Nachruf auf Harald Pfeffer (Geb. 1952) : Anarchist auf Zeit

Er fuhr seine Söhne auf dem Fahrrad durch Berlin und erzählte Heldengeschichten: Er als Sponti, er auf dem Tunix-Kongress. Dann hatte er einen Opel und eine Doppelhaushälfte.

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Harald Pfeffer auf dem Tunix-Kongress in der TU-Berlin, Januar 1978
Harald Pfeffer auf dem Tunix-Kongress in der TU-Berlin, Januar 1978Foto: Privat

Bullen heißen Bullen, auf keinen Fall Polizisten, aber auch nicht Bullenschweine. Das war klar, bei Harald Peffer. Das lernten auch seine Söhne.

Wenn sie in eine Verkehrskontrolle gerieten, fürchteten sie, dass ihr Vater sich gleich wieder mit diesen Bullen anlegte. Auf jeden Fall würde er nichts Beruhigendes sagen. Er fuhr ja auch gern schwarz, ließ mal auf einer Baustelle etwas mitgehen, klaute irgendwo eine Mülltonne. Hat er sich bewahrt, aus den Siebzigern, aus seiner Anarcho-Zeit. Wie die Bluejeans auf der Skipiste und die Cowboystiefel zum Anzug.

Die beiden Brüder hatten den besten Vater der Welt. „Übertreib’s halt nicht mit dem Gras“, sagte er. „Komm heim, wann du willst, aber lass es mich wissen.“

„Was denkst du über den Sinn des Lebens?“, fragte er am hellen Küchentisch. Die Nachbarskinder kamen zum Diskutieren vorbei. Reden war immer das Wichtigste.

Oft fuhr er die Söhne auf dem Fahrrad durch Berlin und erzählte Heldengeschichten. Von den Partys auf der Konstanzer Straße, die die Bullen auflösten. Von Pinochets Putsch in Chile 1973. Da war er gerade 21 und trat als einer der Jüngsten dem Berliner Chilekomitee bei. Von einer Reise nach Libyen, bei der er Gaddafi die Hand schüttelte. Die Reise war längst nicht so romantisch-politisch, wie er es sich ausgemalt hatte. Krank und ausgemergelt kam er wieder. Ein Entwicklungshelferleben, so viel stand fest, war ihm zu chaotisch.

Chaos kannte er von daheim: Sein Vater soff, die Mutter ließ sich scheiden und zog die fünf Kinder in Moabit groß. Harald kämpfte als Schulsprecher für Colaautomaten, Raucherecke und Wahrheiten über das Dritte Reich. Der Stiefvater kämpfte gegen seine engen Hosen, seine langen Locken und seine Lebenslust.

Harald zog aus, einsam, aber frei, in einen Weddinger Hinterhof. „Like a Rolling Stone“, sang Bob Dylan. Harald trat der SPD bei, lernte die proletarische Jugendzelle kennen, begann an der Technischen Universität Kybernetik zu studieren. Mit Kappe, Ringen an den Fingern, schwarzem Baumwolltuch, mit Gauloise im Mund, Sartre im Sinn und einer selbst gefädelten Kette in den Farben der Trikolore um den Hals.

Wenn die anderen Anarchos in den WGs ihren Rausch ausschliefen, stand Harald auf und studierte Formeln. Wenn die anderen ihre 423 Mark Bafög im Monat aufgebraucht hatten, beschissen sie die Versicherung. Harald verdiente Geld als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Als seine Freunde eine Spielbank knacken wollten, indem sie die Gewinndaten auf Regelmäßigkeiten untersuchten, gab Harald die Daten in den großen Computer seines Rechenzentrums ein.

Gern erzählte er seinen Söhnen vom Tunix-Kongress, Januar ’78. Er und seine Sponti-Freunde hatten genug vom kalten Berliner Winter nach dem Deutschen Herbst. Die RAF hatte ihre Anschläge verübt, die Bundesregierung übereifrig gefahndet.

„Wir hauen alle ab zum Strand nach Tunix“ lautete das Motto der Konferenz, Tausende kamen. Manche schmissen Pflastersteine und Eier, manche verbrannten Deutschlandfahnen. Andere erdachten eine neue Partei, die Grünen, eine neue Zeitung, die „Taz“, den Christopher Street Day, neue Bildungsmodelle. Sie wollten im richtigen Leben etwas verändern, nicht nur in der Utopie. Sie lehnten Gewalt ab. Tunix war ein Neuanfang.

Viele änderten zunächst ihr eigenes Leben. Bedürfnislos kann auch ganz schön spießig sein, hieß es jetzt. Sie gingen gut essen, kauften sich gebrauchte Porsches, holten nach, worauf sie in den radikalen Jahren verzichtet hatten. In Gorleben sollten andere demonstrieren.

Harald hatte einen alten Opel. Die anderen saßen jetzt abends in der Osteria in Kreuzberg, einer Kneipe, die sie mitaufgebaut hatten. Harald bezahlte eine Doppelhaushälfte in Zehlendorf ab. Während die anderen alle Frauen aus der Szene vögelten, fuhr er mit seiner einen Liebe Marion, die keine Szenebraut war, und den Kindern in Urlaub. Like a Rolling Stone.

Über Marions verbohrte Maoisten-Vergangenheit und Haralds alberne Sponti- Zeit lachten sie. Wie schrecklich es gewesen wäre, wenn die Anarchos sich durchgesetzt hätten. Dann müsste Harald jetzt im Bürgerrat sitzen.

Manche warfen ihm vor, bürgerlich geworden zu sein. Weil er wählen ging, Aktien hatte, den Rechtsstaat mochte, Anzug trug. Kein Problem für Harald. Er wurde Informatiker, Manager bei PSI und Berlikomm, gründete eine eigene Firma. Er zeichnete nicht mehr Karikaturen des übergriffigen Staates im Stil von Seyfried, sondern Kindergeschichten für seine Söhne, ein ganzes Buch, „Die Geschichte vom lachenden Baum“. Er kaufte Erstausgaben von Balzac und Proust. Nur die schönen Bücher durften in seiner Bibliothek ihre Rücken zeigen, die mit den grellen Einbänden wickelte er in Packpapier und beschriftet sie sorgsam. Mit dem Antiquar und dem Weinhändler führte er Männerfreundschaften. Eigentlich hatte er etwas anderes mit seinem Leben vorgehabt: in Pariser Cafés „Libération“ lesen, Romane schreiben, nachdenken.

Auf Harald Pfeffers Todesanzeige steht nichts von Bullen, nichts von Tunix, nichts von Proust. Nur: „Wir haben ihn so sehr geliebt“.

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