Nachruf auf Gunar Klemm (Geb. 1969) : Hätte, hätte, Zigarette

Er versuchte sich als berühmter Literat und Weltmeister im Simultanhalma, war Krankenpfleger, Lesebühnenpoet, wollte Jurist werden, versuchte sich als Versicherungsvertreter und wurde Türsteher

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Gunnar Klemm (1969-2017)
Gunnar Klemm (1969-2017)Foto: privat

Fünf Herzinfarkte, für jedes Leben einen. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Gunar wurde in Erlabrunn geboren, ein kleiner Ort im Erzgebirge. Die Eltern waren Lehrer und liebten ihn über alles. 14 Jahre war Gunar König, dann kam Hagen auf die Welt, was ihm Gunar dank des respektvollen Abstands nie übel genommen hat. Erlabrunn ist klein, Breitenbrunn, wo die Eltern sieben Jahre später ihr Haus bauten, nicht viel größer. Gunar wurde es zu eng. Er fuhr wild auf dem Moped umher, trug eine punkige Lederjacke mit der trotzigen Ansage „Fuck Authority“ und hörte die „Toten Hosen“, die er irgendwie auf eine Kassette gezaubert hatte. Von der Statur her war er kräftig bis sehr kräftig, ein guter Judoka und ein erfolgreicher Bobfahrer mit einem ordentlichen Bund Medaillen im Schrank.

Aufgefallen ist er immer, mal mit kurzen, mal mit langen Haaren, und mit seinen kernigen Sprüchen sowieso. Er hätte auch Abitur machen können, aber er wollte raus aus dem Dorf. Gunar konnte gut mit Worten, und er konnte gut mit Menschen, also lernte er in Aue Krankenpfleger. Er hatte ein Händchen, und er hatte Autorität. Das bekamen auch die Ärzte zu spüren. Vor allem, wenn es ein Neuling wagte, ihn wegen eines vermeintlichen Notfalls aus dem Schlaf zu reißen. Die Geschichte erzählte er immer wieder gern: „ ,Ist das Ihr erster Notdienst?’ Der junge Arzt nickte. ,Hatten Sie so einen Fall schon einmal?’ Der Arzt schüttelte den Kopf. ,Haben Sie schon die Methode des umgekehrten Stethoskops versucht?’ Er schüttelte erneut den Kopf. Ich nickte, nahm sein Stethoskop aus dem Notfallkoffer, stöpselte es in die Ohren der Omma und rief in das Ende mit der Membran: ‚Alma Müller, bitte kommen! Alma Müller, bitte sprechen Sie!’ Mit einem Ruck saß die 88-Jährige im Bett und versuchte schlaftrunken, sich das Stethoskop von den Ohren zu reißen. ‚Tach Frau Müller, Sie kennen mich ja’, rief ich ihr zu. ‚Das ist der Doktor, er hat sich Sorgen gemacht, weil sie schlafen!’ “

Es kam die Wende, Gunar zog nach Berlin. Er verliebte sich in Dorene, die er noch aus Breitenbrunn kannte, und er versuchte sich als „berühmter Literat und Weltmeister im Simultanhalma“. Was ihm beides gut gelang. Dorene begleitete er nach Leningrad zu den Europameisterschaften im Eiskunstlauf, wobei ihm der Sport schnuppe war, aber Dorene nicht. Sie liebten beide das Reisen. Er schenkte ihr einen Orang-Utan und sie ihm zwei Kinder, was ihn zum wahnsinnig stolzen Vater machte. Er holte das Abitur nach, machte den Führerschein und jobbte in der häuslichen Krankenpflege.

Des Nachts wurde er als „Surfpoet“ einer der viel bewunderten Stars auf den Berliner Lesebühnen, predigte „Liebe statt Drogen“ und applaudierte gerührt dem Erscheinen des einen oder anderen Zuhörers. In der Folge wurden es dann hunderte, die sich an seinem „Kessel Buntes“ berauschten. Dichten fiel ihm leicht. Für eine neue Idee musste er sich nur aufs Klo zurückziehen, weil da seine Handbibliothek stand. Egal, wie sehr die anderen drängelten, er drängelte die Muse noch heftiger. Was dann Weisheiten zu Tage förderte wie: „Psychologie ohne Parapsychologie ist wie Fernsehen ohne Antenne“. Sätze für die Ewigkeit.

Bei den „Surfpoeten“ ist er dennoch ausgestiegen. Das zweite Kind war da. Er wollte seriös werden. Was kann seriöser sein als Jura, dachte er sich. Und weil er nie gern halbe Sachen machte, trat er auch gleich in eine Landsmannschaft ein und holte sich als Zeichen seines Enthusiasmus zwei grobe Schmisse auf dem Schädel. Gunar mühte sich – in zeitlich sehr beherrschter Weise – durchaus um die Liebe zur Juristerei, aber sie wurde nicht erwidert. Er flog drei Mal durchs Examen.

Was ihn keineswegs verbitterte. Denn es gab eine Steigerung in Sachen beruflicher Verlässlichkeit: Er beschloss, Versicherungsvertreter zu werden. Die „Allianz“ half ihm bei der Ausbildung, wofür er bei der Einrichtung seiner Filiale dann teuer zahlen musste. Er hatte eine nette Sekretärin und die Gewissheit, Versicherungen würden immer gebraucht, nur hatte er nicht einberechnet, dass die Lage seines Büros, eine ruhige Seitenstraße in Gehweite zur Konkurrenz, die Laufkundschaft in Grenzen halten würde. Seine Geschäftsessen waren legendär, seine Defizite auch.

Die Ehe scheiterte. Gunar wusste kurzzeitig keinen Rat. Er jobbte in Neukölln als Makler für alles, bis er endlich seinen Platz fand: Er wurde Türsteher im „Bang Bang Club“. Das war sein Ding. Er gab sich ja gern martialisch, bei der Auswahl seiner T-Shirts wie seiner Lebensweisheiten: „Better to be hated for who you are than loved for who you’re not“. Wobei natürlich keiner wusste, wofür man ihn eigentlich hassen sollte. Vielleicht für die lärmige Musik. Er war es ja, der Snoop Doggy Dogg und den Hip-Hop ins Erzgebirge gebracht hatte.

Aber ansonsten war Friede in seinem Leben. Er hatte sich neu verliebt, war wieder Vater geworden. Viele Gründe, gesund zu leben. Warnschüsse hatte es ja einige gegeben. Erster Herzinfarkt mit 39. „Ich rauch’ wieder, ja, okay, dafür ess’ ich weniger.“ Das waren so seine Deals mit dem Schicksal. Gesund war es nicht, was er da tat, das wusste er selbst am besten. Hätte, hätte, Zigarette. Hätte Johnny Cash am Tresen immer nur Smoothies on the Rocks geordert, wäre er dann noch Johnny Cash gewesen? Gunar hat das Beste aus seinem Leben gemacht. Mehr geht nicht. Die Kinder sind Zeuge.

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