Nachruf auf Steffen Jacob (Geb. 1947) : Die Prinzenrolle

Er war groß und auch mal stark und ließ sich „Rotlichtprinz“ nennen. Der Nachruf auf einen Berliner Luden, der den Paten spielte: die Sprüche groß, die Ringe gold, die Hemden bunt.

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Steffen Jacob (1947 - 2014) Foto: imago / Sven Lambert
Steffen Jacob (1947 - 2014)Foto: imago / Sven Lambert

Über Steffen Jacob stand schon viel in den Zeitungen, vor allem in denen mit den großen Bildern, doch nicht allzu viel davon war wahr. Denn die Quelle der Geschichten war zumeist er selbst. Das Bild, das er verbreiten ließ, könnte man so beschreiben: Ein Geschäftsmann, der das Leben zu genießen versteht, und der anderen beim Genießen hilft. Ein Mann, der sich in der Welt des Rotlichts auskennt, der die schönsten Frauen an seiner Seite hat und sie großzügig weitergibt. Ein Mann, der in der guten alten Zeit, als ein Wort noch ein Wort und eine Faust noch eine Faust war, gezeigt hat, dass er’s drauf hat, und der sich als letzter ehrlicher Deutscher den Machenschaften der organisierten Kriminalität aus Osteuropa entgegenstellt, bis es nicht mehr geht.

Da gibt es etwa die Geschichte aus dem November 1996, Überschrift: „Ich steige aus“. Die Rede ist vom „Rotlicht-Prinz“, der seinen Abschied nehme vom Geschäft mit den Nutten, um was Neues, Seriöses, Großes aufzubauen. Gemeinsam mit seinem Freund Mahmoud Alzein wolle er an der Lietzenburger Straße, gleich um die Ecke vom Ku’damm, einen Vergnügungskomplex mit Restaurants, Disko und Casino aufbauen, ein Millionending, zu dem nur noch ein paar Millionen fehlten. Warum er aussteigen will, sagt der „Prinz“ nicht, die Reporterin schreibt ganz allgemein vom „Druck“, der in der Rotlichtszene zunehme. Alzein wird als mächtiger Geschäftsmann vorgestellt, der Restaurants und Sicherheitsdienste betreibe und „der Präsident“ genannt werde. Den Titel wird er sich selbst verliehen haben, ebenso wie Steffen Jacob sich irgendwann „Prinz“ hat nennen lassen.

Geld verdienen ohne Frauen? Wie denn?

Die Geschichte war natürlich Quatsch. Wie sollte Steffen Jacob aussteigen? Er wusste ja gar nicht, wie man ohne Frauen Geld verdient. Und Mahmoud Alzein war ein finsterer Bursche, der mit Drogen und Waffen sein Geld verdiente (und nebenher mit seiner Familie ein paar tausend Mark Sozialhilfe bezog). Einige Tage bevor der Artikel erschien, hatte die ARD einen Dokumentarfilm über Steffen Jacob ausgestrahlt, „Der Rotlichtprinz“. Darin kam auch Mahmoud Alzein vor – als Freund und Beschützer des Prinzen. Worauf die Freundschaft beruhte, ahnten die Filmemacher zwar, aber sie konnten es nicht sagen, da Beweise fehlten, und weil sie ihren Protagonisten auch nicht allzu nahetreten wollten. Das BKA ging davon aus, dass in Jacobs Puffs und Bars Alzeins Drogengeld gewaschen wurde. Obwohl im Film davon keine Rede war, war Alzein sauer: Dass er in Verbindung mit Jacobs Prostitutionsgeschäften gebracht wurde, erschien ihm unschicklich. Für einen Moslem gehört sich so was nicht. Mit dem Zeitungsartikel sollte die Sache aus der Welt gebracht werden. Deshalb das Zitat des „Präsidenten“: „Ich habe es Steffen schon immer geraten, mach es wie ich, lass die Finger vom Rotlicht.“

Der Geldwäscheverdacht wurde nie belegt, einigermaßen sicher aber ist, dass Jacob seinem Freund Schutzgeld zahlte, 1000 bis 2000 Mark pro Woche. Tatsächlich war er auf Alzeins teuren Schutz angewiesen, da die Russenmafia in die Geschäfte drängte. Er mochte groß und stark sein – an seine Prinzenrolle glaubten aber bloß die Leute von der Presse.

Eine andere Geschichte war die von Achmed, Jacobs Leibwächter. In dem Film hat er einen kurzen Auftritt, er sagt, dass sein Chef und er die friedlichsten Leute überhaupt seien, wenn aber jemand Ärger suche, könne er ihn haben. Es gibt dann Ärger, im Film heißt es, acht Libanesen hätten Jacobs „Evi-Club“ gestürmt, um Schutzgeld zu erpressen. Achmed schoss einem Albaner in den Rücken und wanderte in den Knast. Im Film sehen wir, wie Steffen Jacob, fette Goldkette mit Kreuz überm schwarzen Pullover, mit dem angeschossenen Albaner, der gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verhandelt. Er möge bei der Polizei aussagen, dass Achmed von vorn geschossen habe, dann ginge das als Notwehr durch. Wie die Sache ausgeht, erzählt der Film nicht mehr.

Jacobs Erzählungen halfen vor Gericht nicht weiter. Achmed blieb vier Jahre im Gefängnis und wurde dann abgeschoben. Tatsächlich war es nicht um Schutzgeld gegangen, und Achmed hatte auch nicht Steffen Jacobs Leben gerettet, wie es später in der Zeitung stand. Es hatte Streit um eine Prostituierte gegeben, der Albaner war allein, Steffen Jacob hockte zu Hause, und Achmed schoss von hinten. Steffen Jacobs Freundin musste hinterher das Blut aufwischen.

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