Nachruf auf Klaus Abendroth (Geb. 1943) : "Ist der zu Hause auch so?"

Groß war er und schwer, sanft aber nur selten. Er arbeitete im Tegeler Knast, doch wehe, wenn jemand "Schließer" zu ihm sagte.

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Weißt du eine, mit der ich mal ausgehen kann?“, fragte Klaus einen Bekannten. Der Bekannte fragte seine Freundin. Die Freundin fragte eine Kollegin. Die Kollegin wollte. Sie hatte sich immer einen großen, dunkelhaarigen Mann gewünscht. Groß war er, 1,96. Aber blond. Was soll’s, dachte Roswitha. Man kann nicht alles haben. Sie gingen ins Kino.

Klaus war Schlosser, wie schon sein Adoptivvater. Zwar war er verwöhnt worden von diesen Eltern, die ihn als Säugling zu sich genommen hatten, doch aus ganzem Herzen angenommen gefühlt hatte Klaus sich nie.

Jetzt gab es ja Roswitha, die ihn liebte in seiner ganzen Größe und Schwere. Er aber hatte den kritischen Blick der Eltern übernommen, war selbst zum Nörgler geworden, einer, der ständig „blubberte“, wie Roswitha das nennt.

In ihrer Anfangszeit ärgerten ihn das Gehalt und seine Perspektive als Aufzugsmechaniker. „Geh doch zur JVA“, riet ihm ein Kumpel. Klaus folgte dem Rat, ging zur Justizvollzugsanstalt, ließ morgens die Gefangenen aus ihren Zellen, schloss sie abends wieder ein und stellte in der Zeit dazwischen seine beachtliche Körperlichkeit in den Dienst, Pistole im Halfter.

„Klaus verändert sich“, bemerkte Roswithas Mutter, und Roswitha gab ihr recht. Zwar hatte Klaus jetzt eine feste Anstellung als Justizvollzugsbeamter – wehe dem, der „Schließer“ sagte! Aber zufrieden stimmte die Arbeit ihn nicht. Sein „Blubbern“ war nicht leiser geworden, sondern lauter.

Roswitha erfuhr wenig von seinem Alltag. Einmal kam er mit Schwellungen nach Hause, jemand hatte ihm zwischen die Beine getreten. Klaus schulte um und wurde Pfleger auf der Krankenstation im Tegeler Knast.

Sanfter wurde er trotzdem nicht. Obwohl er aufstieg, einer der Chefs wurde in der Verwaltung der Krankenstation. Manchmal kam Roswitha dazu, wenn Klaus mit seinen Kollegen beim Feierabend-Bier in der „Goldenen Freiheit“ saß, direkt gegenüber vom Gefängnis. „Ist der zu Hause auch so?“, fragten die Kollegen sie. Und dann lobten sie Roswithas Toleranz.

Das Gute war, dass die Kollegen solche Fragen in Klaus’ Anwesenheit stellen durften. Er war geradeheraus und hatte nichts dagegen, wenn andere es auch waren. „Kannst du dich nicht mal ändern?“, fragte Roswitha ihn einmal, „also an dir arbeiten?“ – „Nee“, sagte Klaus, „ich kann nicht aus meiner Haut.“ So war er, so nahm sie ihn.

Es gab ja auch den anderen Klaus. Der im Aneinander-Vorbeigehen in der kleinen Wohnung sagte: „Wir haben uns heute noch gar nicht umarmt“ und ihr einen Kuss in den Nacken drückte. Der Rosamunde Pilcher mochte und die Weihnachtsausgaben der „Micky Maus“ sammelte.

Der auf der obersten Sauna-Bank thronte, zehn Aufgüsse lang, unterbrochen von kurzen Skat-Pausen, und der aus Comedy-Shows rezitierte. Der leidenschaftlich angelte, weil das Blubbern des Wassers sein eigenes zum Schweigen brachte.

Wenn sie mit ihm auf den Rummel ging, wurde Klaus aus den finstersten Ecken gegrüßt. Klaus grüßte zurück und strebte zum Schießstand. Roswitha brauchte nicht zu fragen, wer die Grüßenden waren. Sie wusste dann, mit welchen Gestalten er zu tun hatte in Tegel. Wie anstrengend das sein musste.

Der Sohn brach irgendwann den Kontakt ab. Zu oft hatte Klaus ihn vor den Kopf gestoßen mit seiner Nörgelei, und dann auch noch seine schwangere Frau. Klaus entschuldigte sich nicht. Doch fragte er jedes Mal, wenn seine Frau von einem Treffen mit dem Jungen zurückkam: „Lässt er mich grüßen?“ Sie verneinte, und er blickte stumm vor sich hin.

Als die Parkinson-Erkrankung ihn ins Krankenhausbett zwang, setzte der Sohn sich neben ihn. Klaus ergriff seine Hand, ließ sie nicht wieder los.

Und Roswitha und der Sohn nahmen ihn in den Arm. In diesen Armen starb er, gehalten und geborgen wie ein Kind.

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