Nachruf auf Gaby Hirsch (Geb. 1955) : Die Frisur, die zu dir passt?

Sie hatte mit einem Psychologiestudium geliebäugelt, aber das war ihr zu abgehoben. Angestellte wollte sie nie sein. Folglich wurde sie: Friseurmeisterin. Der Nachruf auf eine Meisterin der Alltagsphilosophie.

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Gabi Hirsch (1955-2016) Foto:
Gabi Hirsch (1955-2016)

Bei vielen befindet sich die Problemzone nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf. Gaby Hirsch wusste in beiden Fällen Rat. Du bist, was du siehst. Eine Frisur dient der Identitätsbildung, philosophisch gesprochen. Aber da kann einiges schiefgehen. Sicher hat jeder schon mal mit Entsetzen in den Spiegel geblickt, weil er bis zur Unkenntlichkeit frisiert wurde. Selbst schuld. Die wenigsten wissen, was ihnen steht. Da ersetzt dann gern mal eine punkige Farbe den Charakter oder eine endlos toupierte Dauerwelle das Temperament. Gloria von Thurn und Taxis weiß ein schräges Lied davon zu singen.

„Selbstverwirklichung darf niemals auf dem Kopf eines anderen stattfinden“, sagte Gaby und meinte es auch so. Ich suche das Bild von dir zu erkennen, / du selber kannst es kaum benennen, / es ist mehr Ahnen + Fühlen + Tasten, / Ich möchte nicht hasten. / Was schon vor Tausenden Jahren geschah – / Ein Mensch dient dem andern + kämmte sein Haar.

Ach, eine Friseurmeisterin, die dichtet! Sie wollen wohl auch noch selbst denken, so war das sprachlose Erstaunen zu deuten, wenn sie ihrem Gesprächspartner nach Lesungen oder Vorträgen ihren Beruf verriet.

Es gibt die Philosophen, und es gibt die Philosophie. Und beide haben gar nicht so viel miteinander zu tun. Denn die wirklichen Lebensfragen werden nicht in der Universität erörtert, sondern in der Kneipe, am Spielfeldrand, oder eben im Frisiersalon. Folglich sind dort auch die wahren Philosophen zu Hause, während die akademischen Schnösel nur von sich behaupten, Philosophen zu sein. Gaby hätte sich niemals über ihre Kundschaft lustig gemacht. Da war sie die Hebamme für ein jegliches Ego. Zangengeburten verboten. „Die Frisur, die zu dir passt?“ Die findet sich im Gespräch wie von selbst. In Form bringen, ohne durch Form zu reglementieren. „Das ist die Philosophie, die ich meine.“

Gaby konnte gut mit Worten umgehen. Sie wusste, wie wichtig es sein kann, mit Worten zu trösten, zu ermuntern, zum Schweigen oder zum Lachen zu bringen. Vor allem sich selbst. „Das Fruehe Werk“ ist ihre erste Gedichtsammlung betitelt, und zu sehen ist darauf ein Reh, das aus dem Gefahrzeichen Nr. 142, „Achtung Wildwechsel“ springt. So sprang sie selbst damals davon. Es war wie in den Märchen, die ja auch selten gut beginnen. Die Mutter stahl sich davon, da war Gaby zwei. Mit der Stiefmutter kam sie nicht zurecht, also zog sie mit 15 in die weite Welt. Jahre später hat sie sich noch einmal auf die Suche nach ihrer Mutter begeben. Sie fand sie auf Sardinien. Ein kurzes Wiedersehen, mehr nicht.

Salon "Tristan" in der Isoldestraße

Gaby liebäugelte mit einem Psychologiestudium, aber das war ihr zu abgehoben. Angestellte wollte sie nie sein. Ihr Traum: selbstständige Friseurmeisterin. Sie hatte immer ihre Schere dabei. Selbst auf dem Flohmarkt hat sie dem Nächstbesten schon mal den Pony geschnitten. Im Urlaub, auf der Hochzeitsreise zückte sie die Schere, wann immer das Geld knapp wurde. Aber das änderte sich rasch, 1979 wurde sie Berlins jüngste Friseurmeisterin und eröffnete ihren ersten Laden in der Isoldestraße. Welcher Name hätte da besser gepasst als „Tristan“. Später kam noch das „Lohengrin“ dazu, und eine Kneipe als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für all ihre Freunde, die gerade keinen Job fanden.

„Ich bin sehr gerne Chefin.“ Weil sich dann gut in der Gruppe arbeiten lässt. Das Orchester funktioniert nur, wenn die Dirigentin den richtigen Ton anschlägt. Sie hat immer aus dem Bauch heraus entschieden, welche Mitarbeiterinnen sie einstellt, und sie hat sich selten geirrt. Gaby war einfach gut im Gespräch. Das Rechthaberische war ihr fremd. „Wechsle mal die Perspektive“, warb sie. „Versetz dich in dein Gegenüber! Denk nicht so ego!“ Sie selbst hat jedem seine Wahrheit gelassen: „Ich hör mir das einfach mal an … “ Was nicht heißt, dass man sich zulabern lassen muss. Sie war nicht der Mülleimer für ihre Kundinnen.

Alle 14 Tage bat sie mittwochs in ihrer Wohnung zum philosophischen Salon. „Rumtrullern“, zu definieren als vorurteilsfreies Erörtern aller Lebensfragen, die wirklich von Belang sind. Von männlichen Philosophen fühlte sie sich immer unterfordert. Viel zu problemorientiert. Viel zu verquatscht. Deshalb entschied sie sich für eine Frauengruppe. Es gab nur einen verbindlichen Programmpunkt: „Anregung zum Selberdenken“. Kein Schlagabtausch, Dialog über zwischenmenschliche Themen wie Humor, Hingabe, Dankbarkeit. „Jeder muss öffnen, sich selbst. Das ist der Anfang.“ Von jedem dieser Abende wurde ein Skizzenheft angefertigt. Gaby hat ja ihr Leben lang geschrieben. Jedes Jahr ein Weihnachtsgedicht für den Salon. Von Zeit zu Zeit eine Anzeige in der Zeitung: „40 Jahre Gaby. Ich danke all den lieben Menschen, die mich wohlwollend unterstützt haben + es mir ermöglichten einen großen Teil meines Lebens so zu gestalten, wie es mir gefällt.“ Unterzeichnet: „Eure Gaby Hirsch – Europäerin in Berlin“

Brief an die Ärzte

Und ihren Ärzten hat sie geschrieben: „An die Klinikleitung und Verwaltung des St.-Gertrauden-Krankenhauses. Mein Name ist Gabriele Hirsch. Vor acht Wochen war ich noch eine hochaktive selbstständige Friseurmeisterin. 36 Jahre ununterbrochene Berufstätigkeit, zwölf Angestellte. Nie krank und nie in ärztlicher Behandlung. Selbstständig eben. Am Freitagmorgen, den 25. 9. 2015, unterbrach ich meine Arbeit, weil mich seit 14 Tagen nachts heftige Bauchschmerzen plagten. Der untersuchende Arzt schickte mich sofort zu Ihnen in die Notaufnahme. Meine Werte waren katastrophal.“

Ebenso der Befund: Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Durch meine Selbstbeobachtung kann ich Ihnen versichern, solch eine Diagnose kann das Gehirn zunächst nicht ertragen und blendet sie einfach aus.“ Insgeheim hatte sie damit gerechnet. Sie hat sich nie als alte Frau gesehen. Sie wusste, sie wird nicht uralt. Die Oma war 59 Jahre geworden, der Vater 60, die 61 war ihr Ziel.

Warum schrieb Gaby diesen Brief? Um sich zu beschweren? Nein, sie wollte sich bedanken. „Ich erlebte zugewandte Mediziner, wunderbar liebevolles Personal, kompetente Betreuung. Ich fühlte mich angstfrei und behütet.“ Sie schließt ihren Brief an die Ärzte, Pfleger und Schwestern mit den Worten: „Seien Sie stolz.“

Das war ihr Geheimnis. Sie konnte anderen immer ein gutes Gefühl geben. Frühmorgens stellte sie sich mit ihren beiden Töchtern vor die Klinik und verteilte Kopien des Briefs an alle Bediensteten. Ihre Art Danke zu sagen. Danke dafür, dass ihr neun Monate blieben. Neun Monate, die wie eine Art Neugeburt waren, denn das erste Mal hat sie die Jahreszeiten bewusst erlebt. Sie konnte Atem holen. Unbeschwert sein. Keine Arbeit, die anderen kamen ohne sie aus. Eine seltsame, eine gute Erfahrung, dass der Laden auch ohne sie lief und die Kunden sie vermissten, aber nicht verrieten. Und dass ihre beiden Töchter alles im Griff hatten.

„War ich eine gute Mutter?“ Die Frage hat sie immer gequält. Sie musste ja immer funktionieren, hatte selbst nie eine gute Mutter als Vorbild. Konnte nicht kochen. Konnte nur ihre Liebe geben. „War ich eine gute Mutter?“ Da mussten die Töchter Tränen hinunterschlucken.

Das Ende der Chemo fiel auf ihren 61. Geburtstag. Es wurde ein Riesenfest, drei Tage brauchte sie, um all die Geschenke auszupacken. Aber der Krebs kam zurück. Drei Wochen blieben ihr, um sich zu entscheiden, ob sie den Kampf noch einmal aufnehmen wollte. Doch es gab keine Reise mehr, die sie noch antreten musste, bis auf die letzte. Sie ging nicht ans Telefon in der Zeit. „Schreibt mir, wenn ihr was zu sagen habt.“ Hunderte Briefe kamen. Sie wurden mit ihr eingeäschert. Ein wenig Schokolade und Zigaretten waren auch dabei.

Und alles andere? „Ich bin nicht in den Dingen. Ihr könnt das alles verkaufen. Ansonsten macht jetzt bitte keine traurige Sache daraus! Alle sollen in ihren Lieblingssachen kommen. Jeder soll eine Blume mitbringen, eine einzelne bunte Sommerblume. Es darf gelacht werden, und geweint.“

Und gute Chefin, die sie war, hat sie auch vorgesorgt, was das Gedenken an sie anbelangt, mit einem Gedicht, versteht sich, einen pompösen Grabstein brauchte es da nicht mehr: vergessen – nein – das kannst du nicht / auch wenn du’s willst und mich begräbst / und glaubst ein abschied ist ein tod / in tausenden sekunden / werd ich in deinem kopf rumgeistern / und jeden tod bemeistern.

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