Nachruf auf Marion Herbst (Geb. 1958) : Wenn man nur will

Natürlich hat sie auch gelitten und natürlich hat sie auch verloren. Doch sie sah es nicht so. Der Nachruf auf eine Frau, die weit hinaus wollte und viel weiter hinaus gelangte, als man es ihr zugetraut hatte.

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Marion Herbst (1958-2017)
Marion Herbst (1958-2017)Foto: privat

Als Jugendliche hatte sie einen Traum: Einmal in ihrem Leben wollte Marion Herbst mit einem pinkfarbenen Cabrio an der Küste von Los Angeles entlangfahren. Unter ihr der Highway, neben ihr das Meer, der Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht und von der Kassette sollte „California Dreaming“ laufen. Überhaupt das Meer. Wann immer es ging, fuhr sie an den Strand. Genauer: Sie ließ sich an den Strand fahren. Da stand sie dann mit ihrem Rollstuhl. Sah zum Horizont, und da war keine Grenze, nirgends.

Als sie fünf war, diagnostizierten ihr die Ärzte Muskelschwund. Mit zehn konnte sie nicht mehr laufen. Mit 16 sagte man ihr, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Man sagte ihr auch, dass eine höhere Schule nichts für sie sei, dass sie ein Abitur nie schaffen würde.

Marions Erzählung könnte die einer gefesselten Frau sein, eine Erzählung voller Leid und Niederlagen. So war Marion aber nicht. Natürlich hat sie auch gelitten und natürlich hat sie auch verloren. Doch sie sah es nicht so. Fragte man sie zum Beispiel, ob das Zittern der Hände neu sei, erwiderte sie: „Ja, ich habe wieder ein paar Muskelstränge verloren. Aber das kenn’ ich ja schon. Das Leben geht weiter.“

Marion kam in einem kleinen hessischen Städtchen namens Büdingen zur Welt, der Vater ein Metzger, die Mutter eine Altenpflegerin, fleißige Menschen in einer fleißigen Zeit. Der Vater hielt sich mit seiner Liebe zu seiner Tochter zurück. Dass ihre Muskeln nach und nach versagten, dass sie irgendwann im Rollstuhl saß, konnte er nicht überwinden. Enger war Marion mit ihrer Mutter, die sich kümmerte, sie liebte. Ansonsten tat Marion das, was man eben tut, wenn man ein Teenager ist. Dorffest, Silvesterparty oder Mädchenabend, Marion war mit dabei.

Und wollte weiter hinaus, raus aus der Kleinstadtenge, wollte Inspiration und Freiheit. Sie ging in ein Internat, behindertengerecht, mit Theater und Chor. Hier machte sie ihr Abitur, ein gutes Abitur. Am liebsten wäre sie mit dem Zeugnis zu ihrem Hausarzt gegangen und hätte es ihm gezeigt. „Sehen Sie, es geht, wenn man nur will“, hätte sie ihm gesagt. Doch sie hatte Besseres zu tun. Marion zog nach Berlin, um Jura zu studieren.

Dafür braucht Marion Hilfe. Für jeden Gang zur Toilette, für jede Fahrt an die Universität, in die Bibliothek, beim Kopieren der Seminarmaterialien. So wird sie zum Organisationsgenie. Plant jeden Schritt und gibt ihrem Tag eine exakte Struktur. Wann kommt welcher Assistent? Was genau soll dieser machen? Anziehen, waschen, essen. Ihre Wohnung war geordnet, alles hatte seinen Platz: Schlüssel, Handtücher, die Schrauben in der dritten Schublade links. Die Trinkbecher stehen akkurat an der Tischkante. Marion absolviert ihr erstes Staatsexamen, doch für die Pflichtpraktika danach, das viele Hin und Her, dazu fehlt ihr dann doch die Kraft.

Marion Herbst (1958-2017)
Marion Herbst (1958-2017)Foto: privat

Marion schwenkt um auf Erwachsenenbildung. Beendet ihr Studium, arbeitet als Dozentin für Sozialrecht an einer Pflegefachschule. Die Arbeit und die Anerkennung sind ihr wichtig. Ja, sie sitzt im Rollstuhl und kann sich kaum bewegen. Ist sie deshalb dümmer? Soll sie deswegen in ein Pflegeheim und sich den dortigen Regeln unterwerfen? Marion will das gleiche Leben führen, Studium, Arbeit, Freunde, wie alle anderen auch. Nur muss sie sich dafür doppelt anstrengen, doppelt organisieren.

Etliche Assistenten ersetzen Marions Muskelkraft, einige davon werden ihre engsten Freunde. Das passiert einfach durch Marions Art. Sie ist eine gute Zuhörerin und gibt Ratschläge, wenn man sie danach fragt. Und nie sind ihr die Probleme ihrer Freunde zu gering. Keiner muss verlegen sein, mit ihr über Alltagsschwierigkeiten, über Beziehungsprobleme oder Jobängste zu reden. Marion hilft bei Hausaufgaben, bei Liebeskummer und durchs Abitur.

Nach und nach vergisst man, dass sie im Rollstuhl sitzt. Marion ist einfach Marion. Man trinkt mit ihr Wein und Ramazzotti, geht zu Adele- oder Sting-Konzerten und zu Hertha ins Fußballstadion, in die Oper. Sie riecht auch immer gut, hat eine Parfüm-Kollektion, ist stets ansehnlich gekleidet, die Schuhe passen zum Kleid, zur Bluse, zur Brille. Ihre beiden Katzen kann sie zwar nicht streicheln, aber jeden Abend lässt sie sich die Futternäpfe geben, die Katzen springen zu ihr hoch und essen aus ihrer Hand. Das ist jedes Mal ein sehr stiller, ruhiger Moment.

Selbst nach Los Angeles hat sie es geschafft, mietet sich ein Cabrio, lässt sich die Küste entlangfahren, die Sonne im Gesicht und aus dem Radio kommt Hippiemusik. „Das ist mein Leben“, sagt Marion. „Ich habe ein schönes Leben.“

Im Januar ist sie gestorben.

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