Nachruf auf Israel Abraham Pollak (Geb. 1928) : Nie hielt das Glück

Im Mai 1997 kam er nochmal nach Deutschland, freiwillig diesmal. Er war verwirrt, er hatte eine blaue Nummerntätowierung auf dem Unterarm. Und er blieb.

Sonja Süß
Israel Abraham Pollak (1928 - 2014)
Israel Abraham Pollak (1928 - 2014)Foto: Privat

Am frostklaren Abend des 20. Januar 2014 starb Israel Pollak, alt und lebenssatt, in seinem Bett in einem hellen warmen Zimmer eines ihn freundlich umsorgenden Altenheims in Berlin.

70 Jahre zuvor, kurz nach Pessach 1944, waren er und seine Familie und alle anderen Juden in Borscha, einer Kleinstadt im Norden Rumäniens, von Gendarmen aus ihren Häusern gezerrt, eingesperrt und einen Monat später mit dem Zug ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht worden. SS-Offiziere trennten dort die Familien. Israel Pollak und sein jüngerer Bruder Josef wurden auf die eine Seite zur Arbeit geschickt, die Eltern auf die andere Seite. Die Jungen wurden kahl geschoren und mit einer Nummer gebrandmarkt. In einem Bergwerk mussten sie Kohle aus engen Stollen fördern, bis Anfang 1945 die SS die Arbeitssklaven nach Westen verschleppte.

So erreichten die Brüder Israel und Josef am 22. Januar 1945 den Bahnhof Buchenwald bei Weimar. Sie wurden aus einem offenen Güterwagen voll toter und halb toter KZ-Häftlinge gezogen. Drei Monate später erlebten sie die Befreiung des Konzentrationslagers. Nach einigen Wochen Pflege durch amerikanische Sanitäter folgten sie Werbern, die jüdische Waisenkinder und Jugendliche für den Aufbau einer Zukunft in Palästina sammelten. Sie gelangten in den Kibbuz Elon, der 1939 von marxistischen Zionisten aus Polen gegründet worden war, sie lernten Hebräisch und wurden nach den Lehren von Darwin, Marx und Freud unterrichtet. Ihre jiddische Muttersprache und Religion galten als verpönte Relikte der Vergangenheit.

Für Josef erfüllten sich die Lebenshoffnungen, er gründete eine Familie und hatte Erfolg im Beruf. Israel hingegen konnte die Schrecken, die er überlebt hatte, nie überwinden. Als er 1948 Soldat werden musste, erlitt er seine erste Psychose. Das wiederholte sich im Lauf der Jahrzehnte, als Reservist der israelischen Armee musste er immer wieder einrücken, er erlebte Gewalt, Tod, Krieg, er kam in psychiatrische Kliniken.

Zwischendurch zog er ruhelos im Land umher, arbeitete in der Landwirtschaft, auf dem Bau, als Postbote, erlernte den Beruf des Autoelektrikers und hielt es nirgends lange aus. Er wusste die angenehmen Seiten des Lebens durchaus zu genießen, aber nie hielt das Glück, immer wieder brachen die Gespenster der Vergangenheit über ihn herein, fühlte er sich verfolgt und bedroht. Auf keinen Fall wollte er Kinder in die Welt setzen, die er nicht würde beschützen können. Zu viele unschuldige kleine Menschen hatte er in Auschwitz verschwinden sehen, wo später fetter, schwarzer Rauch aufstieg.

Was suchte Israel Pollak, als er im Mai 1997 von Tel Aviv nach Frankfurt am Main flog und nach Weimar fuhr? Polizisten wurden zu dem verwirrten kleinen Mann mit der blauen Nummer auf dem linken Unterarm gerufen. An der Haltestelle Ettersberg der Buslinie zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald war er gestrandet. Man brachte ihn nach Berlin, wo das israelische Konsulat den Rückflug nach Israel organisierte. Er aber wollte bleiben. Er fühlte sich wohl in der Stadt. Die Deutschen begegneten ihm freundlich – und er selbst war von einer Art, die es ihm leicht machte, Unterstützung zu finden.

Auch in Berlin musste er zwei Mal in psychiatrischen Kliniken behandelt werden, aber er lobte die hilfsbereite Fürsorge. In den letzten Jahren konnte er immer häufiger in Erinnerungen an seine schöne Kindheit eintauchen: wie er Schafe gehütet hatte, wie der Vater als koscherer Metzger vor dem Schabbat Fleisch an die Armen verschenkt hatte, wie er mit den deutschen Nachbarskindern gespielt hatte, wie seine Mutter beim Christen Honig für ihn gekauft hatte, wenn er krank war. Nur wenn die Erinnerung sich dem Pessachfest 1944 näherte, drohte alles in dunklen Wahnsinn zu stürzen.

Vor diesem Abgrund und der Einsamkeit vermochte nur Einer ihn zu retten: der Gott seiner Väter, zu dem er in den letzten Jahren seines Lebens zurückfand, mit dem er ständig im Gespräch, manchmal auch im Streit war, von dem er sich schließlich in Frieden zu sich genommen fühlte. Israel Abraham Pollak kam auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee zur letzten Ruhe.

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