Nachruf auf Thomas Deiß (Geb. 1959) : "Aber ich habe doch gewonnen“

Das Obdachlosenheim, in dem er arbeitete, war ein Vorzeigeprojekt. Bis es Streit ums Geld gab. Vor Gericht war er erfolgreich, doch genutzt hat ihm das nicht viel.

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Thomas Deiß (1959-2015)
Thomas Deiß (1959-2015)Foto: privat

Es geht um Obdachlose. Es geht um Menschen, die seit 17 Jahren die Obdachlosen betreuen. Und es geht um etwas, das weder die einen noch die anderen im Übermaß besitzen: Geld und Macht. Wäre Thomas Deiß an Geld und Macht interessiert gewesen, hätte er sich einen anderen Beruf gesucht. Trotzdem geriet er in ein Gestrüpp, in dem es um nichts anderes ging.

Armut und Obdachlosigkeit hatten rasant zugenommen, Ende der neunziger Jahre. Und niemand war zuständig – außer dafür, auch die letzten Nischen verschwinden zu lassen: Parkbänke abzubauen und geheizte Klohäuser zu schließen. Im Unterschied zu den meisten, die für einen Moment bedrückt sind und dann weiterlaufen, blieb Thomas stehen.

Die Idee war im Grunde einfach: Es musste ein Haus her, in das die älteren Obdachlosen nicht nur hin und wieder kämen, für eine Suppe, für eine Nacht, sondern in dem sie wohnen können, während der Jahre, die ihnen noch bleiben. Beheimatung hieß das Konzept, von dem der Pfarrer der Heilig-Kreuz-Passion-Gemeinde sofort begeistert war. Er schlug das ehemalige Gemeindehaus in der Nostitzstraße vor.

Thomas Deiß (rechts) bei der Arbeit
Thomas Deiß (rechts) bei der ArbeitFoto: privat

Thomas wurde stellvertretender Heimleiter. Er hatte schon vor seinem Sozialpädagogikstudium, während des Zivildienstes, mit Menschen gearbeitet, hatte alten Damen das Essen gebracht und dafür selbst gestrickte Socken bekommen. Sein Vater war Bundeswehrangestellter in gehobener Position, für den Sohn war es undenkbar, einer Armee zu dienen. Die Leute in der hessischen Kleinstadt, in der er aufgewachsen war, tuschelten und schüttelten die Köpfe.

Dazu die Reiserei, allein losziehen, von Land zu Land, der Bulli, mit dem er, später zusammen mit seinem Sohn Rico, bis nach Sardinien und Korsika kutschiert war. Wenn er mit der alten Kiste im beschaulichen Wolfhagen aufkreuzte, fiel das auf. So fuhr hier sonst keiner rum. Thomas besuchte seine Eltern oft, die alte Kriegsverweigererdebatte war längst passé, sie saßen zusammen, wann immer es ging. Vielleicht lächelten sie ein wenig über seine Träume: ein Buchantiquariat eröffnen oder ein Jugendhotel. Dann wurde es eine feste Anstellung im Obdachlosenheim.

Darin unterscheidet sich das Heim in der Nostitzstraße: Bier, Wein und Joints sind nicht verboten, nur Schnaps und harte Drogen. Die Männer können duschen, aber sie müssen das nicht. Wenn sie wollen, sollen sie stinken. Sie können ein bisschen arbeiten, gespendete Sachen verkaufen, Dinge reparieren oder eben doch nur rauchen und reden. Hat einer 20 Jahre unter einem Busch geschlafen, kann er nicht plötzlich nach festen Regeln leben. „Wir sind für euch da, bis zum Tod“, sagte Thomas, sprach mit den Männern, hörte zu, unternahm einmal in der Woche Ausflüge, zum Wannsee oder in den Treptower Park, fuhr mit ihnen an die Ostsee, für viele die erste Ferienreise. Bezahlt wurden solche Fahrten von den Einnahmen des Trödelladens.

Es lief gut, auch finanziell, Rücklagen wurden gebildet, das Heim galt als Vorzeigeprojekt. Bis 2009. Der neue Pfarrer behauptete, das Haus habe zwei Jahre lang defizitär gearbeitet, die Stunden und Gehälter müssten um ein Viertel gekürzt werden. Ein Wirtschaftsprüfer stellte fest, dass der Verlust überschaubar geblieben und der weitere Betrieb nicht gefährdet sei. Es ging unter anderem um einen teuren Kredit für eine Gebäudesanierung, der in die Rechnung einbezogen worden war. Die Mitarbeiter versuchten zunächst, die Angelegenheit intern zu klären, ohne Erfolg. Dann ließen sie sich von einem Anwalt vertreten, mit Erfolg. Die Gehaltskürzungen erwiesen sich als rechtswidrig und mussten zurückgenommen werden.

Nun begannen die Gängeleien der Gemeindeleitung gegen den Leiter des Heims und andere Mitarbeiter. Thomas erhielt Abmahnungen, dann die Kündigung und Hausverbot. 17 Jahre hatte er sich in dem Projekt, mit dem sich Kirche und Politiker schmückten, engagiert. Er zog vors Arbeitsgericht, die Kündigung wurde zurückgenommen. Er sollte, so das Gericht, zurück in die Nostitzstraße. Und landete anderswo, in einem dämmerigen Abstellraum, seinem „Büro“. Er wehrte sich wieder.

Die Auseinandersetzung zermürbte ihn, die Anwaltsschulden häuften sich. „Aber ich habe doch gewonnen“, sagte er immer wieder. Er bekam kaum noch einen Bissen runter, der Magen schmerzte. Ärzte untersuchten ihn. Doch der Tumor hatte bereits gestreut, bis in die Lunge, in die Leber. Von der Diagnose bis zum Tod waren es nur drei Wochen.

Das Gericht hatte ihm noch einmal recht gegeben, zu spät.

Rico, 21, sitzt jetzt auf den Schulden seines Vaters. Seine Großeltern haben einen Brief an den Pfarrer geschrieben, um Unterstützung gebeten. Umsonst. Nächstenliebe ist ein schönes Wort.

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