Nachruf auf Markus Mechnich (Geb. 1972) : Wer, wenn nicht ich?

Einmal ist er mit dem Auto aus der Kurve geflogen. Totalschaden. Und ihm ist nichts passiert – man kann das als Prägung deuten. Der Nachruf auf einen von jenen, die die Dinge nach vorn bringen. Nur leider nicht die eigenen.

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Es ging ihm gut. Er hatte die Dinge im Griff. Kümmerte sich um seine Kinder, verstand sich wieder mit Noemi, der Mutter, der elende Streit ums Sorgerecht war durch, er viereinhalb Tage, sie zweieinhalb. Er war fit. Oder sagen wir: Er ging ins Fitnessstudio und wog jetzt 15 Kilo weniger. Im Job lief’s gut, Stress ja, wie immer, aber sie hielten was auf ihn. Er hatte seine Wohnung renoviert, Freunde hatten geholfen. Freunde hatte er, da war er schwer begabt.

Bald war Urlaub, endlich. Davor hatte er die Freunde noch „zum kleinen Umtrunk“ eingeladen, um sich für die Hilfe zu bedanken. Dass an dem Freitag auch sein Geburtstag war, schrieb er nicht. Da war er zu bescheiden.

In der Woche vor dem Freitag war er nicht erreichbar, keine Reaktion am Telefon. Am Mittwoch riefen sie die Feuerwehr, die öffnete die Wohnungstür. Da lag er und war tot.

Die Freunde trafen sich am Freitag in seiner Wohnung, fassungslos. Es war ihm doch gut gegangen, oder? Hat er sich umgebracht? Quatsch, der doch nicht. War immerzu gut drauf. Wer ihn kannte, kannte ihn breit grinsend, der Mund vom einen Ohr zum anderen. Dieser Typ mit seinem Bauarbeiterlachen. So einer bringt sich doch nicht um.

Oder vielleicht doch. Nur nicht bewusst, nicht vom einen Tag auf den anderen. Und auch nicht aus Verzweiflung.

Markus kam aus einem Kaff am Rand des Pfälzer Waldes. Ramsen – wie es klingt, so war es auch. Die Kerls aus den Nachbarkäffern kamen lieber nicht zu den Dorffesten, weil man hier gern aufs Maul bekam. Markus war keiner von den Grobmotorikern und konnte sich trotzdem gut behaupten. Er war der Kumpeltyp, der immer mit den anderen anstieß und ihnen mit dem Mundwerk weit voraus war.

Zu Hause gab es nicht so viel zu lachen. Der Vater fuhr mit dem Kadett früh und weit zur Arbeit, kam spät zurück. Die Mutter hatte eine große Glocke, an die sie stieß, wenn Markus gefälligst runterzukommen hatte. In seinem allerersten Lebensjahr lag die Mutter in der Klinik, der Vater arbeitete, die großen Geschwister kümmerten sich um ihn. So etwas prägt.

Die Limits der anderen gelten nicht für dich

Sein Vater starb mit 60 den Malochertod, Herzinfarkt. Da war Markus noch keine 18, und es nahm ihn heftig mit. Hätte der Vater, wenn er nicht mehr malochen würde, mehr Zeit für ihn gehabt? Jetzt war er weg. Als Markus 18 war und endlich fahren durfte, bekam er den Kadett. Er wollte aber schneller fahren, wohin oder wovor weg auch immer, schneller, als es der Kadett hergab, auf jeden Fall. Dafür fand er einen Superjob: Überführungen für Autovermietungen. Fuhr mit der Bahn sonst wohin und brachte die tollsten Karren zurück. Mit einer flog er aus der Kurve, Totalschaden. Und ihm ist nichts passiert – auch das kann man als Prägung deuten.

Weil ihn aber nicht nur Autos interessierten, musste er so schnell wie möglich raus aus seinem Pfälzer Kaff. Studierte Politik in Marburg, entdeckte den Journalismus, ein Gewerbe, in dem es nicht von Nachteil ist, ein Hansdampf zu sein, zog nach Berlin und arbeitete für n-tv, den Tagesspiegel und landete bei „Bild“, wo er nie hinwollte, wo sie aber eine Festanstellung für ihn hatten.

Zuerst waren es Wirtschaftsthemen, über die er schrieb. Dann sah er, dass da noch was ganz anderes ging: über Autos schreiben! Diese großartigen Kisten, bei denen du nur auf ein Pedal zu treten brauchst, und schon geht’s ab. Du legst die Techno-CD ein, drehst laut, auf Anschlag, trittst das Ding, und wenn du gut bist, zeigst du, dass die Limits der anderen für dich nicht gelten. Dass du schneller bist und besser. Die Autofirmen stellen dir ihre nagelneuen Karren vor die Tür. Mit Tankkarte. Oder sie laden dich ein auf eine Testfahrt in der Sonne. Da fliegst du Businessklasse hin, so oft, dass du irgendwann den Lufthansa-Senator-Status hast, große Nummer, Limousinen-Service, du wirst von den Autofirmenleuten gut behandelt, viel besser als in jeder Redaktion. Du bist der Star am Lenkrad, Straße frei, denn so ein Autotest findet nie im Stau statt, sondern auf unwirklichen, viel zu schönen Pisten ohne Blitzer. Dann schreibst du drüber, bemängelst vielleicht, dass sich die Traktionskontrolle nicht ganz wegschalten lässt und dass der Verbrauch niedriger sein könnte, dass aber das Fahrgefühl ein geiles ist und die Beschleunigung der Hammer.

Für den Tagesspiegel hat Markus auch viel über Fahrräder geschrieben; er hat Magazine über die sogenannten „Mobilitätsthemen“ produziert. Da kannte er sich aus. Mit Stille und Besinnung nicht so sehr. Er war einer jener freien Mitarbeiter, die sich, sagen wir mal so, den Arsch aufreißen. Feierabend gab es nicht, und wenn doch, am liebsten mit Kollegen auf ein Bier, Projekte planen, Branchentalk. Wer mit ihm arbeitete, war begeistert: Einer, der nicht nur einen Job tat, sondern wirklich bei der Sache war. Und immer gut gelaunt dabei. Über solche Leute sagt man: Die bringen Dinge nach vorn. Nur leider selten ihre eigenen.

Anders gesagt: Die Dinge der anderen machen sie zu ihren eigenen. Für die anderen ist das ein Segen.

Nicht für die Familie. Im Dezember 2013 brachte Noemi Zwillinge zur Welt. Zwei Monate zu früh, in der ersten Zeit lagen sie im Krankenhaus. Markus schuftete. Musste noch ein Magazin fertig machen. Nur noch dieses. Und dann noch so ein Projekt, echt jetzt, das geht nicht anders, wer, wenn nicht ich, soll es denn machen? Bis Mai war Noemi so gut wie allein mit den Kindern, insgesamt waren es drei, sie hatte bereits eine Tochter in die Beziehung mitgebracht. Markus ging um acht zur Arbeit und kam nach Mitternacht nach Hause. Floh vor dem einen Stress in den anderen.

Wo bist du denn? – Im Porsche, in Südafrika.

Ab Juni nahm er Elternzeit, drei Monate. Was tat er da? Packte Noemi und die Kinder ins Wohnmobil und kachelte mit ihnen 8000 Kilometer durch Südeuropa. Schrieb darüber, selbstverständlich. War ja ein Mobilitätsthema.

Dann ging der Alltag weiter. Markus schuftete, hatte wie schon immer Existenzangst und schuftete noch mehr. Urlaube verbrachte er in Ramsen, denn nach dem Tod der Mutter hatte er das Haus übernommen, das er wiederherrichtete. Ein Irrsinn: Das Ding war morsch und feucht, und wann sollte er es jemals nutzen? Glaubte er, jetzt, da beide Eltern tot waren, ihnen noch mal näher zu kommen, als sie das je zugelassen hatten?

Über so was sprach er nicht. Er war genervt, wenn Noemi fragte, warum er so umherraste und keine Zeit für sie und die Kinder hatte. War sie denn besser? Hatte ihre eigenen Probleme, und die waren auch nicht ohne. Sie trennten sich vor einem guten Jahr.

Noemi musste in die Klinik, weil sie nicht mehr weiterkonnte. Da war Markus, das Arbeitstier, ein halbes Jahr alleinerziehend. Und die Zwillinge waren echt nicht von der pflegeleichten Sorte. Warum sollten sie auch entspannter drauf sein als die Eltern?

Ein Freund erinnert sich an den Anruf der Kita (die war in Wedding, Markus wohnte in Schöneberg und arbeitete in Kreuzberg): Vater und Mutter seien nicht erreichbar, die Kinder krank und müssten sofort abgeholt werden. Der Freund konnte nicht. Er rief am Abend Markus an, um zu fragen, wie’s gelaufen sei. Markus saß im Auto und klang ganz locker: Du, alles okay, ich hab’ das geregelt. Wer anders hat sie abgeholt. – Wo bist du denn? – Im Porsche, in Südafrika.

Den Freund hat Markus mal auf eine Spritztour mitgenommen, tief in der Nacht im McLaren, 570 PS, um den Berliner Ring, die Autobahn war frei. Sie haben ein Video aufgenommen, 300 auf dem Tacho, und es einem anderen Freund geschickt. Der hat’s nicht so mit Autos und dachte nur: Die spinnen. Wer denkt bei so was schon an Selbstmord? War ja auch keiner. Nur ein Mobilitätsthema.

In seinem letzten Jahr fand Markus noch ein anderes, brandneues Thema: Sport. War ja getrennt und wieder auf dem Markt, da galt es, den Wert zu maximieren und das Gewicht zu minimieren. Drei Mal die Woche Fitnessstudio, schwitzen, Kilometer schrubben und dabei keinen Millimeter vorwärtskommen. Ab acht nach der Arbeit.

Ansonsten: Videoprojekte, Autotest auf Kuba, Fahrzeugpremiere in Frankfurt, „Markus, du verzettelst dich, mach mal bisschen weniger, dafür mit mehr Sorgfalt“, das Haus in Ramsen, Radtour mit den Kindern …

Bei einer Untersuchung vor einem halben Jahr hieß es, er müsse ein Langzeit-EKG machen. Da sei was mit dem Herz. Langzeit? Keine Zeit.

In seiner Brieftasche fand sich ein Zettel mit drei Wörtern: Familie. Gesundheit. Zeitmanagement. Die Baustellen seines Lebens. Um sich daran zu erinnern, brauchte Markus einen Zettel.

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