Nachruf auf Tilman Bassenge (geb.1943) : Auktionator in Cordhose und Dreitagebart

Er reiste entschlossen durch die Welt, immer auf der Suche nach neuen Objekten zur Versteigerung. Nun ist der Auktionator Tilman Bassenge im Alter von 72 Jahren gestorben.

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Der Auktionator Tilman Bassenge Foto: dpa/picture alliance
Der Auktionator Tilman BassengeFoto: dpa/picture alliance

Berlin - Die wichtigste Entscheidung im Leben von Tilman Bassenge fiel während seiner Studienzeit. Weil seine Mutter Gerda drängte, warf er das Jura- und Kunstgeschichtsstudium hin und lernte das Geschäft des Antiquars, erst in London, dann in Prag – etwas mit Substanz, was ihn befähigen sollte, später einmal das Auktionshaus der Familie zu übernehmen, das auf Bücher und Druckgrafik spezialisiert war.

So geschah es. 1967 stieg er ein. Zwei Jahre später zog das Haus vom Kurfürstendamm in eine Villa in Grunewald um. Bassenge wurde 1972 Teilhaber und führte die Geschäfte allein von 1982 bis in diese Tage. Am vergangenen Freitag ist Tilman Bassenge nach schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren gestorben.

Die Familie Bassenge, hugenottischer Herkunft, gilt was in Berlin. Vor allem Älteren ist der Name lange bekannt – und auch wieder nicht, denn oft wird er eingedeutscht, was die Bassenges nicht mögen. Die Geschichte der Galerie begann mit Gerda Bassenge. Sie arbeitete bei Gerd Rosen, der nach dem Krieg erste Kunst- und Buchauktionen organisierte, und übernahm dessen Firma 1963.

Ihr Sohn Tilman, geboren in Potsdam, setzte den Kurs der Fokussierung auf wertvolle Bücher und Druckgrafik konsequent fort, öffnete das Haus aber später auch für einzelne Malerei-Versteigerungen, weil er die Brücke zur Bildenden Kunst schlagen wollte; Aufsehen erregte 2012 der Fund eines Frühwerks von Gerhard Richter, einem Gemälde des Hüttenwerks Rheinhausen. Mehr als 500 Auktionen hat Bassenge geleitet

Zur Berliner Gesellschaft im Sinne der Boulevard-Presse gehörte die Familie nie, war eher in diskreten Salons als in Galas zu finden. Tilman Bassenge trug am liebsten Pullover, Cordhose und Dreitagebart und reiste entschlossen durch die Welt, nicht um Urlaub zu machen, sondern auf der Suche nach Objekten zur Versteigerung, die sich entgegen dem üblichen Vorurteil nicht von allein im Auktionshaus einfinden.

Basis seines Geschäfts blieben die Drucke Alter Meister. „Grafik ist die Kompression des künstlerischen Könnens“, schrieb er in der Festschrift zum 50. Firmenjubiläum, „schon weil sie für die Vervielfältigung gedacht ist.“

Seine liebste Zielgruppe waren nicht Geldanleger, sondern Sammler, die dieser Leidenschaft mit der gleichen Präzision nachgingen wie er selbst mit seinem Geschäft. Die Branche erkannte diese Haltung an – er war lange Präsident des Bundesverbands der Kunstversteigerer, zuletzt noch Vize. Die Nachfolge in der Unternehmensleitung ist längst geregelt, auf gute familiäre Art. David Bassenge, Tilmans Sohn, ist als Teilhaber schon eine Weile dabei. Bernd Matthies

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