Nachruf auf Hilka Neuhof (Geb. 1939) : Wenn's der Kunst dient

Früher war sie mal Lehrerin, dann kam sie zum Underground-Film. "Mutter war früher mal ein heißer Feger", so eine ihrer Rollenbeschreibungen. Nachruf auf eine Frau mit Mut

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Hilka Neuhof (1939-2015) - im Jahr 2000 auf einer Reise nach Kalifornien. Sie hat den Polizisten gefragt, ob sie sich fürs Foto auf sein Motorrad setzen darf. Natürlich durfte sie.
Hilka Neuhof (1939-2015) - im Jahr 2000 auf einer Reise nach Kalifornien. Sie hat den Polizisten gefragt, ob sie sich fürs Foto...

Wie Hilka Neuhof zum Film kam, 58-jährig, nach einem Berufsleben als begeisterte Biologie-Lehrerin, klingt wie aus einem Drehbuch von Lothar Lambert.

An einem Winterabend Ende der neunziger Jahre besuchte Hilka Neuhof zunächst zusammen mit ihrem Mann die Vernissage einer Ausstellung, die Detlef Gosselck kuratiert hatte. Gosselck flog Jahre später als Kunstfälscher auf und nahm sich das Leben. Auch so ein Lambert-Thema: ein Berliner Bohemien, der auf Abwege gerät. Doch von Gosselcks Abwegen wusste damals noch keiner. Die Neuhofs kauften arglos ein Bild.

Zu den Gästen der Vernissage zählte auch das ehemalige Model Isolde Josipovici, die eine Pension in der Bleibtreustraße betreibt und sich für den Erhalt von Berlins Brunnen engagiert. Sie hatte ausrangierte Kacheln des Ernst-Reuter-Brunnens dabei und schaute sich nach Künstlern um, die sie bemalen sollten. Tatkräftig versprach Hilka Neuhof Mithilfe bei der Suche und nahm gleich ein paar Kacheln mit.

Lothar Lambert saß zur selben Zeit im „Buch’s“ in der Charlottenburger Wielandstraße. Er hatte einige Jahre zuvor zu malen begonnen. An den Wänden des Lokals hingen einige seiner Bilder. Auf dem Heimweg kehrte das Ehepaar Neuhof noch im „Buch’s“ ein. Hilka Neuhof gefiel Lamberts Kunst, sie nahm eine Brunnenkachel und sprach ihn forsch an.

Ein ungleiches Paar: Lambert, der Underground-Filmer, und die Lankwitzer Lehrerin. Sie unterhielten sich angeregt. Am Ende sagte Lambert, er suche ständig Laiendarsteller, und sie könne das doch einmal versuchen. Bald darauf interviewte er sie für seine Dokumentation „Made in Moabit“. Ein Jahr später machte er ihr das erste echte Rollenangebot. Ehrensache, dass sie zusagte. In ihrer zweiten Szene tanzte sie nackt.

„Du hattest durch mich dein Coming Out als Exibitionistin“, sagte Lothar Lambert später einmal zu ihr. „Von mir aus. Sag das so“, antwortete Hilka Neuhof und lachte. Ob es denn Situationen gegeben habe, in denen sie sich geschämt habe, hakte Lambert nach. „Fällt mir keine ein“, sagte Neuhof.

Der Dialog stammt aus dem siebten Film, den sie gemeinsam drehten. Wieder eine Dokumentation: „Alle meine Stehauf-Mädchen – Von Frauen, die sich was trauen“. Lambert filmte Hilka Neuhof in ihrer Lankwitzer Wohnung. Dort saß sie vor einer Fensterbank voller Kakteen: eine gepflegte Frau mit schwarzem, stufigen Kurzhaarschnitt und rundlichem, fein geschnittenen Gesicht. Sie stach aus Lamberts Ensemble heraus. Der Regisseur arbeitet meist mit kapriziösen Persönlichkeiten aus der Westberliner Schwulen- und Künstlerszene, die er durchgeknallte Figuren spielen lässt. Hilka Neuhof wirkte dagegen unkompliziert und bodenständig. Sie war auch nicht darauf aus, sich vor der Kamera zu entkleiden, sondern nur so mutig, sich auf Lamberts Regieanweisungen einzulassen. „Mutter, ca. 50 - 60, übergewichtig, Dekolleté, fette Ringe, Kette, lackierte Nägel, Turmfrisur oder Dutt. Mutter war früher mal ein heißer Feger.“ So lautete eine ihrer Rollenbeschreibungen. Äußerliche Eitelkeiten wollte Hilka Neuhof mit ihrem Filmschaffen sicher nicht ausleben. „Wenn's der Kunst dient “, kommentierte sie die heiklen Szenen und lud später sogar ihre Lehrerkolleginnen zu den Premieren ein.

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