Nachruf auf Kurt Franzke (Geb. 1911) : Alter kann man sich erarbeiten

Früh schlafen gehen, 19 Uhr ist gut, spät aufstehen. Und: Überleben durch Hygiene. Ein Nachruf auf einen Mann mit Prinzipien.

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Kurt Franzke (1911-2015). Hier an seinem 100. Geburtstag vor vier Jahren.
Kurt Franzke (1911-2015). Hier an seinem 100. Geburtstag vor vier Jahren.Foto: privat

Sind so viele alte Leute hier in letzter Zeit, findet Kurt Franzke, mit 103 Jahren. Sonst hat das „Café am Roseneck“ eigentlich ein ganz gutes Niveau. Günther Jauch kommt manchmal. Harald Juhnkes Witwe nickt zur Begrüßung.

Drei Mal in der Woche, 13 Uhr 15, fährt ein Taxi Franzke und seine Frau zum Mittagessen an den Hohenzollerndamm. Tisch 11, Mettbrötchen, Eier im Glas, vier Tassen Kaffee mit wenig Milch. Die Wiener Konditorei ist Franzkes Ersatz für Fernreisen.

Die letzte große unternimmt er mit 92, Tunesien, sechs Wochen nach der Hüft-OP. Der Arzt will ihn erst gar nicht operieren. Bis er ihn kennen lernt, Franzke, der kaum Falten hat und noch die echten Zähne. Und Blutwerte wie ein 70-Jähriger. Mit 80 kauft er sich eine Hantelbank, mit 90 einen schwarzen Anzug. Wozu aufgeben? Er wird ohnehin 120.

Alter kann man sich erarbeiten. Früh schlafen gehen, 19 Uhr ist gut, spät aufstehen. Morgenübungen. Äpfel pflücken aus der Luft. Eiskalt duschen, auch im Winter bei offenem Fenster. Ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Regelmäßig in die Sauna fürs Immunsystem. Vögel beobachten, ein paar Sentenzen aus Gesundheitsratgebern auswendig lernen. Lebende Kost, also Obst zuerst. Wer mag nach dem Rinderwahn überhaupt noch Fleisch? Knoblauchstullen, Algentabletten gegen Übersäuerung, kein Alkohol.

Besuch bei Franzkes nippt den Abend lang an einem Glas Wein. Schädliches bietet man doch nicht an! Lichtschutzfaktor 35 und vor jeder Reise alle Ärzte besuchen. Ein Muskelzucken könnte ein Schlaganfall sein.

Franzkes Reiselust beginnt 1936, er ist 25, als das Reichsministerium ihm schriftlich erlaubt, Währung für einen Urlaub nach Italien auszuführen. Franzke bringt 500 Reichsmark hin und ungezählte Bettwanzen mit zurück.

An der Bushaltestelle vor dem „Kranzler“ lernt er Friedel kennen. Bis zur Hochzeit wohnt sie im Schwesternheim, einmal die Woche putzt sie ihrem Junggesellen die Wohnung, füllt ihm die Speisekammer auf.

Seine Frau sollte daheim bleiben

In den kommenden Jahrzehnten bereist Franzke ganz Europa. 1976 schenkt er sich selbst eine Kreuzfahrt. Mittelmeer, 14 Tage. Seine Frau soll daheim bleiben. Sie bekommt eine Tasche aus Krokodilleder. Allein ist man leichter Mann von Welt.

Wär er zu gern gewesen. Aber es war so: Kindheit in Pankow, Breite Straße, die Mutter schneiderte, der Vater erhielt nach dem Ersten Weltkrieg eine Invalidenrente. Die Lehrerin erzählte, dass unter den Hügeln in Niederschönhausen des Kaisers Pferde begraben liegen. Man konnte unbehelligt zu Fuß bis zum Grunewald gehen. Mit 14 besuchte Franzke die Handelsschule, machte eine Lehre im Schuhgeschäft. Der Krieg kam, er wurde Rechnungsführer bei der Wehrmacht in Dänemark, geriet später in russische Kriegsgefangenschaft.

Hygiene als Überlebenshilfe. Toilettentüren fasst Kurt Franzke mit Papiertüchern an. „Wasch dir doch schnell die Hände“, rät er Erwachsenen, nachdem sie einen Hund gestreichelt haben. Die nackten Kastanien von der Straße darf die Tochter nicht aufsammeln, nur die in der grünen Schale. Ansonsten erlaubt er ihr viel. Sie darf mit 17 schon verreisen, ganz allein.

Der Trick mit dem Porzellan

Franzke wird Versicherungsvertreter, Innen- und Außendienst bei der Allianz. Weil er keinen Führerschein hat, durchquert er Berlin mit der BVG und in großen, schnellen Schritten. Er spezialisiert sich auf Ärzte und Apotheker, bei denen er heimlich den Teller umdreht, um zu sehen, wie edel das Porzellan ist. Oft rät er eher ab als zu. Sie finden das seriös.

Franzke vermisst den Prunk der Kaiserzeit. Darum trinkt er Kaffee im „Adlon“. Im „Kempinski“ begegnet er Heidi Kabel, im „Hilton“ – zu modern – hält er es nur an diesem einen Tisch mit Blick auf den Gendarmenmarkt aus. Hübsche Walzer spielt der Pianist zum Brunch. Von schönen Menschen kann Franzke seinen Blick nicht abwenden. Von Dicken auch nicht. „Dünn, dünn, dünn“, singt er, wenn er an jemandem vorbeigeht, der das nicht ist. Und weil das Hörgerät daheimliegt, hört ihn jeder. „Lasern statt Brille“, ruft er Brillenträgern zu.

Bloß nicht unterhaken

Drei Mal im Jahr Sylt, früher mit dem Zug, inzwischen mit dem Flieger, vor Turbulenzen hat er keine Angst. Es geht Franzke nicht um die Nordsee. Er muss dringend ins „Café Orth“, heiße Milch mit Honig trinken, residieren. Bloß nicht unterhaken, die paar Schritte bis zum Eingang schafft er noch allein. Ein Rollstuhl kommt nicht infrage.

Er muss nur dringend ins „Restaurant Toni“. Da erwarten ihn die Gäste. Da stellt er seine Tochter als Amtsrätin vor und seinen Schwiegersohn, den Abteilungsleiter, als Firmendirektor. Da beschallen sie zu seinen Geburtstagen, 101, 102, 103, die Straße mit Musik, da schmücken Blumenkränze die Wand hinter ihm, da kommt er in die Zeitung.

„Ich esse nur noch im Himmel“, sagt Kurt Franzke, als er im Frühjahr mit einer Schienbeinprellung im Seniorenheim liegt und schiebt den Teller weg. Am Donnerstag wäre er 104 geworden.

Dieser Text erschien auf der Nachrufe-Seite des Tagesspiegels. Für Anregungen und Vorschläge erreichen Sie die Nachrufe-Redaktion unter Tel. 030/29021-14712 oder nachrufe@tagesspiegel.de.

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