Nachruf auf Friedrich Becker (Geb. 1922) : Irdisch sind die Hände

Was Solides sollte er machen, was Einfaches. Dann wurde er Bildhauer, wenn auch einer mit einem soliden Gespür fürs Praktische. Wie sonst hätte er seine Frau vom Osten in den Westen transportieren können? Ein Text aus der Nachrufe-Serie

Karl Grünberg
Friedrich Becker (1922-2016)
Friedrich Becker (1922-2016)Foto: privat

Da hockt sie, die Sonnenblume. Ihre langen Beine hat sie angezogen, ihre dünnen Arme schützend drum herum geschlungen. Ihren Kopf, den reckt sie nach oben, dem Himmel und der Sonne entgegen. Im Gesicht ein Lächeln, so friedlich, so kindlich, so schön wie nicht von dieser Welt. Irdisch sind aber die Hände, die sie erschaffen haben. Die erst das Modell aus Ton formen, dieses mit Gips einhüllen und so eine Abgussform für die Bronze erzeugen. Die dann das Metall bearbeiten. Und am Ende hockt sie da aus eigener Kraft, die bronzene Sonnenblume, einmal in Klein im Atelier und einmal vier Meter groß vorm Jüdischen Krankenhaus in Wedding.

Es sind raue, schwere Hände, die das Anpacken und den Umgang mit harten, widerständigen Materialien gewöhnt sind. Hände, die gelernt haben, Gefühle und Beobachtungen in Gegenständliches zu verwandeln: Eine Mutter, die ihr davonlaufendes Kind an den Händen hält. Einen Raben. Einen Denker. Eine Tafelrunde von Freunden. Einen Zeitungsleser.

Die Hände von Friedrich Wilhelm Paul Becker sind Künstlerhände, die einmal Arbeiterhände waren, und die vielleicht ein Leben lang an Maschinen geschraubt hätten, nie modellierend, gießend und formend. Doch dann kam alles anders.

Friedrich war immer der Zweite hinter seiner größeren Schwester. Sie strahlte. Sie war es, die mit Aufmerksamkeit und Zuspruch bedacht wurde. Friedrich war der Kleine. Bloß nicht zu viel zumuten dem Jungen. Dabei war der Vater Architekt und der Großvater sogar künstlerischer Leiter bei der Preußischen Porzellanmanufaktur. An strebsamen Vorbildern mangelte es nicht. Doch Friedrich sollte Feinmechaniker werden, was Solides, was Einfaches.

Vier Jahre Russland

Dann rief der Diktator zu den Waffen, und Friedrichs Jahrgang, der 22er, folgte nahezu geschlossen. Sie zogen nach Russland, fürs Vaterland. Das war so. Keine Fragen, keine Zweifel. Während Friedrichs Kameraden schossen und bombten, reparierte und justierte er die Kriegsmaschinen. Das war das Gute am Feinmechanikerdasein: Nicht einen Schuss musste er abgeben. In der Freizeit zeichnete er die anderen Soldaten und Szenen aus dem Alltag.

Die, die bei diesem Wahnsinn nicht starben, kamen in Kriegsgefangenschaft. Friedrich ergab sich 1944. Vier Jahre Russland: Entbehrung, Wassersuppe und Krankheiten. Wieder war es der elterliche Wunsch nach Solidem, der ihn rettete. Nicht die tödliche Knochenarbeit der anderen, Bäume hacken, Steine schleppen, sondern reparieren und Skulpturen schnitzen, das waren seine Aufgaben. Eine davon hat es sogar bis nach Hause geschafft und steht noch heute auf einem Regal in seinem Wohnzimmer: Ein gedrungener hölzerner Atlas, der die schwere, drückende Welt auf seinen Schultern trägt.

Ohne Last kehrt Friedrich zurück: Wenn alles kaputt ist, kann man neu anfangen, sagt er sich. Mutter und Schwester sind die Ersten, die 1948 die ganz und gar weltfremden Worte von ihm hören: „Ich werde Künstler.“ Sein zweiter Lebensanlauf beginnt, diesmal als Bildhauer. Zehn Jahre investiert er in Ausbildungen. Kunststudium und Ingenieursschule, Steinmetz und Bildhauer, Stein zu Kunst und Stein zu Geld. Denn einer, der seine Empfindungen zu Stein bringen kann, braucht auch ein Dach überm Kopf und Brot im Bauch. Friedrich ist zwar Künstler, aber auch ein Realist.

Er kauft einen leeren Lagerplatz in Steglitz direkt am Fluss. Erst lassen seine Hände eine Hütte entstehen, dann bauen sie ein Haus. Das Berliner Bauamt stets im Nacken, sie überprüfen akribisch jede Erweiterung. Ein Wohnzimmer. Eine Küche. Ein Atelier. Immer wenn er neue Materialien organisieren kann, geht es weiter. Die grünen Meißner-Porzellan-Kacheln schmuggelt er stückchenweise aus Ost-Berlin rüber und baut aus ihnen den großen Ofen in der Wohnzimmermitte.

1960: Jetzt ist alles fertig. Beruf. Bestimmung, Haus. Die Frau, die zu seinem Glück noch fehlt, die schmuggelt er sich auch noch aus dem Osten rüber. Er lernt Irmgard bei Freunden in Karlshorst kennen. Nett und freundlich findet sie ihn, mehr nicht. Doch Friedrich ist sofort verliebt. Kommt jedes Wochenende und wirbt um sie. Die beiden gehen spazieren, am Wasser, im Wald. Sie tanzen ein wenig. Sie lachen ein bisschen, sie schauen sich in die Augen. Langsam, vorsichtig entspinnt sich eine Beziehung, die aber jäh durch die Mauer getrennt wird.

Die Flucht

Es ist Nacht, Ende September 1961. Die Nacht vor der Flucht. Er liegt in seinem West-Bett und kann nicht schlafen. Sie liegt in ihrem Ost-Bett und kann auch nicht schlafen. Sollen sie? Sollen sie nicht? Werden sie erwischt, sie als Republikflüchtling und er als Fluchthelfer, drohen lange Gefängnisstrafen.

Heimlich hatten sie sich ein paar Tage zuvor auf der Leipziger Messe getroffen, um die Details der Flucht zu besprechen. Jetzt darf nichts schiefgehen.

Im Morgengrauen steigt er in seinen Citroen 2CV, fährt durch die DDR in Richtung Hamburg, kehrt in Westdeutschland um, wieder über die Grenze, zurück nach Berlin, jetzt auf der F 5. Die einzige Transitstraße, die keine Autobahn, sondern eine rumpelige Landstraße ist. Auf der er zwar nicht anhalten darf, aber kann. Sie geht wie immer zur Arbeit, ein landwirtschaftlicher Betrieb in Liebenwalde. Gegen 16 Uhr entschuldigt sie sich, steigt aufs Fahrrad und radelt zur F5. Langsam, nicht zu langsam fährt sie auf der verabredeten Strecke. Da überholt er sie, und jetzt muss es schnell gehen: Das Fahrrad ins Gebüsch, Irmgard steigt in den Kofferraum, rollt sich in die Kuhle fürs Reserverad. Gut, dass sie so klein ist. Friedrich hat ein paar Luftlöcher in den Wagenboden gebohrt.

Sie fahren zum Grenzübergang Staaken. Die provisorischen Maueranlagen stehen erst seit einem Monat, noch sind die Kontrollen nicht so akribisch und ausgefeilt. Pass. Kurzer Blick in den Wagen. Alles in Ordnung. Und rüber. Außer Sicht hält Friedrich an, holt sie aus der Kuhle, da stehen sie auf der West-Berliner Straße und umarmen sich. Geschafft. Und wieder beginnt ein neues Leben.

Ob Putzfrau oder Kunstprofessor...

Stein für Geld: Das zerstörte Schloss Charlottenburg soll wiedererstehen, und Friedrich Becker restauriert mit, jahrzehntelang. Da sind zum Beispiel die beiden Sandstein-Skulpturen Flora und Pomona vor der Orangerie des Schlosses. Höher als zwei Meter sind sie, faltenreiche Röcke, Obst und Blumenornamente, eine Jahresaufgabe für den Bildhauer. Er liebt es, sich in das Material zu spüren und mit seiner Arbeit das zerstörte Berlin wiederauferstehen zu lassen. Jeder Stein verhält sich anders, hat einen anderen Geruch, eine andere Härte, eine andere Wesensart. Oft braucht er nur eine Fotografie oder eine Zeichnung von dem, was vergangen war, um es Stück für Stück wieder zu erschaffen.

Ob Putzfrau oder Kunstprofessor...

Wenn Friedrich in seinem Atelier steht in seinen Holzschuhen, seiner Arbeiterhose, der Steinstaub flirrt im Tageslicht, oder wenn er draußen im Garten an überlebensgroßen Figuren arbeitet, schleichen sich seine Söhne manchmal dazu, setzen sich in die Ecke und schauen ihm bei der Arbeit zu. Sie werden selbst die Materialien in ihre Hände nehmen, selbst Dinge aus Ton formen. Doch es ist auch ihr Vater, der ihren Rat sucht. Dann holt er sie in sein Atelier, zeigt ihnen, was er geschaffen hat und will wissen, wie es auf sie wirkt? Je älter sie alle werden, umso mehr braucht er sie. Sie helfen, die Steinblöcke in sein Atelier zu transportieren und reichen ihm Materialien auf das Gerüst, damit er die Stuckverzierungen an Hausfassaden anbringen kann.

Friedrich kann gut mit Leuten umgehen. Egal ob Putzfrau oder Kunstprofessor, er interessiert sich für sie. So knüpft er Kontakt, ruft an, fährt hin, kümmert sich. Zum Beispiel in Schönermark, einem Uckermark-Dorf mitten in der DDR. Da lebt ein Kamerad aus dem Krieg. Er freundet sich mit der Familie an, mit anderen Familien, mit dem halben Dorf. Da fällt ihm auf, dass die Dorfkirche in einem erbarmungswürdigen Zustand ist. Da muss man doch was tun. Also kauft er von seinem eigenen Geld Blattgold und vergoldet die Kirchturmkugel und die Fahnenstange. Was für ein Aufwand. Doch ihm geht es um das Signal: Das Gute sehen, positiv denken und danach handeln. Immer überlegt er sich, wie er anderen eine Freude machen kann. Investiert Zeit und Muße für seine Frau, für seine Kinder, seine Enkelkinder.

Noch mit über 90 ist er am Schaffen, er fertigt jetzt kleine Medaillons aus Stein.

Eines Sommerabends erfasst ihn eine Atemnot. Der Atem verfliegt und mit ihm der Mensch, dessen Hände nun ruhen. Zu seiner Beerdigung kommen alle, zu denen er Kontakt gehalten hat. Die Kirche ist voll.

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