Nachruf auf Karsten Klingbeil (Geb. 1925) : Der Alibikapitalist

Millionär mit Backenbart, Erbauer von Betonklötzen: ein Feindbild linker West-Berliner. Mit 60 konnte Karsten Klingbeil endlich seine Rollen wechseln. Der Geschäftsmann wurde Künstler. Doch weder der Kunstmarkt noch das Finanzamt nahmen seine Anstrengungen ernst.

von
Karsten Klingbeil (1925-2016). Im Jahr 2005 in seiner Werkstatt.
Karsten Klingbeil (1925-2016). Im Jahr 2005 in seiner Werkstatt.Foto: Thilo Rückeis

Im Jahr 1982 besuchte ein junger linker Journalist einen abgeklärten Kapitalisten mittleren Alters. Beide hatten ihre Meinungen voneinander, beide spielten ihre Rollen und bestätigten die Meinungen vorbildlich. Der Taz-Journalist, Michael Sontheimer, schrieb ein Buch über die Potsdamer Straße und interviewte Karsten Klingbeil Abrissverantwortlicher des legendären Sportpalastes und Erbauer des Sozialpalastes an derselben Stelle. Das war ein betongrauer Klotz mit 500 Sozialwohnungen und schwarzen Gittern vor den Balkonen, errichtet 1977 und, laut Sontheimer, „Denkmal unmenschlichen Bauens“.

Der Journalist beschreibt den Kapitalisten: „Sein rundes Gesicht ist bläßlich wie das eines leicht kränkelnden Grandseigneurs und eingerahmt von einem schmalen, weißen Bartstreifen. Er sieht aus wie ein wilhelminischer Fabrikpatriarch aus einem Bilderbuch, und er benimmt sich auch so.“ Der Kapitalist drohte, dass er das Erscheinen des Buches verhindern wolle, falls das Gespräch falsch dargestellt würde. Und beschrieb sodann das Scheitern guter Architektur am schlechten Menschen. Was kann der Architekt dafür, dass die Mieter keine Grünpflanzen an die schwarzen Gitter hängen? Was kann der Bauherr dafür, dass der Dachgarten nicht als Dachgarten genutzt werden kann, nachdem Dachplatten heruntergeworfen wurden? „Ich kam aus dem Krieg zurück in eine Welt, in der alles kaputt war. Ich habe meinen Weg gefunden, weil ich bereit war, etwas Positives zu schaffen. Die Menschen, die ihr Haus so zurichten, wollen nichts Positives schaffen.“

Er gab dem jungen Journalisten noch den Rat auf den Weg, er solle Macchiavelli lesen. Warum wohl? War es die Hoffnung, der linke Spinner würde einmal seine Flausen hinterfragen? Oder sollte der Journalist und mit ihm die Welt erkennen, dass hier nicht allein das Geld regierte, sondern auch Bildung und historisches Verständnis?

Die Hässlichkeit der Welt

Karsten Klingbeil, Sohn aus besseren Verhältnissen, begabter Schüler mit Interesse für die Schönheiten der Tierwelt und der Kunst, war nach kurzer Bildhauerausbildung an die Front geschickt worden. Die Hässlichkeit der Welt erblickte er dort im Übermaß. Die Magie des Geschäftslebens lernte er in der Gefangenschaft kennen: Überleben gegen Porträtbüsten der Lagerkommandierenden.

Abgesehen vom gesunden Selbstbewusstsein war von den besseren Verhältnissen nach dem Krieg nichts übrig. Karsten Klingbeil musste die Fortsetzung seines Bildhauerstudiums selbst finanzieren, gründete mit anderen die Jobvermittlung „Tusma“ – „Telefoniere und Studenten machen alles“, abeitete am Abend als Zeitungsverkäufer auf der Straße und in Kneipen, Kommilitonen wollten das auch, und so begann seine erste Karriere als Chef eines schnell wachsenden Zeitungsvertriebsgeschäfts wie von selbst.

Wer wird schon armer Bildhauer, wenn er die Gelegenheit hat, reich zu werden? Karsten Klingbeil formte nicht mehr Gips und Stein zu ansehnlichen Plastiken, sondern die Zeit des Aufbaus formte Karsten Klingbeil zum Geschäftsmann, Millionär und Feindbild antikapitalistischer Schwärmer.

Er war ja nie ein Draufgänger, kein waghalsiges Genie. Dass er begann, Häuser zu bauen, irgendwann so viele wie kein anderer in der Stadt, das lag doch eher an den Umständen. Als er nämlich mit dem Zeitungsvertrieb gut verdiente, empfahl ihm jemand das Immobiliengeschäft. Wer damals in West-Berlin viel Geld hatte und damit keine Häuser baute, dem konnte es kaum um mehr Geld gehen. Es durften nur keine Häuser für Menschen mit viel Geld sein. Wie gesagt, es waren Aufbauzeiten; die Politik förderte den sozialen Wohnungsbau mit großzügigen Subventionen. Außerdem waren es Mauerzeiten, da galt es, die West-Berliner Wirtschaft zu unterstützen, sonst hätte es sie bald nicht mehr gegeben. Konkret: Wer hier investierte, wurde mit äußerst freundlichen Abschreibungsmöglichkeiten belohnt.

Günstige Villen in der Frontstadt

Darauf beruhte Klingbeils Geschäft. Er ließ subventionierte Sozialbauten errichten, bot reichen Leuten eine lukrative Anlage und wurde selbst steinreich. Seine Wannseevilla hatte er noch zu Zeiten gekauft, als er nur reich gewesen war. Es war das Jahr des Chruschtschov-Ultimatums, da waren Villen in der Frontstadt günstig.

Man kann nicht sagen, dass er ein Menschenfreund gewesen wäre, eher ein Tierfreund, immer hatte er Tiere, Meerschweinchen am Anfang, später Fische, Vögel, Bären. Menschen, das hatte er in Krieg und Gefangenschaft gelernt, begegnet man auf sachlichem Weg, hilfst du mir, dann helf ich dir. Darin war er gut, denn er ließ sich nicht von Gefühlsduseleien ablenken. Er erkannte Interessen, die der Politiker, jene der Investoren, er versah die CDU, FDP und SPD zuverlässig mit den Spenden, die sie erwarteten (in Berlin war das gar nicht mal so teuer), er wusste, welcher Architekt zu engagieren war, damit der Bausenator ein Projekt bewilligte, er kannte Rechtsanwälte mit investitionsfreudigem Mandantenkreis, er konnte Kommanditisten beruhigen und Förderrichtlinien durchdringen.

Wie kam es, dass ausgerechnet er zum Feindbild wurde? Kapitalistenschwein! Baulöwe! Er besaß ja nicht mal eine richtige Baufirma, und keins der Häuser, die er bauen ließ, gehörte ihm (nichts lag ihm ferner, als sich mit Mietern herumzuschlagen, diesen Menschen, die das Eigentum nicht achten). Er beauftragte Baufirmen, Wohnungen für arme Leute zu bauen, stets nach den Vorgaben der Politik, und sammelte dafür das Geld reicher Leute ein. Wenn er ein Ausbeuter war, dann vor allem einer der Subventionsgesetze. Er war, so könnte man das sagen, ein Rad in einem Getriebe.

Aber ein großes. Dazu kam die Sache mit dem Sportpalast an der Potsdamer Straße, den er hatte abreißen lassen, und dem Sozialpalast, den er bauen ließ. Da war er der Buhmann. Dass der Abriss auf Wunsch der SPD geschah, musste ja keiner wissen. Karsten Klingbeil war der Alibikapitalist – und verdiente dabei schließlich auch ganz gut. Selbstverständlich fand auch er den Neubau scheußlich, aber die Baurichtlinien machten andere. Er hätte sich auch einen anderen Architekten ausgesucht, aber dann hätte er das ganze Projekt nicht machen können.

Verantwortung? Karsten Klingbeil empfand Verantwortung für seine Firmen und für seine Kommanditisten. Er spielte seine Rolle.

Zu mehr geschaffen war als nur zum Geldverdienen

Da er sie so prächtig spielte, wunderten sich viele, als er sie mit gerade einmal 60 Jahren abgab und eine völlig neue annahm. Er ließ seinen weißen Haarkranz länger wachsen und band ihn zum Zopf zusammen, trug nicht mehr die grauen Anzüge, dafür aber schweren Schmuck. Und wurde, endlich: Bildhauer.

Warum? Womöglich waren die Anfeindungen nicht so spurlos geblieben, wie er immer tat. Auf jeden Fall mochte er die Baubranche nicht, all diese Männer mit den simplen Interessen und keins davon hatte etwas mit Schönheit oder Perfektion zu tun. Diese profanen Hauskästen, für die ihn keiner lobte. Niemand ahnte, dass dieser Karsten Klingbeil einen höheren Anspruch hatte, dass er zu mehr geschaffen war als nur zum Geldverdienen.

Schönheit, Perfektion, aus seiner Hand! Er ließ Modelle kommen, schöne Menschen, perfekte Körper, und modellierte Plastiken, noch schöner, noch perfekter, ließ sie in Bronze gießen – und musste feststellen, dass man ihm auch das nicht dankte. Dass seine Frau die Modelle nicht in der Villa haben wollte, war zu verschmerzen. Immerhin liebte sie seine Kunst, und er richtete sich ein Atelier anderswo ein. Die allgemeine Kunstauffassung hatte sich jedoch gewandelt. Klingbeils Vorstellung dessen, was gute Bildhauerei sei, verharrte auf dem Stand der vierziger Jahre, hier und da ergänzt mit einer Prise Surrealismus. Weder Kunstmarkt noch Kunstkenner hatten für die bronzene Mixtur aus Breker und Dali Verständnis.

Dann meldete sich auch noch das Finanzamt zu Wort. Den hohen Ausgaben für Mitarbeiter und Bronzeguss standen kaum Einnahmen gegenüber, und so bezeichnete es die künstlerischen Anstrengungen als „Liebhaberei“, deren Kosten nicht steuermindernd anerkannt werden. Das traf den Künstler und ließ den Geschäftsmann, der weiter in ihm steckte, die Konsequenz ziehen: keine großen Plastiken mehr.

Solange er das konnte, fertigte er kleinere, zuletzt Porträtreliefs seiner Enkel und des Hausarztes.

Dem Ort an der Normandieküste, wo seine Ferienvilla steht, hat Karsten Klingbeil zwei Bronze-Plastiken geschenkt. Eine Nixe mit vorbildlichen Proportionen und einen Fischer, der zu ihr hinüberblickt. Dem hat er sein eigenes Antlitz verliehen. Und da hockt er nun als gelassener, Ausschau haltender und schlanker Fischersmann. Eine Rolle, die er nie gespielt hat.

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben