Nachruf auf Ronald Mooshammer (Geb. 1937) : Romeo in Karl-Marx-Stadt

Die Genossen kannten sich nicht aus, jedenfalls nicht im Jazz. Ronald Mooshammer schon. Er schmuggelte nachts Westplatten in den Osten. Er wollte Frank Zappa sehen und organisierte zehn Jahre lang ein Jazzfest.

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Ronald Mooshammer (1937-2017)
Ronald Mooshammer (1937-2017)Foto: Heidrun Voigt

Die Platten gibt’s nur im Westen. Das ganze aufregende amerikanische Zeug, Coltrane, Art Blakey, Charlie Parker. Deprimierend, wenn man im Osten hockt. Wenn man mit 18 zum ersten Mal bei vollem Bewusstsein eine komplette Jazzaufnahme gehört hat, Gerry Mulligans „Paris Concert“, und seitdem nicht wieder von dieser Musik losgekommen ist.

War es vor dem Mauerbau schon eine teure und heikle Sache, die Platten zu besitzen, erwies sich die Sache nach dem Mauerbau als fast aussichtslos. Bis 1961 streift Ronald noch, wenn er mal in die Hauptstadt fährt, durch die West-Berliner Läden, kauft keine Zigaretten, keine Schokolade, keine Klamotten, sondern ausschließlich Jazz und blättert hundert Ostmark für eine Platte hin – und hundert werden es schnell, bei einem Umtauschkurs von eins zu sechs. Doch die Staatsmacht ist hellhörig. Anscheinend alles Jazzspezialisten. Zersetzung, Zellenbildung, Untergrabung unserer schönen Heimat DDR, die gängigen Vorhaltungen der Genossen. Alle Platten werden nach einer stundenlangen Befragung im „Klub der Intelligenz“ einkassiert.

Im Herbst ’59 dann dieser unfassbare Brief. Ein Brief aus dem Westen. Er heiße Eberhard Kaiser, studiere Theologie, sei Jazzfan und habe eine Idee: Nämlich Plattenfirmen, Rundfunksender, betuchte Sammler anzuschreiben, die jämmerliche Versorgungslage der Jazzjünger im Osten zu erläutern und zu Spenden aufzurufen. Ronald jubelt und ist skeptisch. Die DDR-Bürger besitzen ja beachtliche Kapitalismuskenntnisse. Welches Interesse sollten Plattenfirmen daran haben, ihre Ware in den Osten zu bringen? Für die würde dabei doch keine müde Mark rausspringen. Aber die Firmen schicken, Kaiser bringt die LPs während der Messen nach Leipzig, Ronald verteilt.

Im August ’61 versiegt der Segen. Ronald lebt inzwischen in Berlin, wo ihn Kaiser besucht, ohne Stoff, Tonträgertransfer ist strengstens untersagt. Sie sitzen in seiner Prenzlauer-Berg-Wohnung und planen ein Husarenstück. Vier Koffer mit Platten sollen in den Osten, Übergabe an der Transitstrecke Drewitz-Berliner Ring. Ronald und ein Freund also abends raus an die Autobahn, hinter eine Böschung, um 23 Uhr soll Kaiser mit einem grünen VW anhalten und die Koffer übergeben. Es wird viertel nach elf, halb zwölf, kein VW. Dafür zwei Wartburgs, aus jedem springen drei Polizisten. Fragen bis in die Nacht hinein, zusammengeschusterte Antworten, mahnende Entlassung.

Doch die Platten, die haben sie ja nicht. Und was machen die beiden Verrückten? Sie verabreden sich erneut mit Kaiser, am folgenden Abend. Wieder raus an die Autobahn, rein in die Böschung, der grüne VW stoppt, vier Koffer fliegen ins Unterholz, der VW rast weg, und glücklich halten in den nächsten Tagen eine Menge Leute Jazzscheiben in ihren Händen.

Ronald hört Coltrane und tanzt zu Prokofjew. Er ist Romeo. Romeo in Karl- Marx-Stadt, am Städtischen Theater. Es gibt viele Julias in Karl-Marx-Stadt, nicht nur die auf der Bühne, sie gründen sogar einen Ronald-Mooshammer-Fanclub. Später können sich die Freunde, nicht nur die Frauen, kaum noch vorstellen, dass Ronald Balletttänzer gewesen ist. „Mensch, wie ungelenk der sich manchmal durch die Wohnung bewegt hat.“ Aber er tanzte tatsächlich 17 Jahre auf den Bühnen der DDR, im Ensemble, als Solist, in Halle, Leipzig, beim Fernsehballett, im Berliner Metropol-Theater. In Leipzig, wo er herkommt, geht er auch auf die Ballettschule, zusammen mit Alice und Ellen Kessler. Eigentlich hatte er nur den Auftrag, seine Schwester zum Ballettunterricht zu bringen, Ballett, ein Mädchending, doch irgendwann, als er da herumstand und wartete, wurden die Lehrer auf ihn aufmerksam, Jungs waren rar. Ronald tanzte also vor, nein, er simulierte gleich ein ganzes Fußballspiel und geriet dabei so in Rage, dass er seinen Vortrag mit einem furiosen Torschuss abschloss. „Willst du bei uns mitmachen?“, fragten die Lehrer, und Ronald sagte: „Ja.“

Doch irgendwann genügt ihm die Tanzerei nicht mehr. „Die jahrelange Arbeit als nur Ausführender in einem Beruf, der doch sehr enge Grenzen hat, hat mich dahin gebracht, dass ich mich nicht mehr wohlfühle und zu einem interessanten und wichtigeren Beruf wechseln möchte.“ So schreibt er an die Musikhochschule „Hanns Eisler“. Man lässt ihn in einen interessanten und wichtigeren Beruf wechseln; er studiert Regie mit dem Fokus auf Operette und Musical. Es folgen: Regieassistenz und Spielleitung in Weimar und am „Palast der Republik“ als Einziger ohne Parteibuch; Inszenierungen der „Fledermaus“, von „Eugen Onegin“ und „Kiss me, Kate“, Inszenierung von Shows als freischaffender Regisseur mit Angelika Milster, Joan Baez, Solomon Burke; die Gründung einer Künstleragentur für Unterhaltungsmusik, Schlager, Pop, Rock.

Aber zu Hause, in der meterhohen Altbauwohnung, einer ehemaligen Bäckerei, nur das eine: Jazz. Wenn man das andere, was bei genauer Betrachtung nicht so viel anders ist, hinzunimmt: Frank Zappa. Das Genie, der Verrückte für Verrückte. Und Ronald besitzt eine Karte, für die Philharmonie, für das „Ensemble Modern“, für Zappa im September 1992, die Mauer weg, Platten, Konzerte, alles möglich. Die Alte Oper in Frankfurt schafft Zappa noch, Berlin ein paar Tage später nicht mehr, er ist schon zu krank, und Ronald weint.

Im Grunde ist er ganz und gar nicht der weinerliche Typ. Eher der Motzer, wenn die Dinge nicht so laufen, wie er sich das vorstellt. Fährt er Auto, ist jede Ampel rot, jede, immer. Die anderen rauschen stets durch grüne Wellen, nie muss einer von denen warten. So sieht er das. Während einer Urlaubsreise in die Tschechoslowakei stoppt man ihn an der Grenze. Die Untersuchung des Wagens dauert. Kofferraum, Motorraum, Spiegel unters Auto, das ganze Programm. Ronald blafft die Beamten an, in einer Tour. Er kann froh sein, dass sie ihn nicht festsetzen. Ein Jahr darauf, dieselbe Strecke, derselbe Übergang. Ronald rollt auf den Schlagbaum zu, die Grenzer winken ihn freundlich durch. Und er gerät außer sich: „Das darf doch nicht wahr sein, wird man denn hier überhaupt nicht mehr kontrolliert?“

Auch in der Musik: Das meiste ist Unsinn, sagt er, geistloser, weichgespülter Kram und winkt mit seiner verächtlichen Handbewegung, Knick um mindestens 90 Grad, ab. Er selbst ist Amateur, was von amare, lieben, kommt und mit Dilettantismus nichts zu tun hat. Nie hat er Schlagzeugunterricht genommen, aber er spielt gut, im Leipziger „Collegium Musicale“ spielt er sparsam und rhythmisch sehr versiert.

Die professionellen Musiker, alles DDR-Jazz-Prominenz, gehen ein und aus bei ihm. Uli Gumpert, Luten Petrowsky, Baby Sommer, Uschi Brüning, Rolf Kühn. Und noch einer sitzt bei ihm, ein West-Berliner, Jost Gebers, der Gründer von FMP, von „Free Music Production“, dem Plattenlabel für Free Jazz. Gebers verlegt Musiker aus dem Osten, dem Westen, den Vereinigten Staaten. Eine Epoche lang hören alle nur noch diese neuen, unerhörten Tonreihen. Das breite Publikum findet, das kaputte Zeug sei eine Zumutung. Ronald ist selbstverständlich begeistert. Aber zu Free Jazz kann keiner tanzen. Und Silvester wollen die Leute tanzen. An diesem Abend schmeißt der orthodoxe Jost Gebers Peter Brötzmann oder Cecil Taylor oder was gerade lief vom Plattenteller und legt einen Affront für die anwesenden Puristen auf, die „Get Yer Ya-Ya’s Out“ von den Stones. Die Leute tanzen bis zur Erschöpfung, Ronald schäumt.

Irgendwann geht auch ihm der Free Jazz auf die Nerven. Aber nie, niemals der Jazz. Im Sommer 2007 findet in der Schulzendorfer Patronatskirche das erste Konzert des von ihm gegründeten, organisierten und moderierten Jazzsommers statt. Und sie kommen alle, Jahr für Jahr, die Modern Soul Band, Conny Bauer, Baby Sommer, Aki Takase, Pascal von Wroblewski, Uli Gumpert, Alexander von Schlippenbach. Die Konzerte sind ausverkauft, immer. Das Publikum reist aus dem ganzen Land an.

Beim 10. Jazzsommer im letzten Jahr ist Ronald schwach. Er hat lange im Krankenhaus gelegen, man hat ihn operiert. Doch er ist da im Juli, steht auf der Bühne, sieht gut aus, vielleicht ein wenig schmal, stellt die Künstler vor, plaudert, motzt sogar ein bisschen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie er sich das vorgestellt hat. Aber die Krankheit kommt zurück. Er schafft es nicht.

Der Verein zur Wiederherstellung der Schulzendorfer Patronatskirche kündigte kurz nach Ronalds Tod an, dafür zu sorgen, dass es in diesem Jahr einen 11. Jazzsommer geben wird.

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