Nachruf auf Ernst Wolf (Geb. 1954) : Stevie Wonder zur Versöhnung

In einer Wedding-Kneipe lernen sie sich kennen, er mit Vokuhila, Schnauzbart, viel zu engen Jeans, Maggie mit silbernen Leggins. Dann feiern sie zusammen, arbeiten zusammen, sind zusammen arbeitslos. Der Nachruf auf einen Geliebten

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Ernst Wolf (1954 - 2014)
Ernst Wolf (1954 - 2014)Foto: Privat

Irgendwann tätowiert sie ihm ein „M“ auf den Arsch. Sie gehören schließlich zusammen seit dem 9. April 1987.

Wedding, Szenekneipe „Madelon“: Ernst Wolf, 1 Meter 60, Vokuhila, Schnauzbart, viel zu enge Jeans, geht auf Maggie zu. Maggie trägt silberne Leggings. Sie schauen sich an und sind sich einig. Von Liebe auf den ersten Blick soll bloß keiner schreiben, obwohl es das war. „Mehr als ein Kennenlernen“, das passt besser.

Sie feiern zu zweit ihre Partys. Schnaps, Marihuana, Koks, Led Zeppelin, Canned Heat. „Das ist Deep Purple, du blöde Kuh“, schreit er. „Wenn ich dich nicht hätte, würde ich doof sterben“, sagt sie.

Dann tanzen sie wie wild in ihrem Spandauer Wohnzimmer. Manchmal legt er sich einen Wischmopp auf den Kopf und äfft Heino nach. „Schwarzbraun ist die Haselnuss.“

Ernst Wolf war in einer Münchner Arbeiterfamilie aufgewachsen, hatte Briefträger gelernt, war dann vor der Schickeria über die Weißwurstgrenze nach Berlin geflohen und dort erst mal arbeitslos.

Zusammen arbeitslos sein, kann schön sein. Zusammen arbeiten auch. Ernst und Maggie fahren Gebisse für Zahnärzte aus, verdienen ordentlich. Abends trinken sie. Dann gibt es Probleme, Autos gehen kaputt, Alkohol am Steuer, wieder arbeitslos.

Berliner Friedhöfe
Friedhof der St. Elisabeth-Gemeinde an der Ackerstraße in Mitte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Doris Spiekermann-Klaas
17.01.2014 10:26Friedhof der St. Elisabeth-Gemeinde an der Ackerstraße in Mitte.

Ernst und Maggie gründen eine Gebäudereinigung. „ ’N Besen halten könn’wa, wa Ernst?“ Der telefoniert sich durchs Branchenbuch. „Fax haben wir nicht, aber Faxen können wir machen.“

Wenn sie sich streiten, braucht es einen Dolmetscher. Maggie flucht auf Berlinerisch, Ernst grantelt auf Bayerisch. Meistens schimpft er mit sich selbst. Weil eine rote Socke seine Wäsche verfärbt hat, Kruzifix nochamal. Weil er mit dem Auto über seine Besen gefahren ist, glumpverreckts. Weil er auf dem Weg in die Küche mal wieder vergessen hat, was er eigentlich holen wollte, Himmiherrgottsakrament. Zur Versöhnung singt er Stevie Wonder, „My Cherie Amour“.

1992 kommt er nach Hause, Maggie hängt gerade auf dem Sofa, dreht sich eine Tüte, fühlt sich wohl. „Übrigens“, sagt er, „ich geh ab morgen in Therapie.“

„Was machst du?“

Maggie fährt Ernst nach Staaken in die Entzugsklinik. Danach kippt sie eine Flasche Schnaps auf den Schreck. Ernst verpasst fortan kein Meeting bei den Anonymen Alkoholikern mehr. Später wird er dort Mentor. Sie nennen ihn den „AA-Papst“. Noch mit Darmverschluss, von der Chemotherapie geschwächt, im Rollstuhl, holen sie ihn dazu.

1999 schenkt Maggie Ernst eine Videokamera. Er schenkt ihr seine Aufnahmen. Man sieht ihn darauf im weißen Unterhemd mit Sonnenbrille, hinter sich an der Wand die Töpferkunst seiner bayerischen Mutter. Ernst putzt sich die Zähne mit Nutella. Bekommt einen Lachanfall. „Herzlich willkommen zur Nacktausgabe der Tagesphrasen.“

Ernst malt auch. Nein, sein Unterbewusstsein malt. Abstrakt, weil der eigene Vater lieber Gegenständliches mochte. Nachts betritt er Maggies Wohnung mit seinem ersten Bild. Und sie: „Wat is’n dit? Schade um die Farbe!“ Er zieht beleidigt ab.

In den letzten Jahren hält der Schmerz den Pinsel. Rot-braune Klumpen auf türkisfarbenem Hintergrund. „Mein Darmkrebs“, sagt er. Die Galerien wollen seine Kunst nicht ausstellen. Die Stadtteilbibliothek und das Hospiz schon.

Statt Liebesbriefen schicken Ernst und Maggie sich Mixtapes, Soul- und Jazz-Oldies. Sie an ihn: Al Green, „Living for you“. Er an sie: Marvin Gaye, „Sexual Healing“. Hilft oft besser als Reden. Wenn er sie mal wieder bewusstlos besoffen auf dem Teppichboden findet, ein Rückfall.

Beschäftige dich bloß nie mit Numerologie, sagt Ernst zu Maggie. Dann taucht die 13 überall auf. In Geburts- und Sterbedaten. Andreas, Maggies Sohn beispielsweise, stirbt mit 31. Sie haben ihn gemeinsam großgezogen. Ernst machte Klingelstreiche mit Andreas. Blies ihm Seifenblasen in die Luft. Eine Maschine dafür wollte er bauen, aber das ließ Maggie nicht zu wegen der Katze.

Der 9. April ist auch so eine Zahl aus Ernsts Leben. Kennenlerntag, „Madelon“. Wichtiger als Weihnachten. Ernst kloppte dann Schnitzel dünn, machte Gurkensalat dazu. Die Küche war ein einziges Chaos und Stevie Wonder sang „My Cherie Amour“.

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