Nachruf auf Modjtaba Nasseri (Geb. 1928) : Vom Teppichknüpfer zum Professor

Ein hagerer Junge in zerlumpten Kleidern in der iranischen Provinz hatte Glück, das Glück der Bildung. Sie brachte ihn in eine andere Welt. Er wurde Arzt. Und nähte in Berlin einem Kind den abgetrennten Arm wieder an, die erste derartige Operation in Deutschland

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Modjtaba Nasseri (1928-2016)
Modjtaba Nasseri (1928-2016)Foto: privat

Der 23. Juni 1969 ist ein warmer Tag, das Thermometer zeigt zur Mittagszeit 30 Grad Celsius an, die Sommerferien beginnen in Kürze und die B.Z., wie viele andere lokale und überregionale Zeitungen auch, meldet auf der Titelseite einen grauenhaften Unfall: „8-Jähriger verlor bei Sturz aus der S-Bahn seinen rechten Arm.“ Darunter, in noch größeren Buchstaben, die Sensation: „Ärzte nähten den Arm wieder an.“

Auf Seite vier werden detailliert die Umstände beschrieben: Ralph Knäbel fährt mit seinem zehnjährigen Bruder Pierre mit der S-Bahn in Richtung Grunewald. Sie stehen an der Tür. Ralph spielt am Griff, die Tür öffnet sich einen Spalt, er fällt aus dem fahrenden Zug. Trotz schwerster Verletzungen schleppt er sich bis zur Straße.

„12.15 Uhr. Am Avus-Rand in Nikolassee steht ein kleiner Junge. Er ist blutüberströmt. Der 24-jährige Student Arnim Jüch tritt scharf auf die Bremse. Er entdeckt: Der rechte Arm des Kindes fehlt! In rasender Fahrt bringt er den Jungen ins Westend-Krankenhaus.“ Dort ruft ein Chirurg: „Den Arm, schnell, besorgt den Arm.“ Die Hitze ist die größte Gefahr. „13.38 Uhr. Der abgerissene Arm wird von Polizeimeister Dieter Tirpitz direkt neben den S-Bahn-Gleisen in der Nähe vom Bahnhof Nikolassee gefunden.“

„13.53 Uhr. Der abgerissene Arm trifft im Krankenhaus ein. Der 41-jährige Dr. Modjtaba Nasseri näht ihn in vierstündiger Operation wieder an.“ Die erste Arm-Replantation in Deutschland.

35 Jahre zuvor war Modjtaba Nasseri ein kleiner, hagerer Junge in zerlumpten Kleidern, der in einem von Staub und Müllgeruch erfüllten Stadtteil der iranischen Provinzstadt Zanjan lebte. Sein Vater, depressiv, wie die Leute sagten, versuchte sich im knapp 300 Kilometer entfernten Teheran mit dem Teppichhandel über Wasser zu halten, seine Mutter kümmerte sich um die Kinder und die Großmutter und verdiente keinen Dinar. „Meine einzige Jacke aus schwarzer Schafwolle“, schreibt Modjtaba in seinen Erinnerungen, „bedeckte nicht mal mein Becken. Meine alten Schuhe hatten mehrere Löcher in der Sohle, sodass sie bei nassem Wetter voller Wasser waren. Unser Essen bestand meistens aus gekochtem Zwiebelwasser mit einigen Tropfen Fett. Im Winter war Zanjan bitterkalt. Eine Heizung gab es nicht.“

Teppiche knüpfen, Wolle schleppen, Schnee schippen

Der Vater starb. Und Modjtaba begann zu arbeiten, mit fünf. Er knüpfte vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang in einem dunklen Tierstall Teppiche; er schleppte für zwei Schahi am Tag, etwa einen Cent, Wolle auf dem Rücken zum Fluss, wusch sie und schleppte sie wieder zurück. Er schippte Schnee von Dächern. Für die Schule reichte das Geld trotzdem nicht.

Doch dann tauchte das Glück auf. Es hieß Herr Ghalam. Herr Ghalam war Kalligraf und der festen Überzeugung, dass Kinder lernen müssen. Die Mutter winkte ab, Herr Ghalam jedoch blieb hartnäckig, er würde auch die Bücher und Hefte beisteuern, die Mutter stimmte zu.

„Am Anfang fiel mir die Schule enorm schwer. Ich kapierte nichts und ich konnte nichts behalten oder richtig schreiben. Allein mit Tränen und Gebettel schaffte ich es, in die zweite Klasse versetzt zu werden.“

Zwei Jahrzehnte darauf schrieben Göttinger Professoren auf das Zeugnis seines medizinischen Staatsexamens zwei Mal die Note „Gut“ und 15 Mal „Sehr gut“.

In der Zeit dazwischen lag eine Odyssee. Ein Bildungsroman, der in einer frühen Episode, einer kindlichen Kaltblütigkeit, möglicherweise schon die Chirurgenzukunft erkennen lässt: „Meine Mutter erzählte mir später, dass ich ein oder zwei Mal Vögel mit der Schere aufgeschnitten habe, um die inneren Organe der Tiere betrachten zu können.“ Ansonsten sprach rein gar nichts für eine Akademikerlaufbahn.

Aber dann kam ein Moment, in dem Modjtaba zu begreifen begann, dass ein Weg hinaus aus der Misere möglich ist: Man forderte ihn auf, in die Schule zu kommen, obwohl doch Freitag war, Feiertag. Er machte sich auf den Weg in seiner fadenscheinigen Jacke, der Wind wehte eiskalt. Man rief ihn in einen Saal. Noch nie hatte Modjtaba vor so vielen Menschen gestanden. Der Direktor trat vor das elegant gekleidete Publikum und verkündete: „Modjtaba Nasseri erhält den Preis als Bester der fünften Klasse.“ Die Damen und Herren applaudierten. Es hatte sich also gelohnt, das Weinen und Betteln aufzugeben, sich stattdessen über die Bücher zu hocken und zu lernen. „Vieles erreicht man durch Fleiß, weniger durch Intelligenz oder Klugheit.“

Im September 1941 erreichte der Zweite Weltkrieg Zanjan. Aus dem Norden kamen die Russen, aus dem Süden die Briten. Bomben, Verstecke, Flucht. Modjtaba gelangte bis Teheran, fand dort Arbeit in einer Tabakfirma und begegnete einem jungen Mann: „Seine Bekanntschaft hat mir das Tor zu Intellektuellenkreisen geöffnet.“ Er verstand, dass sein „Bildungshorizont sehr gering war“ und meldete sich bei einer Abendschule an. „Durch enorme Anstrengungen konnte ich nach neun Monaten meine Prüfungen ablegen. Ich lernte weiter. Nach weiteren neun Monaten hatte ich die zehnte und elfte Klasse geschafft. Mein geistiges Niveau hatte sich völlig verändert.“

Und jetzt noch das Abitur. „Ich habe wie ein Irrer gearbeitet.“ Dann die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für organische Chemie. 1800 hatten sich angemeldet, 80 wurden genommen, die Namen derer, die es geschafft hatten, wurden „nach der Güte der Ergebnisse aufgerufen. Bereits der zweite Name war meiner!“

Beträchtliche Bestechungssummen

Sein Traum jedoch war ein anderer: Medizin in Deutschland. Aber dazu brauchte er Geld. Er sparte strikt und erhielt dann tatsächlich die Zulassung für die Universität in Göttingen.

Die Ausstellung eines Reisepasses allerdings entpuppte sich als Bürokratenposse: klandestin überreichte Umschläge, beträchtliche Bestechungssummen, die im Nichts verschwanden, verlogene Offiziere und einer, der ihm am Ende doch half, aber nur, weil er aus derselben Gegend stammte wie Modjtaba.

Es konnte also losgehen. Eine winzige Propellermaschine flog von Teheran nach Bagdad, weiter ging es nach Beirut, Kairo, Athen, Neapel, wo er den Zug nach Basel nahm und am 3. Januar 1952 in Göttingen ausstieg. „Ich konnte kein Deutsch und kannte niemanden. Meine Ersparnisse wurden immer geringer.“

Er lernte ununterbrochen, bis in die Nacht hinein, Anatomie, Botanik, Physik, Latein, Deutsch, arbeitete während der Ferien in einer Essener Kohlengrube, bestand seine Prüfungen vor den anderen, verreiste in die Sommerfrische, „ich hatte noch nie in meinem Leben einen Urlaub gehabt“, er verliebte sich, er promovierte, heiratete, bekam zwei Söhne, habilitierte und wurde am 1. August 1969 zum wissenschaftlichen Rat und Professor an der Freien Universität in Berlin ernannt.

Die Arbeit lief blendend, die Ehe scheiterte. Traurig, aufreibend, aber es gab noch so vieles, was er zu tun hatte: über Herztransplantationen forschen, Bücher lesen, Berge besteigen, Tennis spielen, malen, Vorträge in aller Welt halten. Und Französisch lernen. Sein Neffe vermittelte ihm eine junge Frau aus Nevers. „C’était un coup de foudre“, sagt Francine, ein Liebesgewitter. Sie heirateten, sie wollten ein Kind, aber es klappte nicht, sie adoptierten Lara aus dem Iran.

Persisch, Französisch, Deutsch klangen in den hohen Räumen der Dahlemer Villa. Sonntags stand Modjtaba in der Küche und vermengte Nüsse und Lammstücke und Granatapfelsirup für seine Gäste, sprach Einladungen nicht ausdrücklich aus, kommen durfte, wer wollte, er fuhr im weißen Sommeranzug übers Land, beugte sich über die Rosen im Garten, war ein Meister im Backgammon, stellte eine englisch-persische Enzyklopädie für die Studenten im Iran zusammen, aquarellierte eine junge Schöne nach dem Bad und seine Tochter Lara im Schlaf, er malte die hellen Kindergesichter seiner Söhne, in kräftigen Farben das Meer und in Erdtönen die persische Landschaft.

J’ai quitté mon pays / J’ai quitté ma maison. – Ich verließ mein Land / Ich verließ mein Haus.

Er zog sich zurück, mehr und mehr, zurück in sich selbst, wurde immer fragiler, immer matter. Die Ärzte waren ratlos. Modjtaba saß oben in der Villa in seinem Fauteuil, bewegte sich nicht mehr, sprach nicht mehr, aber hörte, sah, fühlte, alles. Am 24. Oktober schlief er ein. Tatjana Wulfert

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