Nachruf auf Klaus Elster (Geb. 1940) : „Machen Sie es nicht so traurig“

Er trug schwarze Anzüge, schüttelte Hände, sprach meist frei von einem Pult herab, 33 Jahre lang, mehrmals in der Woche - und immer ging es um Leben und Tod. Wie wird man man Tauerredner? Ein Nachruf

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Klaus Elster (1940 - 2016)
Klaus Elster (1940 - 2016)Foto: privat

Vor der Tür steht ein fremder Mann. „Kommen Sie bitte herein“, sagt die Frau freundlich. Der Fremde tritt in den Flur. „Gehen Sie nur durch ins Wohnzimmer, ich habe uns Kaffee gekocht.“ Sie bringt die Kanne und Milch und Zucker, schenkt dem Mann ein, nimmt ihm gegenüber am Couchtisch Platz. Der Mann rührt in seiner Tasse, hebt unmerklich den Kopf, entdeckt auf der Kommode ein gerahmtes Foto, auf dem ein Junge und ein Mädchen in einer Hollywoodschaukel sitzen. „Sie haben zwei Enkelkinder und einen Garten“, sagt er, und die Frau beginnt zu erzählen: von dem Wochenendhäuschen südlich von Berlin, das sie vor 40 Jahren gekauft haben, von den Enkeln, die früher oft im Sommer gekommen sind, von ihrem Mann, der mit den Kindern zum See gelaufen ist und ihnen das Schwimmen beigebracht hat, ihr Mann, der, als er selbst noch jung war, in der Kreismannschaft kraulte. Und der jetzt tot ist.

Sie erzählt all das dem Fremden, eine Stunde lang und fast ohne zu stocken, nur an zwei Stellen kann sie einen Moment nicht weitersprechen, der erste Tanz in diesem Ausflugslokal und die Schläuche, die ein halbes Leben später aus seinem Körper ragten. Sie weint.

Der Fremde wartet, dann stellt er vorsichtig eine weitere Frage, die Frau beruhigt sich, antwortet, er macht Notizen. Denn in einigen Tagen wird er über den Toten sprechen. Letzte Worte. Worte, die gelten sollen. Er ist Trauerredner.

„Machen Sie es nicht so traurig“, sagt die Frau noch, als er schon wieder im Treppenhaus steht. Den Satz hört er oft.

Wenn alles vorbei war, in der Kapelle und auf dem Friedhof, kommen die Leute, um ihm zu danken, weil er so gut geredet hat mit seiner warmen Stimme, im richtigen Tempo, mit der richtigen Betonung, weil er den Menschen, der nicht mehr ist, in seinen 15 Minuten Redezeit erfasst hat und eine Atmosphäre schaffen konnte, die bei aller Trauer nicht in Bedrückung versank. Manchmal, während der Gespräche, macht er eine humorige Bemerkung, eine Art von Trost. Die Arbeit eines Trauerredners ist auch immer eine seelsorgerische.

Klaus Elster war einer der meistgefragten Redner in Berlin, fuhr von Zehlendorf nach Mitte, nach Gatow, saß in plüschigen Stuben und stuckverzierten Beletagen, hörte gefassten Menschen und um Fassung ringenden zu, verband in seinen Reden Biografisches mit Philosophischem, vermied Sentenzen wie: „Schon Albert Schweitzer hat gesagt“, trug schwarze Anzüge, schüttelte Hände, sprach meist frei von einem Pult herab, 33 Jahre lang, mehrmals in der Woche.

Zu Hause in Göttingen galt er als Streber. Vielleicht lag das an dem neuen Mann seiner Mutter – Klaus’ Vater hatte den Krieg nicht überlebt – der ihn in allem Schulischen unterstützte und ihm auch das Gitarrespielen beibrachte. Klaus mochte Opern und Ringelnatz und dachte, Germanistik sei das Richtige. Aber sein Enthusiasmus, Ich saz ûf eime steine / und dahte bein mit beine ins Neuhochdeutsche zu übersetzen, erlosch bald, er brach das Studium ab. Spielte lieber Theater, schrieb sich an der Pädagogischen Hochschule ein, studierte Sprecherziehung, unterrichtete an der Emdener Volkshochschule, wo er, wie er sagte „Ostfriesland zum Reden brachte“, gab Rhetorikkurse in Unternehmen. Er heiratete, bekam einen Sohn, ließ sich scheiden. Das Leben stockte. Er musste die Richtung ändern.

Die Wende kam in Poona, Indien. Meditation, spirituelle Psychologie, ein neuer Blick auf Leben und Sterben und Tod.

Zurück in Deutschland, in Berlin, sprach ihn eine Bekannte an: „Weißt du eigentlich, wie schön deine Stimme klingt. Ich glaube, du könntest dein Geld als Redner verdienen.“ Klaus war skeptisch. Wird auf Beerdigungen nicht das Blaue vom Himmel gelogen? Wird da nicht aus dem notorischen Schürzenjäger der brave Ehemann, aus einer knauserigen Alten eine Wohltäterin. Er ließ sich überreden, tastete sich an die Sache heran, schrieb fiktive Reden, hielt sie vor erfahrenen Kollegen, probte Körperhaltungen, verstand, zwischen Wunschdenken und Wahrheit während der Gespräche mit den Trauernden zu unterscheiden, lernte, dass man sich nicht die geringste Unachtsamkeit erlauben darf, wurde immer geübter.

Und musste die eine Frage immer wieder beantworten: „Wie hältst du das nur aus? Immer Tod und Trauer?“ Zum einen blieb er ja ein Außenstehender, trauerte nicht mit. Zum anderen meditierte er oder sang, am Morgen, während des Frühstücks, am Abend mit seiner Gitarre vor Freunden. Er feierte Feste in seinem Zehlendorfer Haus, er fuhr ins Grüne, er ging in die Oper. Und er war ein großartiger Witzeerzähler. Die Sargträger, Kapelldiener und Organisten freuten sich schon, wenn sie Klaus von Weitem sahen.

Seinen letzten Witz erzählte er im Mai, vor seiner letzten Rede: Drei Gräber nebeneinander, alle Details gleich, sogar die Blumenblüten gleichmäßig gezupft. Auf dem mittleren Grabstein steht: „Hier ruht Bosco, der berühmte Hütchenspieler.“ Auf dem linken Grabstein: „Oder hier?“ Auf dem rechten: „Oder vielleicht doch hier?“

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