Nachruf auf Karl Reismüller (Geb. 1954) : Der Förderer vom Brunnenplatz

Mach’ mal, sagte er, wenn wieder einer mit einer revolutionären Idee ankam. Nur eines wollte er nicht für sich und seine Schüler: das Siegel "Brennpunktschule". Ein Nachruf auf den Weddinger Pädagogen Karl Reismüller.

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Der Weddinger Lehrer Karl Reismüller (1954-2015) auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2012.
Der Weddinger Lehrer Karl Reismüller (1954-2015) auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2012.Foto: privat

Jeder kennt die Klischees: Für die einen sind Lehrer inkompetente Faulenzer, trotz großer Eitelkeit schlecht gekleidet und von den ständigen Ferien so ermattet, dass stets der Burn-out droht. Falsch, rufen die anderen, oft seien es Idealisten, hingebungsvolle Pädagogen, die es verstehen, mit starken Nerven ihrem jungen, meist abgelenktem Publikum, Bildung nicht nur zu vermitteln, sondern zum lebensprägenden Genuss werden zu lassen.

Auf Karl Reismüller trafen beide Beschreibungen nicht so recht zu. Alles andere als faul und betulich war er. Unterrichten allerdings, Deutsch und Gemeinschaftskunde waren seine Fächer, lag ihm nicht so sehr.

Anfang der achtziger Jahre kam er aus Fulda in die geteilte Stadt. Das überalterte West-Berlin brauchte dringend Lehrer, im Südwesten gab es zu viele davon.

Der junge Hauptschullehrer gelangte an der Karl-Bröger-Oberschule in Wedding in eine Welt, die sich von der heutigen kaum unterschied. Kinder aus Dutzenden Ländern, die Klassen zu groß, die Gebäude zu klein und marode dazu. Die Schulen, unterfinanziert und von ständig neuen Vorgaben der Schulverwaltung gegängelt, sollten auffangen, was in den Elternhäusern schief lief.

Mit 80 Schülern an die Pankstraße

Karl Reismüller wurde schnell zum stellvertretenden Schulleiter, was zum einen an seinem Organisationstalent lag. Außerdem achtete er durchaus darauf, dass der Erfolg auch auf ihn abstrahlte. Seine Reputation war ihm wichtig und Ehrgeiz nicht fremd.

Als aus seiner und einer weiteren Schule die neue Willy-Brandt-Oberschule entstehen sollte, sah er seine Chance. Die bisherigen Schulleiter waren in Rente und das Kollegium wollte ihn als Nachfolger. Die Schulverwaltung schickte eine andere Direktorin. Mit 80 Schülern, die bei der Fusion keinen Platz in der neuen Schule gefunden hatten und sieben festen Lehrern zog Karl Reismüller in ein paar zweistöckige Funktionsgebäude an der Pankstraße. Aus der Not entstand die neue „Schule am Brunnenplatz“, eine integrierte Haupt- und Realschule. Aus dem Provisorium wurde ein Geheimtipp, denn in dieser Zwergschule herrschte nicht nur ein persönlicheres Klima, Schüler konnten auch besser gefördert werden.

Der Direktor behielt die Fäden in der Hand und traute seinen Leuten dennoch. „Ja, mach’ mal“, sagte er, wenn wieder einer mit einer revolutionären Idee ankam. Am Brunnenplatz gab es „Inklusionsklassen“, gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung, noch bevor es den Begriff überhaupt gab. Das Konzept „produktives Lernen“, bei dem Schüler neben der Schule in Betrieben oder Vereinen Erfahrungen sammeln, hat Karl Reismüller „gefördert bis zur Nötigung“. Nur eines wollte er nicht: das Siegel „Brennpunktschule“, auch wenn das mit viel Fördergeld verbunden war. Es klang zu negativ, seine Schule sollte einfach eine gute Schule sein. Zuweilen verlor er aus den Augen, wer all die schönen Ideen umsetzen sollte. „Das ist ein Selbstläufer“, pflegte er zu sagen. Sein Selbstläufer hieß Frau Hinz-Schiemann, über 20 Jahre seine Sekretärin und begabt, mit charmanter Strenge die Aufgaben im Kollegium zu verteilen.

Er schwärmte vom "besseren Teil" des Weddings

Mit fast 60 Jahren mutete sich der hagere Herr Reismüller noch einmal eine größere Aufgabe zu. Schon lange schwärmte er vom „besseren Teil“ des Weddings, dort wo der Bezirk an Reinickendorf grenzt. Am Schillerpark sollte wieder eine große Schulfusion gelingen, in die auch die Schule am Brunnenplatz mit ihren mittlerweile 500 Schülern und 60 Lehrern eingehen würde. Wer ihn besser kannte, wusste, dass er nicht mehr ganz gesund war. Warum tat er sich das noch an? Die Frage stellte sich für ihn nicht, die Schule war sein Leben. Bis es nicht mehr ging.

Es sollte noch einen richtigen Abschied geben. Die Kollegen der Schule am Brunnenplatz wollten ihn abholen und in einer offenen Limousine zu einem Restaurant ganz in der Nähe der alten Schule fahren lassen. Auf der schmalen Pflasterstraße am Ufer der Panke hätten sie Spalier gestanden und ihm applaudiert, Herrn Reismüller, ihrem Schulleiter, und Karl, ihrem Freund. Zwei Tage vorher starb er.

Dieser Text auf der Nachrufe-Seite des Tagesspiegel.

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