Nachruf auf Stephan Noé (Geb. 1957) : Ein Untergrundaktivist

Er setzte sich in einen Rollstuhl, um Olympiabefürworter anzupöbeln. Er zog die Fäden bei der Mauerflucht am Lenné-Dreieck´. Er hasste Hunde, liebte Katzen und Maulwürfe. Rückschau auf ein linksberliner Leben.

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Stephan Noé (1957-2016) Foto: privat
Stephan Noé (1957-2016)Foto: privat

Sein Maskottchen, der Maulwurf Rolf Holunder, wohnte in der Kantstraße, eine Etage unter ihm. Laut Klingelschild. Stephan hatte sich zwei kleine Wohnungen als Maisonette zusammengelegt, ließ seine Umwelt darüber aber gerne im Unklaren. Die Beweggründe, einem beetezerwühlenden Untergrundaktivisten seine volle Sympathie zu schenken, ließen sich dagegen einfach herleiten, wenn man Stephan etwas näher kennenlernte.

Rolf jedenfalls wurde sein dauerhafter Mitbewohner, der einzige, der es auf längere Sicht bei ihm aushielt. Stephan war ja kein einfacher Mensch. Er liebte, kochte, dachte und handelte oft weit jenseits allgemein akzeptierter Konventionen, was sehr schön und inspirierend sein konnte, seinen Nächsten und Liebsten aber auch mal nachhaltig auf die Nerven ging. Kritik oder Bitten, die Dinge doch etwas langsamer anzugehen oder auch mal schlicht zu ignorieren, vertrug er nur schlecht.

Wer nicht zu seinem großen Bekanntenkreis zählte, war deswegen noch lange nicht vor verbalen Überraschungsattacken geschützt. Etwa in dieser Art:

„Wie fährt sich denn das Auto?“

„Okay.“

„Und Einparken geht auch gut?“

„Ja.“

„Also liegt das nur an Ihrem Unvermögen, dass Sie gleich drei Parkplätze belegen.“

"Stirrrrb!"

Besonders Hundebesitzer mussten mit ihm rechnen. Herumschnüffelnde, womöglich kläffende Tölen gehörten einfach nicht in die Welt, wie er sie sich vorstellte. Einem Pekinesen mit Frauchen an der Leine zischte er in dämonischer Tonlage zu: „Stirrrrrb!“ Eins seiner Lieblingsrezepte betitelte er: „Mausetote Töhle à la Stephan voll phätt“. Dafür liebte er Katzen.

Passend dazu seine Lieblingsserien „Six Feet Under“ über die amerikanische Bestatterdynastie und „Alf“ über den außerirdischen Katzenfan. Die „Lindenstraße“ fand er auch toll, vielleicht weil sie politisch links gelagert war wie er. Er fuhr sogar zum WDR nach Köln, um sich die Kulissen anzuschauen.

Ein Foto zeigt ihn in Bonn in der Nähe vom Bundestag, er sitzt auf dem Gehweg, den Hut bettelnd vorgestreckt – es muss sich um eine politische Spontanaktion gehandelt haben, an deren Thema sich niemand mehr erinnert. Ein bisschen wie Reinhard Mey sah er aus, zäh und schmal, kurze Haare, da konnte er in viele Rollen schlüpfen. Und herrlich über Zeitgenossen herziehen, die er für bieder, mäßig intelligent oder politisch irregeleitet hielt. Nächtelang, wenn er in Fahrt war. Dabei rauchte er Gauloises, die filterlosen, später Players. Sein Lieblings-Cover der „Titanic“ war die „Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“ mit der Gurke in der Hand, November 1989.

Es gab so viele Politaktionen von Stephan, da kann man unmöglich den Überblick bewahren. Ein Freund erinnert sich an eine NOlympics-Party in Berlin. Stephan will nicht alleine hin, besorgt sich einen Rollstuhl, macht auf behindert, damit sein Freund als Begleitperson mitkommen kann. Anschließend ziehen sie zu den Olympiabefürwortern ans Brandenburger Tor, Stephan pöbelt aus dem Rollstuhl heraus die Teilnehmer an, erzählt, der Leistungssport habe ihn zum Krüppel gemacht, und erfreut sich an der stummen Empörung. Die Leute aus ihren wohlig eingerichteten Denkkammern werfen, das empfand er als seine Lebensaufgabe.

Ein Kuriosum der Mauerstadt

Für die Berliner Grünen-Fraktion machte er das professionell. Pressearbeit nannte sich das ganz nüchtern. 1992, als die Leninallee in Landsberger Allee zurückbenannt werden sollte, zog er sich eine Arbeiterkluft an und schraubte ein Straßenschild ab, als Protest gegen das Schleifen der DDR-Geschichte. Als ein Bezirksbürgermeister sich mit einer Eidesstattlichen Erklärung gegen die Behauptung einer grünen Parteizeitung wehrte, er sei schwul, zeigte Stephan ihn wegen Falschaussage an. Der Bürgermeister hatte erklärt, er sei weder schwul noch hetero, hatte aber nachweislich einige Kinder gezeugt.

Seine schönste und immer wieder staunendes Raunen hervorrufende Erzählung war die vom Lenné-Dreieck anno 1988, einem Kuriosum der Mauerstadt Berlin. Der kleine Gebietszipfel auf der Westseite der Mauer am Potsdamer Platz gehörte zur DDR und sollte im Rahmen eines Gebietsaustauschs am 1. Juli 1988 in die Hoheit West-Berlins übergehen, um Platz zu schaffen für die geplante Stadtautobahn namens „Westtangente“. Die DDR sollte dafür 76 Millionen Mark bekommen.

Dagegen protestierten Linke und Umweltschützer, sie besetzten das Gelände und gründeten eine exterritoriale Revoluzzerrepublik mit wohlwollender Duldung der Sicherheitsorgane der DDR. Die schauten, mit Gasmasken bewehrt, über die Mauer nach dem Rechten, wenn wieder ein Scharmützel aufflammte und die West-Berliner Polizei zur Klärung der Lage Tränengas einsetzte. Die Polizei massierte ihre Kräfte an der Grenze zum Dreieck, um pünktlich am Morgen des 1. Juli räumen zu können, doch bevor es losgehen sollte, verschwanden die Besetzer mit Leitern über die Mauer in den Osten, wo sie mit Lastwagen empfangen wurden.

Wer die Aktion mit der Stasi ausgehandelt hatte, wurde nie geklärt. Noés Freunde glauben, er habe eine maßgebliche Rolle gespielt, würde ja zu ihm passen, die verrückte Aktion. Er trat schließlich auch als Sprecher der Besetzer auf. Doch Noé blieb im Westen, als die anderen in die Arme Honeckers türmten, sich bei der Stasi ein kräftigendes Frühstück servieren ließen und dann gut gelaunt in den Westen zurückfuhren. „Ich fand es einfach absurd, mich in den Schutz eines Staates zu begeben, für den die Verletzung der Menschenrechte zum Alltag gehörte“, erklärte Noé 20 Jahre später im „Spiegel“.

"Beutekinder"

Von privaten Dingen erzählte Stephan nicht viel. Wenn er eine neue Freundin hatte, tauchte er erst mal ab, lebte die Beziehung so intensiv, wie er Politik machte, bis sie irgendwann zerbrach. Was nicht bedeutete, dass Stephan den Kontakt komplett beendete – im Gegenteil. Besonders gut konnte er mit den Kindern seiner Freundinnen und dann Ex-Freundinnen umgehen, sie liebten seine Ideen, das chaotisch-kreative Selberbauen und -backen, das Spontanschauspielern. Er war auch nachts für sie erreichbar, wenn sie älter wurden, holte sie von Partys ab, half ihnen beim Lernen. „Beutekinder“ nannte er sie, er wollte ihnen ein besserer Vater sein als die echten Väter. Auch das führte natürlich zu Konflikten.

Gab es eine Party mit gästeseitiger Buffetzulieferung, war Stephan für den Nachtisch zuständig. Das war nicht nur sinnvoll wegen der Kreation selbst, sondern auch weil er nie pünktlich erschien, dafür aber bis zuletzt blieb.

Seiner Kindheit und dem, was man familiäre Prägung nennt, war er aus Stuttgart nach Berlin entflohen. In ein besetztes Haus plus Germanistikstudium ohne Abschluss und bürgerliche Perspektive. Zuvor musste er noch auf Drängen seines Vaters den Wehrdienst ableisten. Als Kind hatte er wegen seines Asthmas viele Jahre auf Langeoog verbracht, dort behielt er Freunde, bei denen er Urlaub von der Großstadt machen konnte. Dabei aalte er sich nicht einfach still in der Sonne. Er half seinen Freunden im Restaurant, werkelte an einem Möbelstück herum oder reparierte den Wasserhahn. Stephan bot immer seine Hilfe an, manchmal auch zu viel davon. Viele Freunde bekamen eine neue Küche von ihm gezimmert, weil er Küchen eben gut konnte, viel besser als die Leute vom Küchencenter. Und Hochbetten. Er konnte auch billige Ikea-Tische so herrichten, dass sie aussahen wie Küchentische aus den Fünfzigern. Für die Porzellangriffe kannte er einen Spezialladen. Klinken und Heizkörper besorgte er in Abbruchhäusern.

In einer späteren Phase seiner politischen Tätigkeit – inzwischen hatte er seinen Job bei den Grünen aufgeben müssen – widmete er sich der Kriminalität. In Theorie per Leserbrief im Tagesspiegel und Praxis per Beweiserhebung im eigenen Kiez. Stephan sagte den Drogenhändlern den Kampf an, nicht wie ein Innensenator, einfach sagen und dann andere machen lassen. Er ging direkt zu den Händlern hin, beobachtete und ermittelte und rief die Polizei. Seine Freunde und Nachbarn hatten Angst, dass die russische Mafia auf ihn aufmerksam werden könnte, doch es ging alles gut.

Dass er es nebenbei, ganz privat, mit einer Krebserkrankung zu tun bekam, ging eigentlich niemanden etwas an. Fand er. Seine Asche soll aufs Meer vor Langeoog gestreut werden.

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