Nachruf : Aurore Wend-Brulefair (Geb. 1943)

Warum sitzen und sprechen die Deutschen nur, warum tanzen sie nicht?

Tatjana Wulfert

Aurore kniet auf dem Boden, den Kopf nach vorn geneigt. Ihre erhobenen Hände, die gespreizten Finger, bewegen sich in der Luft. Sie singt ein französisches Kinderlied: „Font, font, font les petites marionnettes, font, font, font, trois petits tours et puis s’en vont.“ Die einjährige Lisa verfolgt mit weit geöffneten Augen den Tanz der imaginären Puppen. – Michael betrachtet dieses Foto, einen Schnappschuss: Aurore, vertieft in das Spiel mit der Enkeltochter. Er berührt das glänzende Papier: „So haben wir uns unser Leben vorgestellt, jetzt, nach den Jahren der Arbeit. Wir wollten uns Zeit nehmen, für Lisa, für uns.“

„Ja“ sagt die finnische Freundin, „so viel hatte Aurore noch vor, so voller Energie war sie. Ich erinnere mich, als wir nach Berlin kamen, beide Ausländerinnen, arbeiteten wir neben dem Studium für einen Designer, führten seine Mode auf Messen vor. Ich, blond und blass, trug die blauen Kleider. Sie, dunkel, die Haare, die Haut, die Augen, die grünen. Einige Modelle konnten wir billig kaufen. Aber meist hingen sie dann im Schrank. Man hätte uns misstrauisch gemustert, 1968, in der Uni oder auf Demonstrationen in seidenen Röcken und Blusen.“

Gelernt hat Aurore Wirtschaftsprüferin. 1968 jedoch stellen sich viele die Frage, ob der Beruf gesellschaftlich auch relevant sei. Aurore studiert ein zweites Mal, nun Sozialpädagogik. Sie arbeitet bei der Säuglingsfürsorge, beim Gesundheits- und Jugendamt. Lange Listen liegen auf ihrem Schreibtisch, zahllose Kindernamen darauf. Kinder ohne Vater, ohne Mutter. Aurore sucht Pflegefamilien. Da sind zum Beispiel drei Geschwister. Sie klammern sich aneinander, hoffen, beisammen zu bleiben. Aurore sucht und sucht. Es scheint aussichtslos. Ein Kind, ja, sagen die Ehepaare, aber drei? Aurore sucht weiter. Bis sie endlich eine Familie findet.

Aurore selbst wächst auf mit vier Geschwistern, in St. François, Guadeloupe. Als sie zwölf ist, verlässt der Vater die Familie, geht nach Paris. Sie folgt ihm, legt ihr Abitur auf einer Klosterschule ab. Im Sommer 1966 fährt sie mit einer Studentengruppe zu den Theaterfestspielen nach Avignon. Die Cafés, die Restaurants sind vom Morgen bis in die Nacht überfüllt. An jeder Ecke singen, tanzen Menschen, deklamieren Verse. Aurore und ihre Freunde treten auf mit Liedern von den Antillen. In der Zuschauermenge steht ein junger Student. Bestaunt nur die eine. Am nächsten Tag sehen sie sich wieder, laufen zum Pont d’Avignon, schauen abwechselnd die Rhône hinab, einander in ihre Gesichter.

Michael fährt zurück nach Berlin, Aurore nach Paris. Einige Male besucht er sie dort, dann kommt sie mit ihm. Sie heiraten. Jérôme wird geboren.

Aurore lernt die fremde Sprache, arbeitet, studiert. Manchmal wundert sie sich über die Deutschen: Am Weihnachtsabend, warum sitzen und essen und sprechen die Leute nur, warum tanzen sie nicht? Nach all der Besinnlichkeit der Feiertage packt sie ihr schönstes Kleid ein und fährt mit Michael und Jérôme zur Familie nach Paris. „Nur in Paris kann man richtig Sylvester feiern.“ sagt sie.

Bisweilen atmet Aurore mühsam nach dem Tanz. Sie ruht dann aus, einen Moment nur, nimmt die Medikamente gegen das Asthma, tanzt weiter.

Aurore stirbt auf einer Sommerreise. Zusammen mit Jérôme, der kleinen Lisa, Michael fährt sie in den französischen Süden, zuerst in ein Haus auf dem Land, dann zu einer Hochzeit in Aix-en-Provence. Sie singt Lieder für Lisa, tanzt in einem goldenen Seidenkleid Wiener Walzer, läuft über Serpentinen zum Atelier von Cézanne. Zu heiß und trocken ist die Luft, voller Pollen. Aber Aurore ist glücklich.

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