Nachruf auf Roman Beckers (Geb. 1976) : Was ist cool?

Wenn in seiner Kneipe mal Gläser flogen, in den wilden Zeiten, dann waren sie immer knallhart am Gast vorbeigezielt. Der Nachruf auf einen Barmann, der seine Prinzipien und seine Ängste hatte. Und der viel zu jung starb

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Roman Beckers (1976 - 2015)
Roman Beckers (1976 - 2015)Foto: privat

Lemmy Kilmister cool, Tom Waits uncool. Sean Connery cool, Pierce Brosnan uncool. Elvis? Der Coolste überhaupt. Aber – was ist cool? Wer je einen Freund hatte, der hinter der Theke stand, weiß: Barmänner sind cool. Und wer je in einer guten Bar war, hatte auch einen Barmann zum Freund. Es sei denn, er machte selbst einen auf King – was nicht sonderlich cool ist. Warum sich darüber Gedanken machen? Weil jeder von uns cool sein will: unangreifbar. Über den Dingen. Lässig. Mit Durchblick. Cool eben. Muss man können. Die meisten schauspielern nur.

Roman kam aus Gladbach, wo auch der beste Fußballverein der Welt herkommt. Netzer gegen Beckenbauer, keine Frage, wer der Lässigere ist. Vom Bökelberg nach Kreuzberg war es gar nicht so weit, Kiez ist Familie, und Roman war ein Familienmensch, deswegen hat er seinem Vater auch den frühen Abgang verübelt. Er wollte ihn nicht als Kumpel, der gelegentlich mal nach seinem Buddy sieht, er wollte einen richtigen Vater. Straight: Gerade, direkt, verlässlich. Das war Roman, deswegen stauten sich 200 Leute bei seiner Beerdigung.

Er war eine Kiez-Größe, von der guten Art. Die Dealer im Görli haben ihn in Ruhe gelassen, der Motzverkäufer hat ihn gegrüßt. Wenn in der Kneipe mal Gläser flogen, in den wilden Zeiten, dann waren sie immer knallhart am Gast vorbeigezielt. Er hat an sich selbst gearbeitet, viel gelesen. Dieses Absolute, das ihn so auszeichnete, aber auch so fordernd machte, das wollte er ein wenig lässiger handhaben. Klar, er blieb dabei, es gibt Dinge, die gehen, und Dinge, die gehen gar nicht. Aber wenn er sich aufregte, dann ging er eben nicht mehr gleich in die Luft, sondern einfach mal nach nebenan, vulkanisierte ein paar Minuten, und dann war wieder gut.

Wichtigtuer konnte er nach wie vor nicht ab, Poser, Ego-Shooter, da bekam er einen dicken Hals, aber was soll’s, lass jedem das Seine. Manchmal ist es ja so schrecklich wenig. Er wusste, was es hieß, sich klein zu fühlen. Ohne Misstrauen war er nie, wenn ihn jemand unfassbar toll fand. Die Angst der Ängste, die Verlustangst, die wurde er nie wirklich los.

Roman war ein unglaublich guter Freund, für seine Freunde und für seine Gäste. Den feinen Unterschied merkten nur die, auf die es ihm ankam. Ansonsten dachte jeder beim ersten Hallo, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, auch wenn er ihm nur einen Pfefferminzbeutel ins Teeglas senkte.

Sein Scheidungstattoo: „Me, myself and I“

Romans Bar: „Wiener Blut“. Eine der Kneipen, in die du gehst, weil du nach Hause kommen willst. Und weil die Wahrscheinlichkeit verdammt groß ist, dass du die Frau deines Lebens dort triffst. Und wenn nicht die, dann eine Menge Kumpels. Für Roman kam alles zusammen. Seine Bar, seine Musik, seine beiden Ladys. Roman hat eine Menge Frauen gekannt, aber geliebt hat er nur zwei. Evelyn, für die er auf die Knie ging, vor der Bar, drinnen ließen sie dann die Korken knallen, denn es war ihrer beider Laden, und die Freundschaft hielt, auch nach der Trennung. „Me, myself and I“, sein trotziges Scheidungstattoo. Wildlife, bis zum Auftritt Alexandras, die zwei Köpfe kleiner war, aber sein Herzchen ganz schön aushebelte: „Von allen Bars aller Städte in der ganzen Welt kommt sie ausgerechnet in meine!“

Romans Tattoos waren eine Landkarte auf dem Weg zu seinem Ego, das er ansonsten recht gut unter Verschluss hatte wie alle Romantiker. Eine Madonna, deren Herz für die Borussia schlug. Boxhandschuhe, weil er fürs Boxen brannte in letzter Zeit. Die Kobra, Abwehrzauber. „La Santa Muerte“, die mexikanische Totengöttin mit der Hasenpfote, ein unheilvoller Flirt, denn vor dem Sturz, nachts, rückwärts die Treppe hinab, konnte sie ihn nicht bewahren. Zwei Rock’n’Roll-Schwalben, weil irgendwann sieht jeder Seemann wieder Land, dann heißt es zwitschern! Und am schönsten: die Rose auf der rechten Hand, die noch leuchtete, als sein Körper längst leichenfahl war.

Und natürlich der Leuchtturm. Er hätte gern auf einem Leuchtturm gewohnt. Träumer, der er war, unfassbar skeptisch, aber Samoa immer vor Augen, die Sehnsuchtsinsel, wo irgendwann ein wenig von seiner Asche landen wird. Weil Alexandra und Evelyn es ihm versprochen haben, und die halten ihr Wort, weil sein Licht immer in ihnen glimmen wird. Und in seinen Freunden. Was ist cool? Wenn du ein Leuchtturm für andere bist.

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