Nachruf auf Sima Schochat (Geb. 1961) : "Die Behinderten kommen zuerst!"

Sie konnte nicht lesen und nicht schreiben, sprach aber vier Sprachen und war von einer besonderen Aufmerksamkeit. Als ihre Eltern gestorben waren, hieß es, so eine könne nicht alleine leben. Was für ein Irrtum.

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Sima Schochat (1961-2016)
Sima Schochat (1961-2016)Foto: privat

Sima sah alles sofort. „Du bist traurig heute“, sagte sie dem Eintretenden, der, bevor er hereingekommen war, noch einmal durchgeatmet und ein Lächeln aufgesetzt hatte. Oder die Details, die nur sie bemerkte: „Du hast neue Strümpfe an. Und diese Ohrringe sind sehr schön.“ Manchmal auch war sie der Ansicht, es müsse mal ein deutliches Wort gesprochen werden: „Du solltest nicht rauchen!“ – „Du musst wirklich mal dein T-Shirt waschen!“ – „Du bist zu dick geworden!“

Dabei aß sie selbst so gern, genoss es, sich nach jedem Spaziergang in das Café um die Ecke zu setzen, immer geschminkt, dezent nach Parfum duftend, gut gekleidet, ein Stück Kuchen zu bestellen und mit den Stammgästen zu schwatzen. Es war ihr selbstverständlich, zu Purim, einem Fest im Gedenken an die Rettung der persischen Juden, Hamantaschen für alle zu besorgen. Ihr Name, Sima, kommt aus Persien.

Geboren aber wurde sie in Vilnius, 1961 noch sowjetisch. Ihr Vater betrieb eine orthopädische Schuhwerkstatt und hatte die Shoah überlebt. „Mein Papa war in Dachau“, erzählte Sima, und, wenn sie jemanden in gestreiftem Hemd oder gestreifter Hose sah: „Mein Papa hatte auch so einen Pyjama.“ 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Litauens waren von den Deutschen und ihren Helfern im Land getötet worden. Anfang der Sechziger, nach mehreren stalinistischen Deportationswellen, ließ Chruschtschow massenhaft Synagogen schließen, in Simas Pass, in dem ihrer Eltern, ihrer älteren Schwester wurde vermerkt, dass sie Juden waren. Die Familie entschloss sich zur Alija, zur Auswanderung nach Israel.

Sima war 15, sprach, neben Russisch, Hebräisch und Jiddisch – und schließlich auch noch Deutsch. Denn 1989 zog die Familie nach Berlin. Ihr Vater eröffnete wieder eine Schuhwerkstatt, malochte von früh bis spät, schlief an manchen Abenden auf seinem Arbeitsstuhl ein, er war ja kein junger Mann mehr, aber er wollte es eben schaffen, für seine Familie und hier, in diesem Land.

Als er krank wurde, kümmerte sich Sima um ihn. Dann kam er in ein Heim, und Sima besuchte ihn jeden Tag, sah jeden Tag sein ungekämmtes Haar, sein fleckiges Hemd, die Bartstoppeln. „So geht das nicht“, entschied sie und nahm die Dinge selbst in die Hand, wusch und rasierte ihn, zog ihn an, half beim Essen und fuhr ihn dann auf langen Spaziergängen durch die Straßen und Parks. Bis er starb.

Drei Mal in der Woche lief sie in die Joachimsthaler Straße, in das jüdische Kunstatelier „Omanut“, formte Kerzen, tanzte, malte mit Aquarell- und Acrylfarben, arbeitete mit Ton, Stein und Holz. Hin und wieder unternahm das „Omanut“ Exkursionen in der Stadt. Eines Nachmittags am Einlass des Bundestages musste Simas Gruppe sich etwas gedulden, vor ihnen wurden andere Ausflügler hereingelassen. Sima schaute sich die Leute an und sagte: „Ja, natürlich, die Behinderten kommen zuerst.“ Sie sagte das in ganz und gar sachlichem Ton. Und war ja selbst behindert. Auf einen Beobachter hätte ihr Satz gewirkt wie ein Witz. Aber sie meinte es ernst. Warum soll ein geistig Behinderter nicht einen anderen geistig Behinderten erkennen? Sima wusste, wer sie war.

"A sweet soul"

Es hatte Probleme während ihrer Geburt gegeben, sie lernte manches nie, nicht lesen, nicht schreiben, und konnte doch so viel: vier Sprachen sprechen, nähen und häkeln, die Fenster putzen und die Wäsche waschen, einkaufen, kochen, sich in der Stadt orientieren und mit dem Bus fahren, obwohl die Zahlen und Buchstaben auf den Schildern ihr ein Rätsel blieben, sich anderen Menschen zuwenden. „Sima was a sweet soul“, sagte ihr Schwager in seiner Trauerrede.

Als auch Simas Mutter gestorben war, schalteten sich die Behörden ein, ein Behinderter ohne Aufsicht in einer Wohnung, das gehe nicht. Sima hätte zu ihrer Schwester nach London ziehen können, aber das wollte sie nicht. Sie wollte in Berlin bleiben, hier gab es das „Omanut“, wo sie sich frei und vollständig fühlte. Die Betreuer waren zu Freunden geworden, und sie entschieden sich, zusammen mit der Familie den mühsam bürokratischen Weg einzuschlagen. Mit Erfolg: Sima durfte allein leben.

Sie war glücklich über ihr selbstständiges Leben, ins Café gehen, in den Supermarkt, die Synagoge. Außerdem sollte sie ja bald in den Zug steigen, ein Ausflug des „Omanut“ nach Bad Kissingen. Ihr engster Freund, ein Betreuer aus dem Atelier, würde neben ihr sitzen, seit sechs Monaten hatte sie von nichts anderem mehr gesprochen. Über Pessach und ihren Geburtstag am 1. Mai war sie noch in London gewesen, am 2. zurückgekommen und am 4. mit ihrem Koffer zum Bahnhof gelaufen. Aber warum fühlte sie sich so matt? Im Zug verschlimmerte sich ihr Zustand, in Bad Kissingen musste sie ins Krankenhaus, die Ärzte entdeckten eine Lungenembolie, doch es war zu spät.

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