Nachruf auf Gerhard Irrgang (Geb. 1947) : Elf Stunden am Tag, kein Urlaub

„Du verbringst mehr Zeit mit deinen Patienten als mit deinen Kindern“, sagt seine Frau. „Ich weiß, aber was soll ich machen?“, sagt er. Der Nachruf auf einen Unentwegten.

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Gerhard Irrgang (1947 - 2015)
Gerhard Irrgang (1947 - 2015)Foto: privat

Frauen und Männer gehören nicht auf ein Zimmer – sagen die Regeln des Urbankrankenhauses, sagen die Oberschwestern. Gerhard Irrgang, Stationsarzt, will dennoch die Bitte eines alten Ehepaares erfüllen, beieinanderliegen zu dürfen. Er widerspricht in der Verwaltung, er legt sich mit den Schwestern an. Nichts zu machen. Die Hausordnung.

Aber Irrgang kann sich nicht abfinden. Das war schon immer so. Mit dem Tod auch nicht, schließlich ist er Arzt geworden. Auch Friedhöfe meidet er.

Mit seinem ersten Beruf nicht. Gerhard Irrgang stammt aus einer selbstbewussten Berliner Kaufmannsfamilie, die Eltern seiner Mutter statteten große Hotels mit Porzellan aus. Vernunft und Anstand regierten bei den Irrgangs. Aber Weltkrieg und Mauerbau hatten aus ihnen eine arme Kleinfamilie gemacht, Gerhard Irrgang spielte als Kind in Neuköllns Trümmern, mit 16 musste er anfangen zu arbeiten. Er erhielt einen Ausbildungsplatz als Biologielaborant bei Schering. Die Doktoranden zogen an ihm, dem ehrgeizigen Naturwissenschaftler, vorbei. Sollte er sich damit abfinden?

Im Winter 1970 lernt Gerhard Irrgang Ulla kennen, eine Medizinisch-Technische Assistentin. Verlobt sich im Frühjahr, heiratet im Sommer. 1974 schafft er das „Begabten-Abitur“ und beginnt mit dem Medizinstudium. Abends büffelt er an der Fachhochschule Elektronik. Seine erste Stelle als Arzt tritt er im Urbankrankenhaus an.

Das alte Ehepaar darf seinen Lebensabend nicht auf einem Zimmer verbringen. Das ist nur eine der bürokratischen Idiotien des Krankenhausalltags, die Irrgang das Herz brechen. Er will eine eigene Praxis eröffnen – als Nuklearmediziner, weil er so viel von Technik versteht. Aber wer gibt ihm den sechsstelligen Kredit für die Gamma-Kameras? Die Ärzte- und Apothekerbank jedenfalls nicht. Geh doch an die Universität, rät jemand. Zu weit weg von den Patienten, findet Irrgang.

Und treibt das Geld bei einer anderen Bank auf. Störungen an den Geräten kann er selbst beheben. Seine Praxis ist in Neukölln, Karl-Marx-Platz, da wo er herkommt. Für seine Patienten kann er sich jetzt so viel Zeit nehmen, wie es eben braucht. Elf Stunden am Tag, kein Urlaub. Er überzeugt seine Neuköllner Patientinnen, das Kopftuch abzunehmen, und seine Patienten, auch im Ramadan Tabletten zu schlucken. Jede Minute, die ihm das Sprachprogramm am Computer spart, kann er ihnen widmen.

Manchmal wünschen sich seine beiden Söhne mehr Vater. Manchmal schimpft seine Frau: „Du verbringst mehr Zeit mit deinen Patienten als mit deinen Kindern.“ – „Ich weiß, aber was soll ich machen?“, antwortet Irrgang. Er muss doch, sagt er, am nächsten Tag noch in den Spiegel schauen können. Vernunft und Anstand, Prinzip Irrgang. Später arbeiten die Söhne in ihren Ferien in der Praxis mit.

Nachts liegt Gerhard Irrgang oft wach: die Kredite für die Geräte, die Gesundheitsreformen von Seehofer, Fischer, Schmidt. Muss er Mitarbeiter entlassen? Eher bekommen die Angestellten ihr Weihnachtsgeld als seine Kinder Geschenke. Irrgang verkauft das Auto. Mitte der Neunziger steht er kurz vor der Insolvenz.

Er weigert sich, seine Patienten überflüssig aber rentabel zu untersuchen. Unnötige Strahlenbelastung will er verhindern. Lieber fragt er so lange nach, bis er die ganze Krankengeschichte kennt. Aha, sie hatten also schon ein Knochenszintigramm. 1200 Patienten kommen im Quartal.

Morgens steht Gerhard Irrgang vor der Familie auf, geht mit dem Hund bis zum Bäcker Obergfell in Lichtenrade, stemmt sich allein dem Sterben des Einzelhandels entgegen. Elektrogeräte kauft er bei Niche um die Ecke. Irrgang findet sich nicht ab.

Golfkrieg in den Nachrichten, Krim-Besetzung, Gerhard Irrgang treibt so etwas um. Er tanzt wie Rumpelstilzchen im Wohnzimmer unter den besorgten Blicken seiner Familie: „Ich will mich jetzt aber aufregen!“ Und: „Hat denn niemand etwas aus der Vergangenheit gelernt?“

Brot backt er selbst, Natursauerteig auf Schamottsteinen, er kocht Marmelade ein und setzt mit seinen Söhnen das Sauerkraut in einer Wäschewanne an. Jeden Abend kontrolliert er die Konserven im Keller, sortiert sie nach Verfallsdatum. Vergleicht Preise. Trennt den Müll. Baut im Garten einen Teich. Erntet Bohnen. Liest an Weihnachten mit tränenerstickter Stimme aus der Bibel vor.

Mit 65 soll es soweit sein: Ruhestand. Ferien in Skandinavien. Am ersten Tag wolle er nichts tun, pflegte Gerhard Irrgang über seine Urlaubswünsche zu sagen, am zweiten wolle er sich in einen Schaukelstuhl setzen und am dritten Tag ganz langsam zu schaukeln anfangen.

Irrgang macht seine Praxis zu. Da bittet ein befreundeter Arzt ihn um Hilfe. Auch bei ihm könnte man bestimmt noch einiges verbessern. Ob er nicht doch ein wenig weitermachen wolle?

An seinem letzten Arbeitstag vor dem Herzinfarkt diktiert Gerhard Irrgang noch alle Befunde der vergangenen Tage. Es soll nichts liegen bleiben übers Wochenende.

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