Nachruf auf Herbert Toepfer (Geb. 1935) : „Is’ dit Leben nich’ schön“

Ruhig und vorgezeichnet war sein Lebensweg, ab und an nur etwas Exotik. Ein Nachruf auf einen Mann, der Rad fuhr, im Verein arbeitet - und sich auf die Warteliste für eine Mondreise setzen ließ.

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 Herbert Toepfer (1935-2016) Foto: privat
Foto: privat

Kommen Sie nur herein, hier rechts, in die Küche, ich koche uns einen Kaffee.“ Herbert Toepfers Tochter raschelt in einem Regal, findet endlich die Kaffeepads und legt sie in die Maschine. „Und? Fällt Ihnen auf, was fehlt? Genau. Ein Herd. Ein reiner Männerhaushalt ist das hier.“

Herbert Toepfers Küche gleicht eher einer Bastelwerkstatt mit einigen wenigen Küchenelementen: eine Mikrowelle auf dem Kühlschrank, Borde, auf denen ungeordnet ein paar Suppenbüchsen, Süßstoff, ein Honigglas stehen. Auf dem Tisch am Fenster mit Blick auf Balkon und Bäume liegen Computerteile, Kabel, Werkzeug. An den Wänden in Küche und Stube hängen aufgeklebte Tausend- Teile-Puzzles, Kitschgemälde von Leuchttürmen, Brücken, die über Bergbäche führen, getaucht ins Sonnenuntergangslicht, außerdem Sternenkarten. In einem Regal lagern 635 nummerierte Videokassetten mit Wochenschauen aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren, auf einem Schrank ein Playmobil-Schiff, gegenüber eine vollständige Karl-May-Ausgabe und ein Modellflugzeug.

Bewegung. Irgendwie ging es ihm immer darum, vorwärtszukommen, auf dem Boden, zu Wasser, in der Luft, in der Vorstellung. Als die Fluggesellschaft „Pan American“ auf die Idee verfallen war, eine Warteliste für Mondreisen einzurichten, ließ sich Herbert sofort einen Flug reservieren. Sechs Jahre vor der Apollo-11-Landung hatte er auf die Geburtsanzeige seiner ältesten Tochter geschrieben: „Sie wird den ersten Menschen auf dem Mond erleben.“ Er legte eine Raumfahrtsammlung an, Bücher, Zeitungsartikel, Wernher-von-Braun-Autogrammkarten. Er hatte die amerikanischen Rosinenbomber am Himmel gesehen und gewusst, dass ihre Ladung ihm über den Hunger hinweghelfen würde.

Er fuhr Rad, Straßenrennen, wurde Berliner Vizemeister im Sprint, nahm am Vorausscheid fürs Sechstagerennen teil, begab sich, bevor die Mauer im Weg stand, auf Trainingsfahrten über ost- und westdeutsche Straßen, wofür er einen „Einfachen Rundreise-Interzonen-Paß“ benötigte: „Der Inhaber ist berechtigt, die Demarkationslinie in Juchhöh-Töpen zu überschreiten und sich weiterzubegeben nach Speyer / Rhein. Zweck der Reise: Sportreise.“ Er reiste mit seiner Tochter durch Simbabwe, in einem Jeep durch Kenia, auf einem Ruderboot über den Sambesi, fuhr mit der Bagdadbahn, saß am Ende eines heißen, staubigen Tages auf einer Hotelterrasse in Kairo, in der einen Hand einen Bacardi Cola in der anderen Karl Mays „Durch die Wüste“, schaute auf die Pyramiden und seufzte: „Is’ dit Leben nich’ schön.“

Es wurde das Finanzamt

Was es nicht immer war: die Bomben, das ausgebrannte Haus, der Hunger, der Tod der zweiten Tochter kurz nach der Geburt und der des 18-jährigen Bruders nach einem Motorradunfall, seine Krankheit, Polyneuropathie, die die Muskeln schwächt. Die beiden gescheiterten Ehen. Vielleicht wollten die Frauen öfter zu Wort kommen und ihm nicht nur zusehen bei seinem stummen Herumgebastel an einem Flugzeugmodell, bis auch die winzigste Antenne am Rumpf befestigt war. Dabei war er immer freundlich und dankbar, alles, was man ihm vorsetzte, schmeckte „vorzüglich“. „Seinen Lebensweg“, sagt seine Tochter, „könnte man als ruhig und vorgezeichnet beschreiben. Ein bisschen Exotik ab und an, aber nicht zu viel.“

Schriftsetzer war er bis in die siebziger Jahre und wollte dann etwas Neues machen: Finanzamt oder Feuerwehr, „was Sicheres“. Es wurde das Finanzamt, Dienst bis 15 Uhr, anschließend ein Stündchen auf der Terrasse, danach eine Versammlung des Radsportvereins „Möwe Britz“. Ehrenamtlich kümmerte er sich um die Jugendförderung und Wanderrennen, organisierte international besetzte Straßenrennen, bis er es doch leid war, diese ganze Bürokratie, zig Genehmigungen für alles und jeden.

Langeweile kam trotzdem nicht auf, da war ja noch sein Hang zum Historischen, jungen Leuten Geschichte mittels Geschichten begreifbar zu machen. Die Zeitzeugenbörse war genau das richtige Format, obwohl es ihn manchmal verstimmte, dass er andauernd über den Hitlerirrsinn erzählen sollte und weniger über die Luftbrücke oder den Mauerbau.

Er frühstückte jeden Morgen im Café, bändelte dort hin und wieder mit alleinstehenden Damen an, reiste im Winter in die Wärme und fuhr sonntags mit frischen Schrippen zu seiner Tochter. Im August entdeckten die Ärzte den Krebs. Sie machten ihm Therapievorschläge, aber Herbert sagte: „Nö, ich will nach Hause und sterben.“ Zehn Tage lang lag er in seinem Bett, redete noch einmal mit allen, und starb dann.

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