Nachruf : Elmar Fournes (Geb. 1923)

Seine Geige spielte mit den Gemütern und füllte den Kühlschrank.

Anne Jelena Schulte

Beim Malen ist noch wenig Lebendigkeit zu sehen“, so ist auf dem Drittklass-Zeugnis des Waldorfschülers Elmar Fournes aus dem Jahre 1933 zu lesen, „es ist mehr ein sauberes Nebeneinander von einfachen, farbigen Flächen.“ Das klingt mehr nach einem präzisionsverliebten Techniker als nach Künstlerseele.

Eben die Begeisterung für Präzision und Technik machte aus Elmar Fournes einen Geiger, der bereits mit sechzehn Jahren besser spielen konnte, als manch einer nach dem Musik-Studium.

Dass das Musizieren harte Arbeit ist, hat er immer schon gewusst. Er wuchs in das Geiger-Handwerk hinein, wie andere in den familieneigenen Kfz-Betrieb.

Neun Jahre war er alt, als sein Vater, Violinist bei den Berliner Philharmonikern, während einer gemeinsamen Bootstour ertrank. Von diesem Tag an musste die Mutter mit ihrem Geigenlehrerinnen-Gehalt Elmar und die Schwester allein durchbringen. So viele Schüler nahm sie auf, und so unerbittlich war sie in ihren Ansprüchen, dass sie sich bald den Spitznamen „Reichsgeigenmutter“ erwarb.

Ihr gelehrigster Schüler aber war Elmar. Der war mit dem Tod des Vaters viel zu schnell erwachsen geworden. Bald, das wusste er, musste er eigenes Geld verdienen, und Geld verdiente ein Fournes eben mit der Musik.

Doch dann kam der Krieg und spülte den feingliedrigen jungen Mann an die Ostfront. 1943 kehrte er mit einem Granatsplitter in der linken Brust und, viel schlimmer, mit zerschossenem Ellbogen zurück. Gut, dass er Sohn der Reichsgeigenmutter war. Die gab keine Ruhe, bis sie den besten aller verfügbaren Chirurgen verpflichtet hatte. Der schaffte, was unmöglich schien: Der Ellbogen, auf den Elmar die Geige, also seine gesamte Existenz zu stützen gedachte, funktionierte bald wieder wie geschmiert.

In den Jahren 44 und 45 war das Funktionieren wichtiger denn je. Elmar reparierte das Haus der Mutter und das von Freunden, er lief durch den Garten, sammelte die von den Besatzern zum Fenster hinausgeworfenen Notenpapiere wieder ein und legte Gemüsebeete an. Als all das geschafft war, bewarb er sich an der Hochschule für Musik.

Dass er die Aufnahmeprüfung sofort bestand, muss nicht gesagt werden. Wohl aber, dass er Maria wiedertraf. Maria, die auch Schülerin seiner Geigenmutter gewesen war und in allem das genaue Gegenteil von ihm zu sein schien: Blond, fröhlich, in der Musik mehr auf den Ausdruck als auf die Technik achtend.

Das Schwelgen in der Liebe zu Maria war der einzige Luxus, den Elmar sich in dieser Zeit genehmigte. Sein Studium hingegen gab er nach einigen Semestern wieder auf. Gerne hätte er noch länger an seiner Technik gefeilt und das Repertoire vergrößert, bevor er sich bei Orchestern bewarb, doch er musste Geld verdienen. Das gerade gegründete Symphonie-Orchester des Rias bot ihm einen Platz bei den ersten Geigen an, Elmar bat darum, bei den zweiten spielen zu dürfen. „Ich habe noch Schwächen im Vomblattspielen.“ Er war kein Mann der Selbstüberschätzung, kein Abenteurer.

Er genoss es, dass er jetzt zu jedem Mittagessen eine Scheibe Weißbrot dazubekam und zum Nachtisch einen halben Pfirsich. Einen solchen Luxus setzt man nicht aufs Spiel. Jede freie Minute nutzte er, um den Ansprüchen von Dirigenten wie Strawinsky oder Fricsay gerecht zu werden.

Jetzt war es soweit: Elmars Geigenspiel drängte heraus aus dem Übungszimmer, es erklang auf Schallplatten, Radiosendern und Konzerten, es schallte aus dem Orchestergraben der Bayreuther Festspiele und ab 1962 aus dem der Deutschen Oper. Am glücklichsten war er, wenn er Wagners „Parsifal“ begleiten durfte.

Elmars Geige spielte mit den Gemütern tausender Zuhörer und füllte daheim den Kühlschrank für Maria und die drei Söhne. Die schielten ehrfürchtig durch den Türspalt in Vaters Arbeitszimmer. Da stand er locker ans Sofa gelehnt, den Ausdruck höchster Konzentration im Gesicht, und übte. Oder er saß an seinem Schreibtisch und malte Orchesternoten ab. Nur die schwierigsten Stellen, versteht sich. Die, mit denen er noch kämpte. Der Verlockung des Berufskünstlertums, ein bequemes Beamtendasein zu führen, erlag er nicht.

Dazu war er viel zu sehr Arbeiter. Und wenn der nicht geigte, dann traf man ihn im Garten: Ein viel gerühmter Obstbaumbeschneider in erdverschmierten Jeans und mit zerdrückter Kopfbedeckung, der hackte, grub, sägte und säte, der über Fruchtfolgen und der Herstellung von Präparaten für die biologisch-dynamische Landwirtschaft tüftelte. Sorgfalt und Hingabe, so meinte er, sind der beste Dünger für Erdboden und Kunst. Sein Erfolg schien ihm Recht zu geben.

Nur Maria, die war schon seit langen Jahren nicht mehr glücklich mit ihrem Elmar. 1988 ließ sie sich scheiden. Da war Elmar bereits seit sechs Jahren Vater eines Mädchens, das er mit einer anderen Frau bekommen hatte. Mit ihr feierte er 2002 sein zweites Hochzeitsfest.

Doch die Verbindung zwischen den beiden Schülern der Reichsgeigenmutter, zwischen dem Schwarzhaarigen und der Blonden, war zu tief, als dass sie einfach abreißen konnte, auch wenn die Haarfarben sich im Laufe der Jahrzehnte angeglichen hatten.

2007 fand das geschiedene Ehepaar sich zufällig im selben Krankenhaus wieder. Jeden Morgen hievte Maria sich aus ihrem Bett und ging hinüber zu Elmar. Dann setzte sie sich an die Seite seiner Frau und las ihm vor. Sie starb siebzehn Tage nach ihm.

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