Nachruf auf Tanos Haddad (Geb. 1953) : Mann der Masken

Er kam aus dem Libanon nach Berlin und stellte am Mehringdamm Brillen her. Besondere, teure Stücke waren das. Ebenso perfekt sollte sein Restaurant sein. Zu perfekt.

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Tanos Haddad (1953 - 2013)
Tanos Haddad (1953 - 2013)Foto: Martin Graf

Vier Stunden sitzt er schon da und starrt ein Stück blaues Plastik an. Er trinkt einen Schluck Kaffee, raucht langsam eine Zigarette, kneift die Augen zusammen. Das Telefon klingelt, er hört es nicht, auch nicht, wenn jemand den Raum betritt. Er legt eine schwarze Plastikfolie über die blaue, hält sie ins Licht, legt den Kopf schräg, streicht sich über die Glatze. Dann schneidet er mit einer Schere den Kunststoff zurecht. Noch einen Kaffee, noch eine Zigarette, noch ein Schnitt. Stille.

Aus dem Stück Plastik wird irgendwann, manchmal dauert es einen ganzen Monat, eine Brille. Vielleicht formt ihre Fassung einen Walfisch, erst auf den zweiten Blick erkennbar, vielleicht eine Schlange, vielleicht hat der Steg Froschfüße und den Rahmen bilden zwei liegende Frauen.

Tanos Haddad schneidet und starrt so lange, bis die Brille vollkommen ist. „Sie muss auch noch schön aussehen, wenn sie mit geschlossenen Bügeln vor mir auf dem Tisch liegt“, sagt er. Nur dann ist sie eine echte Maske – so nennt Haddad seine eigene Marke.

Tanos Haddad ist Brillenmacher und auf das „Macher“ legt er Wert.

1953 wird er im Libanon als eines von sieben Kindern einer libanesischen Mutter und eines armenischen Vaters geboren. Im kleinen Küstenort Damour wächst er neben Orangenplantagen auf. Bildung ist alles und sehr teuer. Die Familie arbeitet in der Landwirtschaft. Tanos jobbt in Hotels und Restaurants für die Schule, fürs Studium. Er wird KFZ-Mechaniker, studiert Flugzeugtechnik und will ins Ausland. 1970 kommt er nach Berlin, schnell beherrscht er die Grammatik besser als seine deutschen Freunde. Er lernt und lernt, und erst, wenn ein Satz vollkommen ist, rückt er damit raus. So ähnlich wie bei seinen Brillen.

Anfangs setzt Haddad alte Modelle neu zusammen, dann fertigt er sie selbst aus leichtem Acetat, später schmiedet er feines Silber. Nach einer uralten japanischen Technik – Mokume Gane – verschweißt er Silber und Kupfer zu einmaligen Mustern. Bis 1800 Euro kosten diese Kunstwerke, sie lagern in einer Holzvitrine mit goldenen Ornamenten, hinten in seinem Laden am Mehringdamm 66.

Den hat Haddad seit 1988, inzwischen ist der Mechaniker und Flugzeugtechniker auch Optikermeister. Seine schrägen Modelle fügen sich in Kreuzberger Gesichter. Ein Blick nur, ein Griff, und er findet die richtige Brille für jeden.

In diesen Jahren verliebt sich in Mannheim eine junge Frau in Haddads Brillen. Für Claudia Theil muss es „Maske“ sein. Sie arbeitet den ganzen Sommer, um sich das neueste Modell, entstanden nach Haddad’schem Grübeln, für 500 Mark zu leisten. In Paris studiert sie, Haddads Brillen passen gut zu ihren knallroten Strumpfhosen. Immer wieder sprechen sie die Franzosen auf die „Maske“-Werke an. Schließlich fährt sie nach Berlin und tritt Tanos Haddad am Mehringdamm gegenüber. „Ich möchte Ihre Brillen in Paris vertreiben“, sagt die 23-Jährige zu dem eleganten Optiker.

Tanos Haddad bei der Arbeit
Tanos Haddad bei der ArbeitFoto: Privat

Haddad, damals 40, trägt wie immer eine schwarze Hose und ein weißes, selbst geschneidertes Hemd mit Stehkragen. Er besucht die Studentin in Paris, sie tauscht die roten Strumpfhosen gegen beige Seidenmischhosen, um den großen Brillenmacher in vornehmen Hotellobbys zu empfangen. Sie fahren mit ihrem alten R4 die Kunden ab. Bei seinem zweiten Besuch sind sie ein Paar.

„Was will er nur von mir?“, denkt sich Claudia Theil, braune Haare, kindliches Gesicht, oft. Er redet ja nicht viel. „Meine Kleene“, sagt er zu ihr. „Toni“, nennt sie ihn, verkauft seine Brillen in Paris, zieht schließlich nach Berlin, arbeitet in seinem Kreuzberger Laden.

Die beiden brauchen kein teures Auto, sie backen das Brot selbst, mahlen den Kaffee per Hand, streuen Kardamom hinein. Im Maske-Geschäft stehen 25 Jahre alte Gläserschleifmaschinen. So lange sie noch funktionieren, sagt Toni. Er hasst das Internet, da kommen Brillen her, die man nicht anpassen kann, er hasst schlechte Qualität. Spritzguss aus China mag er auch nicht. Geld für Werbung ausgeben? Verschwendung.

Lieber investiert er in einen alten Traum: ein eigenes Restaurant, libanesische Küche, libanesische Gastfreundschaft. Haddad entwirft Stühle mit hohen Lehnen, fräst eine Kuhle in die Holztische für die Schüsseln mit Vorspeisen, stellt weiße Kerzen auf. Nach Zimt und Guave riecht es im „Tanos“ auf der Lichterfelder Drakestraße. Nach Knoblauch, Olivenöl und Arrak, dem libanesischen Nationalgetränk mit Anis. Toni liebt das Gefühl, Chef zu sein, abends in einer Ecke zu sitzen, bedient zu werden. An die Tische zu gehen, sein Lieblingsgericht anzupreisen: Tatar aus Lammfilet, Majoran, Bulgur. Oft kocht Toni selbst.

Tagsüber setzt das Paar nun Brillen auf Gesichter, abends Teller vor die Gäste. Der „Feinschmecker“ zeichnet das Restaurant aus. Ganz schön viel, an zwei Schauplätzen perfekt zu sein. Zu viel. Haddad schließt das Restaurant, macht nur noch Brillen, schnitzt seine Kreationen inzwischen aus Büffelholz und öffnet dann doch wieder, um zu kochen. 2011 geht es nicht mehr, er schließt endgültig.

„Unser Leben ist jeden Tag Urlaub“, sagt er noch im größten Trubel. Sechs Wochen haben die beiden Ferien gemacht in 20 Jahren Glück. Die letzte Brille repariert Tanos Haddad im Krankenbett.

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