Nachruf auf Margit Mücke (Geb. 1939) : Die Menschensammlerin

Wenn eine Freundin aus Argentinien die Zeitverschiebung vergisst und mitten in der Nacht anruft, geht sie ans Telefon. Sie ist viel zu neugierig, um es klingeln zu lassen. Der Nachruf auf eine Beziehungspflegerin

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Margit Mücke (1939 - 2015)
Margit Mücke (1939 - 2015)Foto: privat

Das leuchtende Rot fällt auf wie seine Trägerin. Oft ist es eine rote Handtasche, die sich Margit Mücke zu Beginn einer Veranstaltung in einer der ersten Reihen entschlossen auf die Knie wuchtet. Dann kann es losgehen. Ihr Rot, das gilt politisch, kosmetisch und botanisch. Sie war ja in der Gewerkschaft aktiv, die Farbe ziert Lippen, Schal und Kleidung, und sommers leuchten vom Balkon die Geranien rot.

Die Frau, deren größtes Talent in der Freundschaft liegt, ihren vielfältigen Abstufungen von Bekanntschaft, Sympathie, Kontakt, pflegt Beziehungen über Jahrzehnte, jede nach ihrer Fasson. Die erste schließt sie in ihrer Grundschulzeit mit Beate aus der Nachbarschaft. Die wird später mit Nachnamen Klarsfeld heißen, Bundeskanzler Kiesinger wegen seiner Nazi- Vergangenheit ohrfeigen und den Kriegsverbrecher Klaus Barbie in Bolivien auftreiben. Margit geht wie ihre Freundin für ein Jahr als Au-pair ins Ausland. Beate nach Paris, sie nach London. Und wie diese interessiert sie sich für jüdische Themen. Seit den siebziger Jahren arbeitet Margit für das Emigrantenprogramm des Berliner Senats. Jüdische Berliner, die Berlin verlassen mussten, werden von der Stadt eingeladen – und von Margit betreut. Sie zeigt den Emigranten, die sie im Freundeskreis „die Emis“ nennen, Berlin, führt sie zur Liebermann-Villa, zum Haus der Wannsee-Konferenz und zu den Häusern, in denen sie einst lebten. Über 40 Jahre lang trägt sie so zur Heilung einer geschichtlichen Wunde bei.

Sie betreut Besucher – das gilt im Prinzip für ihr ganzes Leben. Aber Besuch bleibt nie für immer, und deshalb ist ihr Leben in stetem Fluss. Das beginnt schon 1964, als sie als Hostess zur Weltausstellung nach New York fährt, um dort bald festzustellen, dass sie schwanger ist. Die Rückkehr der werdenden Mutter ist einer Boulevardzeitung einen Bericht wert.

Sie lernt Spanisch und interessiert sich für Lateinamerika, da sind ihre beiden Söhne, die sie allein großgezogen hat, schon aus dem Haus. Mit ihrem langjährigen Freund organisiert sie Konzerte, es wird passend gekocht. Jahre später steht plötzlich ihr ehemaliger Spanischlehrer vor der Tür. Er ist nun ecuadorianischer Botschafter in Berlin – und jetzt hätte er bitte gerne ihre sensationellen Auberginenscheiben, die sie vor Jahren einmal für ihn gekocht hat.

Kurz mal ins Fitnessstudio

Mühelos zieht Margit ihre Kreise. Sie spricht Leute an, die mit Stadtplan verloren auf der Straße stehen. Als ihre Hausärztin sie zum Abnehmen in ein Sportstudio schickt, stellt sie ihr eine andere Patientin an die Seite. Ins Studio ist Margit nicht lange gegangen, aber die andere Frau bleibt ihr immer eine Freundin.

Sie weiß, wem sie welche Veranstaltung zumuten kann, schickt Mails, die sofort zum Punkt kommen und wenn eine nicht kann, ist sie nicht böse. Margit besucht Beate Klarsfeld in Paris und staunt, wie wichtig die ihre familiären Pflichten nimmt, für die Hunde Fleisch einkauft, die Enkel hütet. Margit selbst ist nicht so eng mit ihren beiden Söhnen. Als Beate Klarsfeld für das Amt des Bundespräsidenten zur Wahl gestellt wird, unterbricht Margit ihre Kur. Beate sitzt in Talkshows, sie hinter der Bühne. Aber auch wenn eine Freundin aus Argentinien mal wieder die Zeitverschiebung vergisst und mitten in der Nacht anruft, geht sie ans Telefon. Sie ist viel zu neugierig, um es klingeln zu lassen.

Als sie in den Ruhestand geht, betreut sie die „Emis“ einfach ehrenamtlich weiter. Um ihren großen Tisch versammelt sie die Freunde, aus dem Fenster blickt sie auf das Haus, in dem sie als Kind gewohnt hat, auch das ist eine Art von Rundung. Die Reisen, die sie unternimmt, sind kurz, „die Welt kommt ja zu mir.“

Wenn Stolpersteine verlegt werden, ist sie dabei. Bei jüdischen Gedenkveranstaltungen, und als das Café Haberland am Bayerischen Platz eröffnet, sitzt Margit Mücke dort und informiert die Gäste. Wenn die Freundin, mit der sie sonntags den Tatort schaut, fragt: Wie war die Woche? – da muss sie erst im Klappkalender nachsehen, so voll war die. Dann arbeiten sie „eine Woche Emis“ auf dem Display ihrer Digitalkamera nach.

Der Krebs tut sein Werk zuletzt sehr schnell. Zwei Wochen vor ihrem Tod gibt sie die roten Geranien in gute Hände.

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