Nachruf auf Rainer Betz (Geb. 1941) : Nur mit Links

Viele Ausstellungen bestückte er, aber einen festen Galeristen fand er nie, auch wenn seine Frau bei allen nachfragte. Es hat ihn nicht geärgert. Auch nicht, als das Finanzamt seine Malerei als "Liebhaberei" einstufte.

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Rainer Betz (1941 - 2014)
Rainer Betz (1941 - 2014)Foto: Privat

Er hat alles mit links gemacht. Die Rechte hing herab, die Finger meist ein wenig nach hinten gespreizt. Die Linke führte den Pinsel, ach was Pinsel, ein Zepter hielt die Linke, denn Rainer Betz war ein König in seinem Reich der Farben und Formen, Herrscher über die seltsamsten Untertanen, die je ein Berliner Maleratelier bevölkerten. Da war das polyglotte Schnabeltier, stets auf Reisen, Fritz Vogelschreck und die Raben, die weltverschlingende Riesenschlange, da tanzten gespenstische Harlekine mit großen Augen, Augen fast so groß wie die seinen, mit denen er auf Landschaften blickte, die andere so nie sahen. Für viele von uns ist die Welt da draußen nur ein geschlossener Horizont, in seinen Bildern führte immer ein Weg hinaus, hinauf, hinab, wohin auch immer, aber er blieb nie zu Hause in Gedanken.

Schon als kleiner Junge machte er alles mit links. Schuld war die Kinderlähmung. Angesteckt hatte er sich im Säuglingsheim, wo er vor der Ansteckung durch die Schwester geschützt werden sollte.

Wenn er an der Tafel schrieb, stellte er sich ungeschickt an, verwischte die Buchstaben mit dem Ärmel, aber als er dann auf seinem Platz saß, da verwischten sich die Wörter zu Landschaften, und er begann zu träumen. Selbst noch ein Zwerg, zeichnete er die Gartenzwerge des Nachbarn, und verscherbelte sie an die französischen Besatzungssoldaten. Das war seine geschäftstüchtigste Zeit.

Er machte eine Ausbildung zum Musterzeichner, daheim in Mössingen, aber da hielt es ihn nicht. Mit 22 kam er nach Berlin, besuchte die Meisterschule für Grafik, lernte Stoffe und Bühnenbilder entwerfen, Werbegrafiken herstellen. Er arbeitete als Kunsterzieher und Plakatmaler, verdiente Geld mit Blutspenden, Brot ausliefern, Schachpartien in den Pfälzer Weinstuben, Wandmalereien in Boutiquen, Badezimmerbemalungen, kurzum, er gab sich ein wenig als Bohemien.

Nachts trieb er sich in den Künstlerkneipen herum, verbrachte auch mal einen Tag im Knast als Ausweis seiner antibürgerlichen Gesinnung, und wurde dann doch ganz zahm, als er seine große Liebe traf. Er kam zu ihr nach Hause, hörte die Schallplatten, die sie hörte, und blieb einfach bei ihr, und sie bei ihm, bis zum Ende. Ein gut aussehender Mann, Typ Georges Brassens, nur fröhlicher. Die Tochter wurde geboren, er spielte die Ukulele für sie, und ansonsten malte er weiter, in sich ruhend, in sich forschend, nach dem einen Bild. Heimisch wurde die kleine Familie 1966 in Gropiusstadt, Niemandsland damals, kein schlechter Ort für einen Maler.

Viele, viele Ausstellungen bestückte er, aber einen festen Galeristen hat er nie gefunden, auch wenn seine Frau bei allen nachfragte. Es hat ihn nicht geärgert. Auch nicht als ihm das Finanzamt die gelderwerbliche Ernsthaftigkeit ab- und die Liebhaberei zuerkannte, damit konnte er gut leben.

Rainer Betz: "Operation Lindwurm"
Rainer Betz: "Operation Lindwurm"Foto: privat

Die Taxierung der Allerweltsmenschen ist keine verlässliche. Die Etikettierungen des Kunstbetriebs schon gar nicht, das Drumherum – alles egal, es gibt diesen einen magischen Moment, wenn sich ein Bild in die Seele senkt, oder die Seele sich im Bild verliert, wie in seinem großen Kreuzbild, oder dem Bild vom Leben und Tod.

Der Maler sieht, was wir nicht sehen, da können wir die Augen noch so zusammenkneifen, wir werden doch nie so ganz genau erfahren, wohin dieser Weg jetzt führt, der sich da durch die Landschaft dieses einen unvergesslichen Sommertages schlängelt. Der Weg führt geradewegs – nein, nicht zum Ziel, in ein Märchen führt er. Na ja, wird der Realist einwenden, die Gegend kenn’ ich, das ist nahe Siena, alles sehr schön, aber doch nicht magisch. Dann muss man ihn einfach zum nächsten Bild führen, denn unter den vielen Bildern von Rainer Betz findet jeder eins, das ihm den Atem raubt, wo man zu gerne wüsste, welche Muse ihn geküsst hat, ob es die eigene Frau war, oder eine Kellnerin nach durchzechter Nacht.

Ein verwegenes Bild im Leben ist mehr als genug, mehr als den meisten gegeben ist. Denn jeder Weg, so verwunschen verwunden er auch sein mag, führt letztlich auf den Friedhof. Aber an seinem grüßen mannshoch die Rudower Sonnenblumen.

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