Nachruf auf Richard Herrmann (Geb. 1945) : Ein Deutscher, zwei Karrieren

Vom Strafgefangenen zum Oberstleutnant mit Dienst-Lada – vom Schwarztaxifahrer zum großen Bus-Unternehmer. Wie hat ein Mann getickt, der es im Sozialismus wie im Kapitalismus sehr weit brachte?

von
Richard Herrmann 1985 und 2007
Richard Herrmann 1985 und 2007Fotos: privat

Wenn man "deutsch" steigern könnte, müsste man dieses Leben als eines der deutschesten bezeichnen. Sagen wir, es war ein mustergültig deutsches.

Es begann zwei Monate vor dem Ende des Weltkrieges in einem Dorf bei Marienbad, Sudetenland, der Vater, Schuster und Soldat, befand sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Es endete in Berlin, und dass zur Beerdigung fast 500 Menschen kamen, lag daran, dass es ein unfassbar aktives Leben war, welches ebenso im Zeichen des sozialistischen Staates stand als auch im Zeichen des kapitalistischen. Ein Musterknabe beider Systeme, bereit zum Dienen, zum Tüfteln und zum Führen, stets bemüht zu beweisen, dass er den Anforderungen der Systeme gerecht wird. In der DDR brachte Richard Herrmann es bis zum Oberstleutnant und wäre beinahe noch General und stellvertretender Minister geworden – obwohl er mit Anfang 20 ein paar Monate im Bautzener Knast gesessen hatte. In der Bundesrepublik brachte er es zum Busunternehmer mit Millionenumsätzen – obwohl er die freie Marktwirtschaft erst mit Mitte 40 als Schwarztaxifahrer kennengelernt hatte.

Als sein Vater aus der Gefangenschaft kam, war Richard drei. Sie blieben einander fremd. Erwartungen, Verbote und Schläge statt Anerkennung und Liebe. Die Familie war aus dem Sudetenland vertrieben worden und wohnte in einem anhaltinischen Dorf. Dass Richard mit zehn am liebsten Kadett einer Schule der Kasernierten Volkspolizei geworden wäre, lag nicht nur daran, dass er unbedingt Soldat werden wollte – so wie sein Vater Soldat gewesen war. Er wollte auch fort von diesem Vater. Die Kadettenschule wurde aber aufgelöst, Richard blieb zu Hause, und wäre gern nach der achten Klasse Motorradschlosser geworden. Weil der Vater, inzwischen zum gläubigen Kommunisten gereift, aber davon ausging, dass private Motorradwerkstätten in der neuen Gesellschaft keinen Platz hätten, wurde es eine Lehre auf der volkseigenen Maschinen-Traktoren-Station. Einen Tag nach dem Mauerbau erklärten sich dort sämtliche Lehrlinge bereit, drei Jahre Wehrdienst zu leisten statt nur eineinhalb. Ob Richard sich für den Schutz des Sozialismus interessierte? Er wollte Offizier werden, endlich selbst das Sagen haben.

Richard Herrmann als Soldat des Wachregiments im Jahr 1963
Richard Herrmann als Soldat des Wachregiments im Jahr 1963Foto: privat

Dass er nicht zu den Panzern durfte, sondern ins Wachregiment der Staatssicherheit, hatte immerhin den Vorteil, nach Berlin zu kommen. Und den Nachteil, bei den Hauptstadtmädchen abzublitzen, denn die wollten von Stasi-Soldaten mit roten Schulterstücken nichts wissen. Umso mehr bemühte er sich, im Regiment gute Dienste zu leisten und wurde tatsächlich für die Offizierslaufbahn auserkoren. Nach der harten Ausbildung – an der Offiziersschule war er der Einzige ohne Abitur – blieb er ganze sechs Wochen Unterleutnant, bis alles vorbei war. Zwei Vergehen wurden ihm zur Last gelegt. Das eine: Er trennte sich nicht von seiner Verlobten. Das war ihm befohlen worden, weil sie zu ihrem Vater im Westen enge Kontakte pflegte. Das andere: Er war Diensthabender in einer Nacht, in der zwei seiner Soldaten in den Westen flohen.

Der eifrige Richard Herrmann, der stolz das Haus von Walter Ulbricht bewacht hatte, der gern marschierte und Disziplinlosigkeit der Truppe mit stundenlangem Exerzieren bestrafte, wurde degradiert, aus der Partei ausgeschlossen und kam für acht Monate in Haft, erst nach Hohenschönhausen, später nach Bautzen. Die folgenden vier Jahre verbrachte er in seiner anhaltinischen Heimat als Fahrzeugschlosser und Fahrer, gründete eine kleine Familie, verdiente gut und leistete sich ein Auto und einen Fernseher. Und träumte davon, wieder Offizier zu sein.

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