Nachruf auf Fereydoon Talai-Rad (Geb. 1944) : „Bist du Gott?“

Das hat ihn seine Tochter mal gefragt. „Nur Gott hat immer Recht.“ Er darauf: „Nein, bin ich nicht. Aber ich hab Recht!“ Dennoch hat es der Bauingenieur aus dem Iran in Deutschland nur zum Taxifahrer gebracht. Seinen Kindern sagte er: „Ihr seid Ausländer, ihr müsst besser sein als die Deutschen.“

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Fereydoon Talai Rad (1944-2016) vor zwei Jahren in den USA Foto: privat
Fereydoon Talai Rad (1944-2016) vor zwei Jahren in den USAFoto: privat

Eine Taxifahrt durch Berlin im Frühjahr 1996, der Fahrer stammt aus dem Iran und kennt sich dennoch bestens aus. Es ist seine erste Fahrt mit einem Kunden. Er war schon 50, als er die Ausbildung machte, er hat sie ernst genommen, ist mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, um sich die Straßen einzuprägen, hat jeden Tag überm Stadtplan gesessen, stundenlang, hat bei der Prüfung die kürzesten Strecken genannt, die Prüfer haben mit Schnüren am Plan nachgemessen, ob es noch kürzere gab, es gab sie nicht, der Fahrer bekam seine Lizenz, und jetzt, endlich, ist es so weit, er fährt seinen ersten Fahrgast durch die Stadt, erreicht das Ziel, steigt aus, hievt den Koffer aus dem Auto, nennt den Preis, hält seine Hand auf, bekommt ein kleines Trinkgeld obendrauf, setzt sich wieder hinters Lenkrad, sitzt da – und beginnt zu weinen. Hört gar nicht mehr auf zu weinen, eine Stunde lang.

Fereydoon Talai Rad ist angekommen in seinem neuen Arbeitsleben. In den Jahren, die vor ihm liegen, wird er modernere Autos fahren, wird seine Ortskenntnisse erweitern, wird Stammkunden gewinnen. Aber das, was er jetzt ist, das wird er bleiben. Ein Taxifahrer, der die Hand aufhält für kleines Geld.

Seine Aussichten waren einmal besser. Er entstammte einer reichen Familie in Teheran, weltoffen und modern. Es heißt, seine Mutter sei die erste Frau gewesen, die im Mercedes durch die Stadt fuhr. Fereydoon, eins von zehn Kindern, erster Sohn, verdiente früh sein eigenes Geld, obwohl er das nicht musste. Er studierte in Italien Architektur, ein paar Semester auch in Berlin. Zurück im Iran wurde er Bauleiter, verantwortlich für hunderte Arbeiter, immer der Erste auf der Baustelle, kein Termin, den er nicht hielt, kein Kollege, der ihn nicht achtete, viele, die ihn fürchteten. Alles hätte er werden können, selbst als die Revolution ausbrach. Auch Mullahs brauchen Häuser. Es kam jedoch der Krieg gegen den Irak, so mörderisch, unendlich, dass kein Vater sicher war, seinen Sohn nicht zu verlieren. Sein Sohn war elf, als Fereydoon, der nie ans Hier und Heute dachte, sondern stets an das was kommen würde, als also Fereydoon zu Zafireh, seiner Frau, sagte: Wir müssen gehen.

Die Familie 1984, noch im Iran: Zafireh, Pedram und Maryam, Fereydoon Talai Rad Foto: privat
Die Familie 1984, noch im Iran: Zafireh, Pedram und Maryam, Fereydoon Talai RadFoto: privat

Mit Pedram, dem Sohn, und Maryam, der Tochter, die fünf war, zogen sie nach West-Berlin. Es war das Jahr 1985. Sie hatten Geld gespart, davon konnten sie erst mal leben. Was wichtig war, denn Fereydoon war ein Mann mit großem, übergroßem Stolz. Asyl, das klang für ihn nach Almosen. Nie würde er Asyl beantragen, nie einen Pfennig vom Staat annehmen. Ohne Asyl aber durfte er anfangs nicht arbeiten. Als er es dann durfte, fand er nichts, das auch nur annähernd seinen Kenntnissen entsprach. Er schrieb sich wieder als Student ein, damit er über die Arbeitsvermittlung Jobs bekam. Er arbeitete im Lager, im Supermarkt, in einer Backstube.

Post vom Polizeipräsidenten

Dann die Idee, zu tun, was so viele andere Iraner in Berlin längst taten: Taxi fahren; im eigenen Wagen durch die Stadt, selbst bestimmen, wann und wo. Wenn schon unterhalb jeglicher Qualifikation arbeiten, dann wenigstens auf eigene Rechnung und als eigener Chef. Er konnte Leute kennenlernen und in den Pausen lesen. Dass er dennoch haderte, als er endlich hinterm Steuer saß, ist nicht verwunderlich. Es ging ihm nie um das Erreichte, sondern immer um das zu Erreichende.

Entsprechend war sein Fahrstil. Er bekam regelmäßig Post vom Polizeipräsidenten, der einfach nicht einsehen wollte, dass hier ein Mann durch die Stadt raste, für den der Weg noch nie das Ziel gewesen war. Wenn er den Hauch einer Chance verspürte, gegen einen Mahnbescheid vorzugehen, dann ging er vor, so oft und so beharrlich, dass der ADAC ihm entnervt die Rechtschutzversicherung kündigte.

Seine Kunden staunten nur, wie schnell und freundlich dieser Fahrer war. Drum wurden etliche von ihnen Stammkunden; wann immer möglich, riefen sie nicht irgendein Taxi, sondern seins. Ein Hundehalter war auch dabei. Er ahnte nicht, dass der Taxifahrer Hunde furchtbar fand, sabbernde Wesen, die büschelweise Haare auf den Polstern ließen. Nie hätte der Taxifahrer seine Bedenken vorgetragen, sein Stolz war auch der Stolz des Dienstleisters. Zumal es sich beim Hund dieses Kunden zwar um ein großes, jedoch ausgesprochen gepflegtes und diszipliniertes Tier handelte. Er fuhr den Riesenschnauzer regelmäßig zum Friseur und wieder zurück, der Kunde konnte sich auf den Transport verlassen, er fuhr nie mit. Der Hund saß kerzengerade auf der Rückbank und schaute schweigend aus dem Fenster.

Ein anderer Stammkunde hat diesen Nachruf angeregt, ein Ministerialbeamter und Berlin-Bonn-Pendler, der andauernd zum Flughafen muss. Er schätzte nicht nur Verlässlichkeit und Geschwindigkeit des Herrn Talai. Er konnte mit ihm auch gut über die Politik diskutieren, zuletzt übers Flüchtlingsthema. Herr Talai hatte seine Zweifel, ob die Deutschen das bewältigen würden.

Wie sollte dieser Kunde ahnen, dass der Beruf für diesen besten aller Taxifahrer alles andere als eine Berufung war? Eher eine Sackgasse, in die er sich begeben hatte mit der Einsicht, dass für ihn nicht mehr zu holen war.

Umso mehr drang er darauf, dass aus seinen Kindern etwas wurde. „Ihr seid Ausländer“, sagte er zu ihnen, „ihr müsst besser sein als die Deutschen, sonst habt ihr keine Chance.“ Pedram, sein Sohn, erinnert sich an den ersten Sommer in Berlin. Es war heiß, er saß zu Hause über den Büchern, die sein Vater ihm besorgt hatte. Er war bei einer Lehrerin gewesen, die ihm die beste Fachbuchhandlung nennen sollte. Pedram ging dann aufs amerikanische Gymnasium, Maryam, die Tochter, aufs französische. Pedram wurde, was denn sonst, Bauingenieur, Maryam Ärztin.

Und nicht nur seine eigenen Kinder bekamen Fereydoons Eifer zu spüren. Wenn Freunde oder verwandte Kinder zu Besuch kamen, reichte er ihnen Zettel und Stifte, diktierte Texte aus dem „Tagesspiegel“ und kontrollierte die Aufzeichnungen.

Das hat er tatsächlich gemacht, Pedram und Maryam erinnern sich noch gut. War das nicht schlimm, so ein Vater, so ein Stress? – Ja, war es. Nein, war es nicht. Man sollte ihn erlebt haben, wie er lachend die Kinder ins Zimmer zog, wie die dann auch lachten und sich die merkwürdigen Texte diktieren ließen. Es war schlimm und absurd und wunderbar. Und geschadet hat’s bestimmt nicht. Maryam erinnert sich an die Debatten mit dem Vater: „Ihr werdet später sehen, dass ich recht hatte!“ – „Wann ist denn später?“ – „Wirst du schon sehen. Ich habe recht.“ – „Bist du Gott, oder was? Nur Gott hat immer recht.“ – „Bin ich nicht. Aber ich hab recht.“

Hat er sich tatsächlich noch mal hingelegt!

Dass so einer kaum Urlaub macht, versteht sich von selbst. Wer sagt den anderen denn, wo es langgeht, wenn er nicht da ist? Vor drei Jahren überredete Maryam ihn zu einer ewig langen Amerikareise, drei ganze Wochen lang. Am Flughafen gab es Probleme mit dem Ticket, und er war schon ganz erleichtert: „Ich hätte heute sowieso noch einen Kunden.“ Dann bekam er doch sein Ticket und flog mit und war natürlich ganz begeistert von dem Land, in dem angeblich jeder alles werden kann. Sein einziges Problem auf der Reise: Die anderen schliefen immer bis um acht. Wären sie mit ihm um sechs aufgestanden, hätte man viel mehr erleben können. Als sie in Las Vegas vor einem Hotel standen, an dem sein Sohn Pedram als Bauleiter mitgearbeitet hatte, standen ihm Tränen in den Augen.

Mit der Taxifahrerei aufzuhören, daran hat er nie gedacht. Aus welchem Grund denn auch? Er fuhr irgendwann keinen Mercedes mehr, sondern einen halb elektrischen Toyota (warum ein deutsches Auto fahren, wenn es viel vernünftigere gibt), und wenn er mal nicht arbeitete, hütete er am liebsten seine Enkel. Als die jüngste Enkeltochter zwei wurde, fand er, es sei höchste Zeit für einen Schreibtisch.

Im Februar ist er mal gegen drei am Morgen aufgewacht. Was nicht so besonders war; er konnte nie lange schlafen. Diesmal aber setzte er sich nicht gleich ins Auto, sondern legte sich noch mal hin. Er erzählte das am Abend stolz seiner Tochter, die ihm immer in den Ohren gelegen hatte, er solle die Dinge mal etwas lockerer angehen. Sie staunte. Hat er sich tatsächlich noch mal hingelegt. Gut, gegen sechs saß er dann wieder hinterm Steuer. Aber war das nicht ein guter Schritt in Richtung – Ruhestand?

Ruhestand, was für ein sinnloses Wort in diesem ruhelosen Leben. Es endete am 10. März. Das Herz von Fereydoon Talai Rad hörte auf zu schlagen, als er auf dem Weg zu seinem Auto war.

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