Nachruf : Er begrub seine Erinnerungen, um leben zu können

Als Leiter des staatlichen Deutschen Reisebüros Berlin verhandelte Peter Rosenberg mit der DDR über Visa-Regelungen und Touristen-Ausflüge zu Schloss Sanssouci oder in den Spreewald. Über die Schikanen aus der Nazi-Zeit für seine Familie sprach der 1924 Geborene erst spät. Geb. 1924

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Eigentlich“, sagte Peter Rosenberg anlässlich seiner Rede zum Rentenantritt, „sollte ich die Nutzholzgroßhandlung vom Vater und Großvater übernehmen, aber die damaligen Gesetze ließen das nicht zu. Für deutsche Unternehmen genügten zwei meiner Großeltern nicht den Anforderungen.“

So deutlich wurde Peter Rosenberg selten. Erst als sehr alter Mann begann er über seine Erfahrungen als „Halbjude“ im Dritten Reich zu sprechen, und auch da nur zurückhaltend und zögerlich.

Die Warnungen der jüdischen Verwandten, die Deutschland verließen, hatte sein Vater lange nicht ernst nehmen wollen. Er war im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz bestückt worden, das er für einen Beweis gegenseitiger Achtung hielt. Auch wollte er den Holzhandel, der weltweit mit großem Erfolg operierte, nicht aufgeben.

Selbst als das Unternehmen 1938 „arisiert“ wurde, äußerte er keine Fluchtgedanken. So kam das Jahr 1941, das Peter Rosenbergs Leben so erschütterte, dass es in zwei Hälften brach: in die Zeit davor und die danach. In jenem Jahr wurde der Vater zu einem Gestapo-Verhör geladen. Zwar durfte er anschließend wieder nach Hause gehen, starb aber noch am selben Abend an plötzlichem Herzstillstand. Seine nichtjüdische Ehefrau, Peter Rosenbergs Mutter, wurde kurz darauf in die Psychiatrie eingeliefert. Peter selber wurde nicht nur mit dem plötzlichen Verlust beider Eltern konfrontiert, sondern obendrein noch mit einem Schulverweis. Und das, obwohl er ein sehr guter Schüler war.

„Wie haben deine Klassenkameraden darauf reagiert?“, fragte ihn später sein Sohn. Peter Rosenberg holte sehr weit aus und führte das Gespräch dann auf abstrakte Ebenen. Die Antwort blieb er schuldig.

Einige Schulen entlassen jüdische Schüler. Keine Kleiderkarte. Einkaufen nur 16–17 Uhr. Kein Telefon. Judenstern, fest angenäht. Keine öffentlichen Verkehrsmittel. Pelz- und Wollsachen abliefern. Kein Frisör. Elektrische und optische Geräte, Fahrräder, Schreibmaschinen abliefern. Sein älterer Sohn machte sich einmal die Mühe, die antisemitischen Schikanen aufzulisten, von denen auch Peter Rosenberg nicht verschont blieb, weil er als „Geltungsjude“ eingestuft worden war. Der Grund war das frühere Engagement seines Vaters in einer Synagoge. Die Liste füllt eine knappe Seite.

Immerhin, die Straßenbahn durfte Peter Rosenberg noch benutzen, die ihn direkt zur „American Express Company“ brachte, wo er als Fremdsprachenkorrespondent arbeitete. Später wechselte er zur „Compagnia Italiana Turismo“. Er nutzte seine Arbeitsstelle, um Menschen zu helfen, die keine Ausreisegenehmigung erhielten. Die Mittel waren simpel. Er versah die Reisepapiere schlicht mit dem Zusatz: „Gilt als Ersatz für verlorenen Reisepass“. Peter Rosenberg selber blieb in Deutschland. Er wollte seine Schwester Liselotte und seine Mutter nicht allein lassen. 1943 wurden die Geschwister Rosenberg aus ihrer Wohnung abgeholt. Liselotte wurde in die Rosenstraße gebracht, Peter in die jüdische Knabenschule in der Großen Hamburger Straße. Dort kauerte er mit den anderen Häftlingen mehrere Tage auf dem Boden eines Klassenzimmers, bis sie aufgefordert wurden, sich in Zweierreihen aufzustellen. Die Wärter sortierten, die einen nach links, die anderen nach rechts. Die eine Seite wurde in Konzentrationslager abtransportiert, die andere, der Peter Rosenberg angehörte, am Stadtrand freigelassen. Nach demselben undurchschaubaren System kam auch Liselotte wieder frei.

Inzwischen galten auch in Italien die Rassengesetze, und die „Compagnia Italiana Turismo“ kündigte Peter Rosenberg. Das Arbeitsamt schickte ihn zusammen mit seiner Schwester zu einem Spediteur, für den sie Glasflaschen spülten und Getränkekästen auf Güterwaggons hievten. Bis ein „arischer“ Verwandter den Spediteur von den Büro-Fähigkeiten der Geschwister überzeugte. So gelangten sie in die wärmeren Sphären des Betriebes, wo sie die Buchhaltung führten und Zeugen der Verwicklung hoher Beamter in die blühende Korruption des tausendjährigen Reiches wurden. Je gefälschter die Zahlen, die sie notierten, desto sicherer fühlten sie sich.

Damit endeten Peter Rosenbergs Erzählungen aus der Nazi-Zeit.

„Nichts ist so unermesslich wie die menschliche Dummheit“, ein Satz, frei nach Einstein, den Peter Rosenberg nicht oft genug anbringen konnte. Damit, so fand er, war eigentlich alles gesagt. Seine Söhne nickten dazu, hätten aber dennoch gerne an den Emotionen und Erinnerungen teilgehabt, die er in sich begrub. Und doch verstanden sie, dass er sie begraben musste, um leben zu können.

Nach Kriegsende arbeitete er für das Reisebüro der Engländer. Dort lernte er Hannelore kennen, die die Frage, ob sie Nazi gewesen sei, mit „Of course“ beantwortet hatte. Auch später gab sie freimütig zu, an alles, was der BDM und die überzeugten Nazi-Lehrer ihr erzählt hatten, geglaubt zu haben. Bis sie Peter Rosenberg kennenlernte: „Er war mein Entnazifizierungsprogramm.“ Ein Programm, von dem einige Familienmitglieder nichts wissen wollten: „Einen Juden heiratet man nicht, einen Juden nutzt man aus!“ Hannelore aber liebte und umsorgte ihn „wie eine jüdische Mamme“, so der Sohn. Nicht nur Peter und die beiden Söhne genossen Hannelores Fürsorge, sondern auch zwei Großneffen, sämtliche Freunde der Jungen und andere bedürftige Gestalten. Peter Rosenberg betrachtete das Treiben daheim mit freundlichem Lächeln, war aber selber wenig zu Hause.

Er wechselte zum staatlichen Deutschen Reisebüro. Anders als in den westdeutschen Städten hatte das Büro in Berlin eine eigene Direktion, deren Leitung er übernahm. Er verließ die Wohnung, bevor die Kinder zur Schule gingen und kam zurück, wenn sie zu Bett gingen. Gründlich war er, korrekt, fleißig wie keiner. Als scharfsinnig, gerecht und humorvoll wurde er erlebt. Aber auch als sehr distanziert. Nie wäre ein Kollege auf die Idee gekommen, ihn nach dem Du oder nach seinem Privatleben zu fragen.

Eine seiner Aufgaben war es, mit der DDR zu verhandeln: Visa-Regelungen, Grenzübergänge, Umtauschbestimmungen, die Ausarbeitung touristischer Programme wie der Besichtigung von Sanssouci oder Kahnfahrten durch den Spreewald. Er erreichte erstaunlich viel. Seiner scharfen, manchmal sarkastischen Argumentation war schwer zu begegnen. Doch blieb er bei aller Entschiedenheit so sachlich und neutral, wie nur einer sein kann, der gegen jegliche weltanschauliche Überzeugtheit resistent ist, ob von Ost oder West. Peter Rosenberg glaubte nur an das Glück im ganz Kleinen.

Nach Israel? Gar in einem Kibbuz arbeiten? Über solche Aufrufe lachte er. Er konnte doch noch nicht mal den Rasen mähen, ohne rückwärts in das Planschbecken seiner Enkelkinder zu fallen. Das Bundesverdienstkreuz nahm er dankend entgegen, doch den Fehler seines Vaters, den Orden für einen Garant von Sicherheit zu halten, beging er nicht. Den Respekt und die Würde hatte er sich zurückerobert, das Vertrauen in das, was Staat oder Gesellschaft genannt wird, nie.

Als Rentner untersuchte er den „Tagesspiegel“ gerne auf Rechtschreibfehler. Manchmal nahm er sich auch die Seminararbeiten der Studenten seines Sohnes vor. Wenn der ihn dabei beobachtete, sah er einen Menschen, der seine intellektuellen Fähigkeiten nie ganz ausgelebt hat. Einen Menschen, dem das Abitur verboten worden war.

Er könne kein Hebräisch, erzählte er seinen Nachfahren. Über das Judentum wisse er so wenig wie über jede andere Religion. „Was ist das?“, fragte ihn dennoch sein Sohn in einer Ausstellung. In der Vitrine lagen eine Schriftrolle sowie ein Stäbchen, an dem eine kleine, silberne Hand befestigt war. „Das ist für den ältesten Sohn. Wenn der aus der Tora liest, dann fährt er mit der silbernen Hand unter den Zeilen entlang.“ Und Peter Rosenberg begann aus der Schrift zu lesen, auf Hebräisch, ohne zu stocken, wie im Traum las er. Zwischendrin murmelte er: „Das war ja ich, der älteste Sohn.“

Bis zum Schluss blieb er hellwach, freute sich an seinen Enkeln, seinen Reisen. Nach einem Knochenbruch und anschließender Infektion wurde er ins künstliche Koma versetzt. Drei Tage saßen seine Söhne an seinem Krankenbett, unterhielten sich über ihn, über sich selbst. „Und wenn er uns dabei zugehört hat, auch unserem Rätseln darüber, ob er uns wohl hören kann, dann hat er dabei seinen Spaß gehabt. Das war es, was ihm Vergnügen bereitete: die kleinen Freuden und Skurrilitäten des menschlichen Daseins“, sagt sein Sohn. Anne Jelena Schulte

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