Nachruf auf Walli Steinig (Geb. 1911) : Tantchen

Wie man 105 wird? Sie hatte keine große Liebe. Sie futterte sich Kummerspeck an, sang und riss deftige Sprüche. Und sie schaffte sich eine neue Familie an. Nachruf auf eine Kinderlose, die besser war als die beste Großmutter.

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Walli Steinig (1911-2017) an ihrem 105. Geburtstag.
Walli Steinig (1911-2017) an ihrem 105. Geburtstag.Foto: privat

Ein kleiner Zettel hängt in einem Seifenladen im Bergmannkiez: „Suchen liebevolle Betreuung für unsere dreijährige Tochter“. Etwas daran rührt Walli Steinig, sagt ihr: Nimm mich mit, melde dich, trau dich.

Vielleicht liegt es daran, dass sie keine Kinder hat, gerne aber welche bekommen hätte. Vielleicht aber auch daran, dass sie als Maßschneiderin wenig verdient und das Extrageld gut gebrauchen kann. Vielleicht fehlt es ihr zu Hause mit ihrem Mann in der Anderthalbzimmerwohnung einfach an Lebendigkeit.

Es ist das Jahr 1961: Kennedy wird Präsident, die DDR baut die Mauer, die Russen befördern Gagarin ins All, und Walli Steinig nimmt Zettel mit und läuft wenige Tage später mit einem kleinen Mädchen über den Kreuzberg.

Jeden Nachmittag holt sie das Mädchen vom Kindergarten ab, geht mit ihr durch den Park, setzt sich mir ihr auf die Couch und liest ihr vor. Spielt, kocht, backt, am liebsten Eierkuchen, die kann sie sowieso am besten. Wenn das Mädchen krank ist, macht sie ihr Pudding und legt darauf ein lachendes Gesicht aus Mandarinenstückchen.

Walli heißt nun Tantchen, ist aber besser als die beste Großmutter. Freitags kaufen sie Bückling im Fischladen in der Fidicinstraße, damit füttern sie die Katzen an der Columbiahalle. In der Bergmannstraße schauen sie nach den Kühen, und in der Markthalle kaufen sie Eier und Kurzwaren. Wie sie die Straßen entlanglaufen, Hand in Hand, fragt das Mädchen: „Tantchen, erzähl mir eine Geschichte, eine von dir, eine von früher.“ Und die Tante erzählt, wie sie in der Möckernstraße Ecke Kreuzbergstraße groß geworden ist, wohlbehütet als einziges Kind älterer Eltern, der Vater Straßenbahnfahrer. Zu Pfingsten bekam sie immer ein neues Kleid. Am liebsten hatte Walli aber ihre schwarze „Negerpuppe“.

Stoffe zu Kleidern machen, mit den eigenen Händen arbeiten, kreativ sein, das liebte sie und lernte Maßschneiderin. In der Berufsschule brachten sie ihr die Schnitte der Ägypter bei, der Griechen und der Römer. Mit winzigen, akkurat gesetzten Strichen pauste sie die Vorlagen mit Scribtoltinte ab. Sie fand eine Anstellung, und wenn die Kunden ins Geschäft kamen, nahm sie Maß, gab Tipps und schneiderte nach neuester Mode Rock, Kleid, Hose, Anzug.

Ihr Mann war eine gute Partie, einer, der passte, der nett, liebevoll und lustig war. Ob es auch die große Liebe war? Es war nicht die Zeit, in der junge Maßschneiderinnen frei und selbstbestimmt nach Liebe suchten. Die beiden gingen ins Theater, in die Operette, tanzten im "Haus Vaterland" und badeten im Wannsee. Als der Mann in den Krieg zog, als er wiederkam, verändert, unfähig zu arbeiten, trank, ertrug sie es. Futterte sich Kummerspeck an, sang aber für die gute Laune und riss deftige Sprüche, um Dampf abzulassen.

Und dann wird sie Teil dieser neuen Familie. Woche um Woche, um Monat, um Jahr, Tantchen ist immer da. Kümmert sich auch noch um den kleinen Bruder, befreundet sich mit den Eltern. Als sie Witwe wird, fährt sie mit in den Urlaub nach Paris, nach Malta, kommt zu Weihnachten, zu den Geburtstagen. Die Familie hilft aus, wenn es mit der Rente nicht reicht, organisiert den Umzug von der Friesenstraße 10 in die Friesenstraße 1. Sie nehmen sie mit in die Oper und stupsen sie an, wenn sie anfängt mitzusingen.

Walli wird älter und älter. Genießt es, lange zu schlafen. Gemütlich im Bett zu liegen und Radio zu hören. Sie geht stundenlang spazieren durch ihren Bergmannkiez, kauft mal hier einen Knopf, mal da eine Kleinigkeit, trinkt ihre drei Gläschen Ramazotti am Tag. Bis sie im März mit 105 Jahren von einem Moment auf den anderen in ihrem Sessel einschläft.

Das Mädchen, längst groß geworden, legt ihr ihre „Negerpuppe“ ins Grab, so hat sie es sich gewünscht.

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