Nachruf auf Karin Dagmar Clauss (Geb. 1943) : „Wir gehen nicht“ - „Ihr geht“

Es war nicht so, dass sie ein schlechtes Leben in der DDR gelebt hatte. Aber irgendwann reichte es dann doch.

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Karin Dagmar Clauss (1943-2017)
Karin Dagmar Clauss (1943-2017)Foto: privat

Die Tür geht auf und ins Zimmer spaziert ein Einhorn. Das hätte einen DDR-Bürger vermutlich weniger verblüfft, als ein Grenzbeamter, der den Schlagbaum an der Bornholmer Straße öffnet. Auch noch im Sommer 1989, obwohl da schon alles in Aufruhr war, tausende Ausreiseanträge liefen, Hunderte über Ungarn nach Österreich gelangt waren, die Staatsmächtigen immer vergreister, grotesker wirkten. Weshalb sich noch mehr Menschen auf den Weg in den Westen machten. Karin und Wolfgang hatten die DDR nach zwei Jahren Wartezeit offiziell verlassen dürfen. Was für ihren Sohn entsetzlich war, denn der durfte nicht mit. Sie hatten den Ausreiseantrag zu dritt gestellt, aber als Alexander 18 wurde, verfielen die Genossen vom Amt auf die Idee, die Anträge zu trennen. Die Eltern konnten raus, der Sohn musste bleiben. „Wir gehen nicht“, sagten Karin und Wolfgang. „Ihr geht“, insistierte Alexander. Sie gingen. Eine Trennung, von der niemand wusste, wie lange sie dauern würde.

Es war nicht so, dass Karin ein schlechtes Leben in der DDR gelebt hatte. Von außen betrachtet war es sogar gut, glücklich. Die Liebe, die lebenslange Freundschaft mit Wolfgang, seit sie 16 war. Wie sie hinten auf seine AWO-Sport kletterte und wie sie, als es dann regnete, unter dem schmalen Haltestellendach in der Friedrichstraße saßen. Die Hochzeit an einem 31. Dezember. Alexanders Geburt an einem 31. Dezember sieben Jahre später. Der Garten in Schönwalde, ein Refugium. Die Reisen, nach Georgien und Armenien. Die Arbeit an der Akademie der Wissenschaften, am Philosophischen Institut, wo Karin für Dozenten und Professoren Literatur exzerpierte und deren Schriften redigierte. Die Bücher zu Hause, Goethe und Kleist, Kishon, Christa Wolf. Putzen und Kochen? Karin aß lieber im Restaurant, in der ersten Hälfte des Monats jedenfalls, denn in der zweiten war das Geld meist aufgebraucht, dann aßen sie eben, was sie zu Hause fanden und lachten, das Leben war ganz leicht.

Was es naturgemäß nicht immer ist. Die Bomben während Karins Geburt. Der Vater, der spät aus der Gefangenschaft wiederkehrte und früh starb. Das Gedicht, das er, ohne sie je gesehen zu haben, aus Italien schrieb, das sie zeitlebens aufbewahrte: Du spielst im Garten, / und die Bäume tragen nur dir / zur Freude Früchte, süß und schwer. / Noch weißt du nichts von Sorgen, Mühen und Plagen. Der vergebliche Wunsch, Modezeichnerin zu werden. Und dann, als alles sich schon in ihrem Leben gefügt hatte, dieses spezielle Sehnen in einem abgeschlossenen System, ein Sehnen, das nicht zur Ruhe kommt, trotz privaten Glücks. Dazu die Grotesken: Alexander hatte in die Sowjetunion fahren dürfen, und zufällig traf Karin seine Direktorin, die sich mit verklärtem Gesicht vor ihr aufstellte und seufzte: „Ach, der Alex befindet sich gerade an der Wiege des Sozialismus.“ Die existenziellen Einschränkungen: SU-Reise ja, Abitur nein. Die Restriktionen am Philosophischen Institut, die Arbeitsverbote, die Suizide von Kollegen. Irgendwann reichte es, irgendwann war der Entschluss gefasst: Wir gehen.

Aber Alexander musste eben bleiben. Also entstand der Fluchtplan über die grüne Grenze. Im September fuhren alle drei nach Prag, von Bayern aus und von Berlin. Inzwischen war die Lage auf der ungarischen Seite lebensgefährlich geworden, inzwischen hatten es einige wenige in die Prager Botschaft geschafft. Sollte es Alexander auf diesem Weg wagen? Sie liefen zusammen los, Mutter und Sohn. Das Gelände hinter der Botschaft war unübersichtlich, Bäume, Büsche, ein Hang, Polizei. Karin und Alexander legten ihre Arme umeinander und spazierten, einem Liebespaar gleich, über das sonnengefleckte Areal. Und plötzlich nahmen sie sich bei den Händen und rannten den Abhang hinab bis vor eine Reihe von Zäunen. Aber welcher gehörte zur deutschen Botschaft? Mit der bulgarischen wäre nichts gewonnen. Dann der erlösende Ruf: „Hier, du musst hierhin!“ Alexander kletterte auf die andere Seite. Der Rufer kam näher: „Los, du auch!“ Karin stand wie gelähmt. Dann keuchte sie leise: „Ich hab’ schon einen Pass.“

Zwei Wochen darauf stand Genscher auf dem Botschaftsbalkon, drei Wochen darauf umarmten sie sich am Münchner Hauptbahnhof, Alexander und seine Eltern, knieten in der Umarmung auf dem Bahnsteig, hielten sich fest.

Das Glück nahm wieder seinen Lauf. München, die Stelle an der TU, der neue Garten, die Reisen, der Umzug vor zwei Jahren zurück nach Berlin. Es hätte immer weitergehen können. Doch kein Glück währt ewig. Karin und Wolfgang holten Alexander eines Nachmittags vom Flughafen ab. Sie stiegen ins Auto. Sie sprachen nicht. „Sagt, was ist?“, fragte Alexander. Dann sagten sie es: Krebs. Ein Jahr hatte Karin noch, ein geschenktes Jahr, wie sie sagte.

Während ihrer Beerdigung, es war ein warmer Frühlingstag, warf das Licht die Farben der Fenster auf den Boden der Kirche, und Mahalia Jackson, die sie so geliebt hatte, sang In The Upper Room.

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