Nachruf auf Harald Nowroth (Geb. 1948) : „So ist das“

... sagte er immer. Sollte heißen: Kann sowieso keiner was dran ändern, am wenigsten er selbst. Fuhr LKW, saß im Knast, kam nach Kreuzberg, verkaufte feine Lebensmittel. Und wurde nie zum Feinschmecker. So war das.

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Harald Nawroth (1948-2016) in den Achtzigern
Harald Nawroth (1948-2016) in den AchtzigernFoto: privat

Der Abschied im „Elefanten“, der Kreuzberger Kiezkneipe, in der der Film „Herr Lehmann“ gedreht wurde. Freunde berichten von Harrys Lebensstationen (Harald hat ihn keiner genannt). Einer liest einen Text des Ruhrpottdichters Fritz Eckenga. Auf Hermann Hesse hätte Harry geschissen, Literatur war sowieso nicht seins, strengt an, doofe Mehrarbeit, wenn er auf der langen Buchnacht im Garten des Blauhauses Würstchen grillen musste. Dabei war er vom „Steppenwolf“ gar nicht so weit entfernt: ein Solitär, brummbärig, mit einem Lebensfilm jenseits von Karriereplänen, Konsumwünschen und Anpassung. Altes Kreuzberg eben. Allein, eigenes Universum mit klaren Grenzen. Ein Feinkostladen im Schatten der Mauer, SO 36, Oranienstraße, im Armenhaus von West-Berlin.

Punks versoffen ihre Sozigage vor dem Laden, er hatte mit seinem Chef Hille Edelpils, Wurst und Käse, belegte Brötchen und bewegtes, gelebtes Leben im Angebot. Dem ein oder anderen hat er Episoden erzählt, meist unter Einwirkung erheblicher Mengen Bier. Zum Schluss sagte er immer: „So ist das.“ Sollte heißen: Kann sowieso keiner was dran ändern, am wenigsten er selbst.

In Dorsten, 40 Kilometer nordwestlich von Dortmund, wächst Harry im Einfamilienhaus mit Garten auf: Vater Bergbauingenieur, Mutter Hausfrau. Als er vier ist, zieht die Familie nach Wales, weil der Vater hier einen Job bekommt. Schullaufbahn ebendort. Harry behauptete immer, er könne die Waliser verstehen, die Engländer aber nicht. Wer Englisch sprach, den hat er später dann im Laden sowieso nicht bedient.

"Hol mal Wasser für die Wasserwaage!"

Sechs Jahre Wales also, dann wieder zurück nach Dorsten, ein Schock. Vater stirbt bei einem Bergwerksunfall. Harry hat ihn verehrt, das Interesse für Technik kommt von ihm. Selbst gebaute Dampfmaschinen, Lötkolben, selbst gedrechselte Schrauben und Muttern, alles ist Mechanik, nichts ist jemals fertig. An Zwischenstadien kann er sich erfreuen, Kippe im Mund, Bierflasche in der Hand, stolz. Die gasbetriebenen Maschinen könnten explodieren, egal.

Nach der Schule Ausbildung in „Gas Wasser Scheiße“. Was bleibt davon noch nach Jahrzehnten? Die Freude, wenn man einen Unbedarften losschickt „Wasser für die Wasserwaage holen“.

Eine kurze berufliche Episode unter Tage, vielleicht eine Ehrerbietung an den Vater. Ist nicht seins.

Seine Bestimmung: Lkw-Fahrer. Lange Haare, Kippe, Musik am Anschlag. 1968 heiratet er Heidi. Schnell kommen Thomas und Anja zur Welt, fast so schnell ist die Familie Geschichte. Heidi macht als Personalmanagerin Karriere bei einem Stahlkonzern. Harry gibt sich damit zufrieden, den Lkw bis nach Frankreich zu fahren. So erobert er die Welt. Sein erster Deal: Er lässt den Lkw unabgeschlossen auf dem Parkplatz stehen, übernachtet im Motel, am nächsten Morgen ist alles woanders, Ladung und Gefährt. Geht so oft gut, bis es auffällt. Sieben Jahre verbringt Harry hinter Gittern, für ihn kein Weltuntergang. Als Handwerker mit Privilegien ausgestattet, hat es ihm vor allem das Knastradio angetan. Hier kann er seine technischen Ambitionen einbringen: Musik durch die Lautsprecher jagen, Briefe und Grüße verlesen, ein paar Mal im Monat für eine Stunde Gott im vergitterten Mikrokosmos spielen.

Ende der Siebziger in West-Berlin, Harry auf Trebe. Kurzerhand besetzt er eine Laube am Tempelhofer Feld. Die Besitzer, Freaks aus Kreuzberg, registrieren merkwürdige Veränderungen, die auf einen unbekannten scheinbar unsichtbaren Mitbewohner weisen. Der erste Kontakt: verkehrte Welt. Ohne eine Spur Unrechtsbewusstsein geht Harry in die Offensive, als wäre er der Eigentümer. Die echten Eigentümer sind beeindruckt und bieten ihm prompt ein Zimmer in ihrer Wohnung in der Oranienstraße an.

So zieht er bei Hille und Co. ein, auch wenn der ganze Hippiekram nicht seins ist. Aber dem Entwurzelten wird eine Ersatzfamilie geboten. Im Gegensatz zu den Hippies aus dem Schwarzwald verfügt er über handwerkliches Geschick. Kommt jemand in der Nacht auf die Idee, eine tragende Wand durchzustemmen, um zwei Wohnungen miteinander zu verbinden, weiß Harry, wie man so etwas angeht, ohne dass das Haus einstürzt. Dagegen sind Hochbetten aus geklauten Achterbalken ein Klacks. Sein größtes Projekt ist der Ausbau des Ladens von „Lebensmittel Hillmann“ 1984. Dort sollen unter anderem Biere verkauft werden, die in West-Berlin noch als exotisch gelten, „Flens“ etwa. Davon ist schon reichlich vorhanden, als Harry die Bauarbeiten leitet; eine Phase, die ihm in guter Erinnerung bleibt, weil Bier während der Arbeitszeit erlaubt ist. Zumal dieses mit Bügelverschluss, der so schön Plopp macht, sein Lieblingsbier, weil Werner aus dem Comic das auch immer trinkt. Wenn Passanten fragen: „Was trinkt ihr denn da?“, antwortet Hille: „Nur für die Belegschaft!“

Trinkergemenschaft mit Katze, Aquarium und Hirschteppich

Mitte der Achtziger dann die Wohngemeinschaft mit Wolfgang in Wilmersdorf – eigentlich eine Trinkgemeinschaft mit Katze, Aquarium und Hirschteppich überm Sofa. Dunkle, schlichte Behausung, ganz nach Harrys Geschmack. Mit Wolfgang besucht Harry gern und regelmäßig die Kneipe „Phönix“. Da wird ihm bald eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen: Kassenwart des Sparvereins! Verwalter des Sparschranks, in den Mitglieder allabendlich Groschen einwarfen, um am Ende des Jahres die Ausschüttung in noch mehr Bier umzusetzen. Auch in Hilles Laden überzeugt er die jugendlichen Hilfskräfte von der Sparidee. Bei Anschaffungen stockt er deren Ansparungen großzügig auf.

Kinder mag er. Er bietet ihnen eine Scheibe Fleischwurst im Tausch gegen den Schnuller an.

1986 bricht sich Hille den Oberschenkel. Not am Mann, Harry versucht es zum ersten Mal hinterm Ladentisch. Der kleine Dicke übt verkaufen. Eines Tages kommt Viviane in den Laden und will 50 Gramm Chorizo erwerben. Chorizo? Viviane zeigt auf die Wurst, Harry bequemt sich an die Schneidemaschine und schneidet munter drauflos. „Ganz schön viel für 50 Gramm!“ Mit den Mengen hat er es nicht so.

Irgendwie fuchst er sich dann aber doch noch ein ins Geschäft mit Wurst und Käse, und bleibt ihm für den Rest seines Lebens treu. Feinschmecker wird er trotzdem nie. Seine Lieblingsspeisen: Pizza mit Fischstäbchen drauf und Panhas, Blutkuchen aus der westfälischen Heimat. Über das Innenleben von Leberwurst kann er philosophieren, aber Kundenfragen zu Oliven schmettert er ab. „Oliven? Kenn’ ich nicht. Wächst nicht in Westfalen!“ Mediterran geht ihm am Arsch vorbei. Genau wie später die neue Kundschaft mit Handys und der „Schaut mal, was ich mir leisten kann“-Mentalität. Keine Punkte. Schon eher Punks, die sich am Monatsersten was gönnen wollen, und wenn’s nur Matjesbrötchen sind.

Harald Nawroth (1948-2016)
Harald Nawroth (1948-2016)Foto: privat

Der kleine Laden läuft, eine Erfolgsgeschichte im Kiez. Harry ist umgeben von weiblichem Personal, das er wie Viviane damals selbst angeworben hat. Der Hahn im Korb, dem behutsam das Macho-Gehabe ausgetrieben wird. Wenn er die Frauen weiterhin „mein Sonnenschein“ oder „Hexe“ nennt, lächeln sie mild. Seine Schichten plant er, wann immer möglich, um die Feiertage herum, wenn sich möglichst wenig Kunden in der Stadt aufhalten. Wenn es ihm zu dick kommt, erstarrt er zur Salzsäule. Ansonsten pfeift er mehr schlecht als recht Gassenhauer wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ oder zitiert Heinz Erhard. Und erwartet sehnsüchtig sein Feierabendbier an der Tonne im „Elefanten“.

Sein Leben scheint in festen Bahnen mit Familienersatz und Arbeitsstelle. Bis eines Tages ein Polizeiauto vorm Laden hält. Hille scherzt noch „Harry, jetzt kommen sie dich holen!“ Sechs Monate wegen Unterhaltsschulden für ein drittes uneheliches Kind.

1999 zieht Harry zu Viviane in die Fabriketage, die er vor zehn Jahren für sie ausgebaut hat. Sie ist eine gute Freundin, sie managt alle Haushalts- und Wohnungsfragen. Er blüht auf, hat sogar ein Bastelzimmer. 2012 der Schock, sie müssen die Wohnung gegenüber dem Laden nach einer heftigen Mieterhöhung aufgeben und leben fortan beengt in Neukölln. Seit 2013 bekommt Harry Rente. Und arbeitet weiter im Laden, was soll er auch sonst tun? Der Lichtblick: Seine Tochter Anja nimmt Kontakt auf.

Zum Arzt geht er erst, als alle ihn drängen. Aus der Bandscheibenproblematik wird eine Herzgeschichte. Der Arzt ist überrascht: „Der agilste Herzkranke, den ich je gesehen habe!“ Er irrt sich. Zusammenbruch in der Wohnung, Viviane in Italien, Freunde, die ihn vermissen. Die Polizei öffnet die Tür, zu spät.

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