Nachruf auf Ingo Pethke (Geb. 1961) : Der Ingo für alles

Er sagte: „Bin ja nur einer vom Bau mit Sonderschulabschluss.“ Sie darauf: „Aber mit Gesellenbrief.“ So blieb er mit seiner Helga zusammen. Ein Nachruf auf einen kleinen Mann mit großem Geschick.

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Ingo Pethke (1961-2016)
Ingo Pethke (1961-2016)Foto: privat

Ganz klein war er, nicht nur, weil sie so weit oben, im sechsten Stock am Fenster stand, als sie ihn zum ersten Mal sah und er da unten aus dem Auto stieg. Er war überhaupt ganz klein, einssechzig ungefähr, und schmal dazu. Dafür strahlten seine Augen. Bis zu ihr nach oben strahlten sie, an seine Augen erinnert sie sich am liebsten. „Ganz liebe Augen waren das. Das hab ich gleich gesehen.“

Sie war überhaupt nicht darauf aus, schon wieder einen Mann kennenzulernen. Üble Erfahrungen. Ihre Schwägerin meinte trotzdem, sie solle sich den Ingo angucken, nur einen Bowlingabend lang. Sie werde schnell merken, dass der anders sei. „Der wird dir nicht wehtun. Der nicht.“

Ingo war von der zurückhaltenden Sorte, einer, mit dem es das Schicksal auch nicht so gut gemeint hatte. Sonderschulabschluss, konnte kaum lesen und schreiben, seine erste Freundin war gestorben, da war er 18, seine letzte hatte ihn betrogen. Aber ehrlich war er, ehrlich und gut. So einen hatte Helga noch nie kennengelernt.

Er erzählte, dass er Anstreicher sei, nichts Tolles, aber für ihn genau das Richtige, denn da kann man auch ganz schön viel falsch machen, er aber nicht, er kenne sich da aus, mit Gesellenbrief und allem. Helga erzählte von ihren Fenstern, von denen die Farbe abblätterte, und die Sache nahm ihren Lauf. Ingo strich ihre Fenster. Sie gingen zum Ku’damm. Sie spielten Squash. Und Helga dachte: „So schnell, das kann nicht gut sein.“ Ihre alte Geschichte saß ihr in den Knochen. Ihrer Freundin sagte sie, dass sie die Sache beenden würde. Eine Woche drauf die Freundin: „Und, haste dich getrennt?“ – „Nee, gib mir noch zwei Wochen.“

Nach zwei Wochen hatte sie es noch immer nicht getan. Ingo hatte gesagt: „Ich bin doch nichts für dich. Bin ja nur einer vom Bau mit Sonderschulabschluss.“ Sie hatte gesagt: „Aber mit Gesellenbrief. Das soll dir erst mal einer nachmachen.“ Und dann hat er irgendwann am Telefon „Na, Schatzi!“ gesagt, und sie hat wieder nicht gesagt, dass sie noch nicht so weit sei, und so ging das immer weiter.

Er übertrieb es mit der Sauferei

Ingo lieh Helga sein Auto, als sie nach Italien fuhr. Dort, wo er gar nicht dabei war, merkte sie, wie gern sie ihn hatte, und das schrieb sie ihm auf kleine Karten. Eine Antwort bekam sie nicht, nie einen Brief, nie eine Karte. Schade, dachte sie und hatte keine Ahnung, dass er’s nicht so mit den Buchstaben hatte. Sie erfuhr es, als er ihr mal einen Zettel zusteckte, auf dem stand: „Ich liebe deich“.

Sie zogen nicht zusammen, aber sie waren füreinander da. „Wir haben uns beschützt“, sagt Helga.

Nach ein paar Jahren wurde es schwierig. Ingo übertrieb es mit der Sauferei. Arbeitete halt auf dem Bau, stieß an, wenn die anderen anstießen, war aber viel kleiner und schmaler als die anderen. Dann ging die Firma pleite, Ingo fand keinen neuen Job und brauchte Trost. Da konnte auch Helga ihm nicht helfen.

Besoffen wurde er nicht aggressiv, nur doof und müde. Dann schlief er immer ein. Für Helga ging das trotzdem nicht. Als er sie beim Kegelausflug sitzen ließ, im Suff mit dem Auto wegfuhr und sie für hundert Mark ein Taxi nehmen musste, war’s vorbei. „Wenn du weiter trinkst, ist es aus.“ Da hat er aufgehört, von einem auf den nächsten Tag. Geraucht hat er weiter wie verrückt und Süßigkeiten hat er jetzt noch mehr gegessen. Aber keinen Tropfen Alkohol, nie wieder.

Womit das Jobproblem nicht aus der Welt war. Ingo war geschickt, eigentlich lag ihm alles Handwerkliche, man konnte ihn irgendwo hinstellen, mach das, mach jenes, und er machte alles, ohne Klage. Aber finde mal jemanden, der dich machen lässt und dir Geld dafür gibt, wenn du klein und schmal bist und glaubst, dass die anderen sowieso viel schlauer sind, und dich nicht traust zu sagen, was du alles kannst. Jeder Gang aufs Amt ein Horror, da muss man lesen, da stellen sie blöde Fragen. Wenn Helga mitkam, war’s okay. Helga sah die Anzeige einer Firma, die Ein-Euro-Jobs vermittelte, und sie fragte Ingo, ob er für so wenig arbeiten würde. Klar würde er. Über 150 Euro mehr im Monat! Und er hätte was zu tun.

Hospiz, keine Ahnung, was das sein soll

Sie boten ihm eine Stelle in einem Hospiz an. Hospiz, keine Ahnung, was das sein soll. Aber sie suchten einen Hausmeisterhelfer, einen für alles Handwerkliche, da kannte er sich aus. Ingo fuhr hin, Helga fuhr mit, sicherheitshalber. Die vom Hospiz wunderten sich, wozu die Frau dabei war, vor allem aber freuten sie sich, dass da jemand kam, der aushelfen würde und kein Geld kostete. Sie fragten Ingo, ob er ein Problem hätte, im Hospiz zu arbeiten. Warum sollte er? – Na, weil hier Leute sterben. – Ingo verstand die Frage gar nicht. Anderswo sterben auch Leute, das ändert doch nichts daran, dass sich jemand um die Fenster und die Rohre und alles andere kümmern muss.

Es lief dann noch viel besser, als irgendwer gedacht hätte. Fürs Hospiz, weil Ingo einfach alles konnte, verstopfte Rohre reinigen, den Geschirrspüler reparieren, Sicherungen wechseln, Möbel hin- und herrücken, und wenn es was zu streichen gab, eine Bank, ein Zimmer, dann war das sowieso sein Ding. Bald musste man ihm auch gar nicht mehr sagen, was zu tun war, er sah es früher als jeder andere. War ja auch länger da als jeder andere. Eigentlich war er immer da.

Für Ingo lief es gut, weil die vom Hospiz ihn spüren ließen, dass es gut lief. Kein Maler-Kollege hat sein Allround-Talent so dankbar bestaunt wie die Hospiz-Kollegen. Wenn ein Mitarbeiter neu war, irgendetwas kaputtging und es hieß, kein Problem, das macht der Ingo, der kann alles, dann dachte sich der Neue: Dieser Ingo, das muss ein toller Typ sein. Wenn er dann diesen Ingo sah, wunderte er sich: So klein und schmal? Und merkte schnell: Der kann ja wirklich alles.

Toller Typ. Da war es Ingo doch egal, wie viele Stunden ihm bezahlt wurden. Hier wurde er gebraucht, die Leute waren nett zu ihm, und auch mit denen, die hier wohnten, um zu sterben, kam er bestens klar. Die Endlichkeit des Lebens war weniger sein Thema als die Endlichkeit der Ein-Euro-Job-Bewilligung. Hin und wieder fand sich ein Todgeweihter, der mit ihm auf der Terrasse eine Zigarette rauchte. Für den war Ingos Orientierung auf ganz und gar konkrete, irdische Probleme womöglich wohltuender als ein mitfühlender Angehöriger mit Kloß im Hals.

Zwei Mal hat das Arbeitsamt die Arbeitsbeschaffung verlängert, und noch bevor für Ingo Schluss war, fand er einen Job mit richtiger Bezahlung. Eine Trockenbaufirma hatte im Hospiz Wände eingezogen, Ingo hatte geholfen, und da fragten sie ihn, ob er nicht bei ihnen anfangen wolle. Natürlich wollte er. Ins Hospiz konnte er ja an den Wochenenden weiter kommen. „Ohne mich läuft doch hier nichts.“

Handwerkern muss man misstrauen

Nun war er nicht mehr der Jüngste, und der Trockenbau war eine anstrengende Maloche. Lange hätte er das nicht durchgehalten. Ingo stellte sich vor, wie schön es wäre, wieder ganz bei den Sterbebegleitern arbeiten zu können. Traute sich nur nicht, dort nachzufragen. „Für die bin ich doch viel zu teuer“, sagte er zu Helga. Die 1300 Euro, die er im Monat rausbekam, die würde er dort bestimmt nicht kriegen. Helga sagte: „Frag sie doch einfach. Die fanden dich doch gut.“ Recht hatte sie. Sie brauchten ihn im Hospiz, und inzwischen konnten sie sich ihn auch leisten.

Fast fünf Jahre war er richtiger Hausmeister. Der Ingo für alles. Der reparierte, malerte und räumte. Der dem Patienten seinen Fernsehsessel von zu Hause holte. Der der Pflegerin den Radreifen flickte. Der bei Kollegen, die zu Hause renovierten, aushalf. Der zu allen freundlich war, außer zu anderen Handwerkern, weil man denen generell misstrauen muss. Und der sich freute, wenn nach Feierabend die Chefin noch in ihrem Büro saß. Sie dachte immer, sie würde ihm was Gutes tun, wenn sie ihn auf die Arbeitszeiten hinwies und meinte, er solle es mit der Arbeit nicht übertreiben. Wenn sie es selbst übertrieb, konnte sie nicht mehr meckern.

Sie erinnert sich an ein Gespräch mit Ingo an einem Abend, als außer ihnen nur noch die Nachtdienste da waren und jene, die hier starben. Sie sprachen über die schöne Freiheit, tun zu können, was man tun möchte, für sie die Freiheit, arbeiten zu können an einem Ort, an dem man gerne arbeitet.

Ob Ingos Krebs vom Rauchen und Saufen oder von den Farbdämpfen kam – egal. Er kam früh und er kam schnell. Im Krankenhaus reparierte Ingo noch ein Waschbecken und erzählte den Schwestern stolz, dass er im „Ricam Hospiz“ arbeitete, dem besten Ort zum Sterben.

Es dauerte, bis sie in seinem Hospiz endlich ein Bett für ihn frei hatten. Dann kam er, und es war, als würde er heimkehren. Nach einer einzigen Nacht ist er gestorben.

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