Nachruf auf Klaus Grós (Geb. 1953) : Am Abend ein König

Ein Mann kommt in die Stadt, studiert lange, fährt bisschen Taxi, geht viel in die Kneipe. Sie nennen ihn Taxi-Klaus. Und was macht er aus seinen Talenten? Der Nachruf auf ein Kreuzberger Leben.

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Klaus Grós (1953-2016)
Klaus Grós (1953-2016)Foto: privat

Warum sie ihn nicht in Kreuzberg unter die Erde gebracht haben? Weil er vergessen hat, aus der Kirche auszutreten (musste ja seit Jahren keine Steuern mehr zahlen). Außerdem gab’s keine Verwandten, die sich gekümmert hätten. Nur paar Freunde aus der Kneipe, und die haben, wenn’s ans Beerdigen geht, nichts zu melden. Das Amt hat nach Aktenlage entschieden: Konfession „rk“, Bestattung also auf einem katholischen Friedhof. Der nächste, auf dem eine anonyme Stelle frei war, befand sich halt in Mitte.

So mussten alle seine Freunde ihr Dorf verlassen, raus aus Kreuzberg, rüber nach Mitte, und kaum dass sie da waren, kam auch schon der Friedhofsdiener mit der Urne, alle schweigend hinterher zur Grube, in die der Friedhofsdiener die Urne senkte. Dann stand er da, die Kneipenfreunde auch, und alle schwiegen, er verneigte sich und sagte: „Ruhe sanft.“ Das war’s an Reden.

Ein paar Freunde hoben noch die Faust, als hätten sie einen Genossen zu Grabe getragen, was man so nicht sagen kann, eine warf einen Joint in die Grube, einer ein paar Gitarrensaiten. Dann fuhren sie in ihr Dorf zurück, setzten sich in die Kneipe und stießen an auf Taxi-Klaus. Wieder einer weniger, schöne Scheiße. Und dann liegt er auch noch in Mitte.

Das mit dem Namen, Taxi-Klaus, muss man natürlich erklären. Es liegt am „Bermuda“, der Kreuzberger Kneipe, die es seit zehn Jahren nicht mehr gibt und deren Chefin vor ein paar Wochen hier ihren Nachruf hatte. Im „Bermuda“ waren sie so viele Stammgäste, dass ein Klaus dringend einen Spitznamen brauchte, denn es gab so viele Klause. Einen nannten sie Mozi, einen Traber-Klaus und diesen eben Taxi-Klaus. Nicht, dass das Taxifahren eine wesentliche Rolle in seinem Leben gespielt hätte. Es war nur der einzige reguläre Job, mit dem er längere Zeit sein Geld verdient hat. Normale Sache: aus der Westprovinz zum Studium nach West-Berlin, viele Semester Germanistik und kein Abschluss, nebenher bisschen Geld verdienen, dreimal die Woche also auf dem Bock, nachts von sechs bis zwei, das hat genügt, denn das Leben war nicht teuer.

Das Gute am Taxifahren: Man hat viel Zeit zum Lesen. So verbrachte Taxi-Klaus viel Zeit allein mit seinen Helden Arno Schmidt und Thomas Bernhard, und man könnte die These aufstellen, dass dieses Leben inmitten eines leicht verschrobenen Dreiecks zu verorten ist: Schmidt–Bernhard–Kreuzbergkneipe. Mit den Helden teilte er das Einzelgängerische, Meinungsstarke. Die Kneipe war Bühne und Ehrgeizentzugsanstalt, drum hieß sie auch „Bermuda“.

Darin besteht ja das bequeme Grauen der Bierkumpanei: Du gibst eine Weisheit am Tresen kund und stößt drauf an – und dann? Dann ist auch gut. Jeder Plan gilt mit dem „Prost!“ als ausgeführt. Am Abend ein König, am Morgen ein Kater.

Die Kneipenfreunde sagen, Klaus habe wohl auch geschrieben. Hatte ja genug Zeit zwischen Kater und König. Nur gezeigt hat er niemandem etwas. Immerhin gab es die Blueskapelle, da hat er mitgespielt und auch gesungen, und sie sagen, er sei der mit dem größten Ehrgeiz gewesen. Was nicht heißt, dass da viel Ehrgeiz war. Wer ins „Bermuda“ kam, wenn All Blue spielte, mochte die Musik schlimm finden, merkte aber schnell, dass das egal war, denn es ging ja um die Stimmung, und die war prächtig. Wohlsein!

Ende der 90er konnte Taxi-Klaus wegen der Augen nicht mehr Taxi fahren. Es folgten ein paar Jahre ABM im „Schwulen Museum“, nicht weil er schwul war, sondern weil der Museums-Chef auch ins „Bermuda“ ging. Und dann Hartz IV.

Das „Bermuda“ machte zu, die Besatzung teilte sich auf andere Kneipen auf. Klaus besuchte einen Freitagsstammtisch im „Turandot“, wo ein Freund für ihn das Bier bezahlte. Ansonsten lebte er für sich allein. Ob er mal mit einer Frau zusammen war? Die einen sagen: Nie, die anderen: Irgendwie schon mal, aber nur kurz. Ihm war die Freiheit wichtiger.

Frei war er. War er glücklich? Schulterzucken. Einer sagt: „Wenn man ihn gefragt hätte, hätte er bestimmt Ja gesagt.“ Nur war er keiner, den man so etwas gefragt hätte.

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