht, klar?“

Die Wohnung war vollgestopft mit seinen Sammlungen. Er hatte die Wände mit 220 Fußballschals, 555 Wimpeln, 301 Eishockeypucks und je 100 Telefonkarten und Briefmarken mit Wolfmotiv tapeziert. Ganz akkurat, sehr symmetrisch. Kein Zentimeter Tapete war zu erkennen, nirgends, nicht mal im Bad. In Vitrinen und Regalen waren Feuerzeuge, Badeenten, Bierkrüge, Autogrammkarten, Giraffen- oder Björk-Devotionalien und Dosen. Daher auch der Name, Dose, es war damals die erste Sammlung.

Je einsamer Dose wurde, desto umfangreicher wurden die Sammlungen. Als an den Wänden kein Platz mehr war, fing er an zu fotografieren. Abertausende Bilder, alles Serien. Sie trugen Namen wie „Alle Gullis in Steglitz“ oder „Berliner Grabsteine mit E“. Als ich nach den Fotos fragte, sagte er, er müsse doch etwas zu tun haben. Beschäftigungstherapie quasi. Als ich fragte, warum er das alles aufhängte, sagte er: „Damit man was vom Leben hat.“ Es sei ein gutes Gefühl, das anzuschauen. So als hätte man ganz viel erlebt.

Ich wusste nicht was ich trauriger finden sollte. Dass sich Dose in seiner Wohnung die Illusion einer erfüllten Vergangenheit erschaffen hatte. Oder dass er sich dessen bewusst war.

Als er mich an diesem Abend zur Tür begleitete, starrte mich Hitler an. Dose schien vergessen zu haben, die Küchentür zu schließen, nachdem er Tee gemacht hatte. Hitler war überall in der Küche. Am Fenster hingen drei NPD-Flaggen, an der Wand zwei NPD-Plakate, am Kühlschrank ein Hakenkreuz. Dazu, in einer Vase auf dem Küchentisch, eine Israel-Fahne.

„Dose, was...?“

„Ich war Mitglied in der NPD“, sagte er. Er wich meinem Blick aus, starrte auf seine Schuhe.

„Offensichtlich warst du das. Aber warum die Israel-Flagge?“

„Ach, letztes Jahr auf dem Christopher Street Day, da habe ich so Juden kennengelernt, die waren super. Wir haben den ganzen Tag zusammen gefeiert, das war echt schön. Die Fahne haben sie mir als Erinnerung mitgegeben. Du denkst doch nicht, ich hätte was gegen Ausländer?“

„Warum hängt hier sonst überall diese Fratze?“

Wir setzten uns an den Küchentisch.

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