Nachruf auf Hans-Gerd Trienke (Geb. 1949) : Nie verzweifeln

Er war Schweißer unten im Kesselbau, sie abeitete oben im Büro. Blicke, zufällige Begegnungen, doch sein Anmachspruch war lahm. Sie wollte rauchen, er gab ihr Feuer. „Musst du auspusten“, sagte er, „und mir einen Kuss geben.“ Der Nachruf auf einen Mann mit Zuversicht.

Karl Grünberg
Hans-Gerd Trienke 1949-2015
Hans-Gerd Trienke 1949-2015

Im Oktober war er noch ein Mann. Augen, die grinsten, und im Vollbart ein Hallo-hier-bin-ich- und-was-machen-wir-jetzt-Lachen. Dazu die Lederweste, ein schwarzes Kopftuch, im Ohrloch Indianerschmuck. Auf seinen T-Shirts trug er seine Sehnsucht spazieren: ein Adler, der im Wind segelt. Ein einsamer Wolf, der durch die Steppe läuft. 84 T-Shirts dieser Art hatte er angesammelt.

Gerds Leben begann mit der Gründung der DDR. Sein Vater war Schweißer, seine Mutter arbeitete im Sozialwesen. Der Vater war sein Held, was er sagte, war für Gerd Gesetz. Sie war die Strenge, Unnahbare. Wenn er sie in den Arm nehmen wollte, sagte sie: „Fang dich.“ Erst zu ihrem 60. Geburtstag durfte er ihr über die Wange streichen.

Vor der Mauer war Gerd oft drüben bei seinem Großvater. Der hatte einen Kiosk, Gerd las Micky-Maus-Hefte und aß Süßigkeiten, es war das Paradies. Eines Tages, die Mauer stand seit einem Jahr, kam Gerd von der Schule und stand vor der verschlossenen Wohnungstür, abgeklebt mit einem Band der Volkspolizei.

Die Eltern waren verhaftet worden, geplante Republikflucht, das Urteil: 22 Monate Gefängnis. Gerd kam bei seinen Ost- Großeltern unter. Seine Eltern sah er, wenn er eine der seltenen Sprecherlaubnisse zugeteilt bekam. Als sie dann entlassen wurden, ging das Leben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Ob sie die Flucht wirklich geplant hatten? Was sie im Gefängnis und Gerd ohne sie aushalten musste? Darüber wurde nie gesprochen.

Nach der neunten Klasse wurde Gerd Schweißer wie sein Vater. Zugleich wollte er anders sein, auffallen mit seiner weißen Hose, dem blauen Rollkragenpulli und der silbernen Kette. Dazu ein Oberlippenbart und Koteletten, Marke Peter Wyngarden. Gerd war eine Type. Einer, der das Leben leicht nahm. Er konnte Leute dusslig reden, ein echter Showmaster.

Er arbeitete unten im Kesselbau, sie oben im Büro. Gerd war 21, Sylvia 17. Blicke, zufällige Begegnungen, doch sein Anmachspruch war lahm. Sie wollte rauchen, er gab ihr Feuer. „Musst du auspusten“, sagte er, „und mir einen Kuss geben.“ Er holte sie von zu Hause ab, lud sie zum Frühstück ein. Bei einem Spaziergang in der Schönholzer Heide passierte es dann doch, sie küssten sich.

Ihre Eltern waren in der Partei, seine waren verurteilte Republikflüchtlinge. Das Hochzeitsfoto aus dem Pankower Rathaus zeigt versteinerte Mienen. Nur Gerd und Sylvia lachen. Endlich raus, das eigene Leben, eigene Wohnung, Zimmer, Küche, Außenklo – im Grenzgebiet. Wer sie besuchen wollte, brauchte einen Passierschein.

Erst kam Sven, dann John. Haushalt, Kinder, Arbeit, alles teilten sie sich. Beim Abendessen saßen sie zusammen; eine normale, eine gute Zeit.

Gerd war der Lockere, der Kumpel, der Spaßmacher, Sylvia war die mit den Regeln. Im Februar 1980 hatte Sohn Sven von ihr Stubenarrest bekommen. Doch er wollte raus und bearbeitete seinen Vater, bis der es erlaubte. Draußen zog Sven mit dem Fahrrad am Fenster vorbei und winkte nach oben. Ein Nachbarsjunge rief von der anderen Seite herüber. Sven bog vom Bürgersteig auf die Straße und achtete nicht auf das Auto.

Svens Tod warf die beiden um. Sie brauchten ewig, um wieder zu sich zu finden. Darüber geredet haben sie nicht.

Ab Rente gibt’s nur noch einen Minijob

Nach dem Mauerfall wurde Gerd arbeitslos. Aber nicht verzweifelt. Er bastelte am Haus rum, überraschte Sylvia mit Blumen. Sie verdiente das Geld und half ihm mit den Bewerbungen. Schließlich wurde er Grundwasserabsenker, baute am Potsdamer Platz und an der Staatsbibliothek. Und wurde wieder arbeitslos. Diesmal bot ihm das Arbeitsamt eine Weiterbildung an, als Sonderpädagoge. Er könne doch so gut mit Jugendlichen. Sie brauchten ihn in einer Behindertenwerkstatt. Ein gutes Gefühl.

John, der zweite Sohn, vorsichtig behütete Kindheit, rebellische Jugend, war Zeitsoldat und Koch bei der Bundeswehr geworden. Sie besuchten ihn in der Kaserne. Gerd und John nahmen sich immer einen Vater-und-Sohn-Tag. Rumfahren, essen und quatschen. John hatte eine Frau, war junger Vater. Gerd war stolz auf seinen Sohn, „wie auf nüscht anderet“. John war 25, als er auf der Autobahn ums Leben kam. Wie viel Trauer kann ein Mensch aushalten?

Doch irgendwie musste es weitergehen. Gerd liebte seine Frau, liebte seine Hunde, in seiner neuen Arbeit als Altenpfleger konnte er den schlimmen Gedanken entkommen. Er wurde gebraucht. Und immer war er es, den die Chefs anriefen, wenn ein Kollege krank wurde, Doppelschichten, kurzer Wechsel. „Ich kann meine Alten doch nicht alleine lassen“, sagte Gerd. Ab Rente gibt’s nur noch einen Minijob, versprach er Sylvia. Eine Woche Arbeit im Monat, drei Wochen für sie. Endlich war ihr alter Gerd wieder da.

Doch dann kam ALS, die Nervenkrankheit, und machte aus Gerd, dem Mann, in wenigen Monaten einen Greis. Im Oktober sagte er: „Wenn mein Papa mich ruft, gehe ich.“ Im März ging er. Auf seine Urne ließ Sylvia einen Adler malen. Einen Adler im Wind.

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