Nachruf auf Hans-Jürgen Schodder (Geb.1951) : Dass das geht!

Wie kann ein Glückskind nur so viel Pech haben. Mit dem Rad fuhr er übers Tempelhofer Feld, sooft er konnte. Eine Geschichte ohne Happy End.

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Er fotografierte im Übermaß.
Hans-Jürgen Schodder (1951-2015)Foto: privat

Klingt nach einer richtigen Geschichte: Einer, der bei jeder Gelegenheit hinaus aufs Tempelhofer Feld fährt mit dem Rad. Runden im Wind, Himmel über Beton. Freiheit in der Stadt. Und der dann ausgerechnet Opfer dieser Freiheit wird.

Hans-Jürgen Schodder liebte gute Geschichten. Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“, ein armenisches Dorf rettet sich vor dem Genozid auf einen Berg. B. Travens „Rebellion der Gehenkten“ über die mexikanische Revolution. So etwas hat er gemocht. Und diese hier hätte er bestimmt weitererzählt.

Das hat er als Kind gelernt. Während die anderen Bälle kickten, las Hans-Jürgen von Abenteuern. Zunächst weil die verhasste Brille ihm den Sport verleidete. Bald konnte er nicht mehr verstehen, warum jemand seine Zeit mit Fußball verschwendet.

Vom Großvater lernt er Rebellion

Gute Geschichten kann man immer wieder erzählen. Wie ein kleiner Junge auf der Straße ihn hartnäckig für Franz Beckenbauer hielt, berichtet Hans-Jürgen Schodder. Und wie er das heftig abstritt und trotzdem das Autogramm gab, selbstverständlich mit seinem richtigen Namen.

Wie es war, Kind zu sein in Wichdorf bei Kassel in den fünfziger Jahren: Ahle Worscht in Tante Elfriedes Vorratskammer klauen; Gott weiß doch ohnehin immer alles. Dem Großvater zuschauen, wie er – und das als Bürgermeister – den Leuten vor der Kirche von der Messe abrät.

Ein bisschen Rebellion hat Schodder sich da antrainiert. Später als Lehrer in Berlin kann er die gut gebrauchen. Er geht gegen Bildungskürzungen demonstrieren, obwohl das unter Beamten nicht gern gesehen wird.

Auf keinen Fall will er an einem Gymnasium unterrichten. In der Zeitung liest er, es sind die achtziger Jahre, von der Hector-Peterson-Oberschule, deutsch- türkisch, Reform. Da muss er hin!

Die Schüler sind besser als ihr Ruf

Er kommt gut aus mit den schwierigen Jungs in seinen Klassen, einer davon hieß Tim Raue. „Die Schüler sind besser als ihr Ruf“, sagt er immer und sammelt grinsend Handys auf dem Pausenhof ein. Er bleibt so lange wie niemand sonst an dieser Schule, streitet in der Gewerkschaft, ärgert sich über die schwerfälligen Kollegen, die es noch nicht mal versuchen, mit diesem „Internet“. Das kann doch sogar seine alte Mutter. Die besucht mit 80 noch einen Computerkurs.

Oder die Geschichte mit dem Kuchen. Da war das Familienauto in Santiago de Compostela verschwunden und Hans-Jürgen Schodder versprach seiner Tochter und seinem Stiefsohn, dass er für den Rest seines Lebens jede Woche einen Kuchen backen würde, wenn sie es nur wiederfänden. Das Auto war abgeschleppt, sie fanden es wieder, und Hans-Jürgen Schodder backte.

Schodder quillt über. Vor Liebe.

Aber er liebt das ja ohnehin. Wenn er Marmelade einkocht, dann nicht nur ein paar Gläser. Gazpacho bereitet er für eine Großfamilie zu. Als er Opa wird, nichts macht ihn glücklicher, versorgt er die Tochter mit eingemachtem Rhabarber, abgefülltem Olivenöl, Blumen.

Die Gefriertruhe quillt über, seine Frau räumt heimlich auf. Und eigentlich quillt Schodder über. Vor Liebe. Vor Begeisterung.

Manchmal ist das ganz unvernünftig.

Der Tochter backt er eine ganze Schüssel mit Streuseln, weil sie die lieber isst als den Kuchen. Er kennt das doch. Hat seine Osterhasen als Kind stets zu schnell vernascht. Konnte sich auch nicht beherrschen, die kleine Schwester zu beklauen. Wenn man von hinten das Silberpapier abknibbelt, merkt von vorn keiner etwas.

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