Nachruf : Florian Karsch (Geb. 1925.)

Das einzige Risiko des Kunstsammlers: der eigene Geschmack

von

Die Geschichte seines Lebens erzählt sich am schönsten in Bildern.

„Zwischen Bäumen stehendes Mädchen“, ein Aktbild von Otto Mueller, das eine sehr selbstbewusste junge Frau zeigt. Auf der Rückseite ist die Herkunft vermerkt: Schlesisches Museum der bildenden Künste, Breslau. Ebenfalls vermerkt die Nr. 16558. Das ist die letzte Nummer auf der Liste der von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmten Kunstwerke. Florian Karsch hatte das Bild 1951 für 450 Mark erworben, ausgezeichnet war es mit 500, sein heutiger Wert einige Hunderttausend, aber er wollte sich nie von ihm trennen. Für die Anzahlung opferte er seine Ersparnisse, den Rest stotterte er mit seiner Versehrtenrente ab.

Rückblende: Die Mutter öffnete die Tür. Ihr Blick fiel auf die Beinprothese, die ihr Sohn auf den Rucksack geschnallt hatte. Drei Treppen hatte er sich zur Wohnung in Tempelhof auf den Armstützen hochgequält. Sie sieht ihn und bricht beinahe zusammen. Dann erst die Freude: Er hat überlebt.

Sein Vater, der Bildhauer Joachim Karsch, hatte in den letzten Kriegstagen mit seiner zweiten Frau Selbstmord begangen. Seine Mutter Meta hingegen hatte mit ihrem neuen Mann, dem Kunsthändler Josef Nierendorf, alle Wirren unbeschadet überstanden, allerdings war ein Großteil der Bildersammlung verloren gegangen. Florian Karsch begann das Studium der Zoologie, aber davon konnte die Familie nicht leben. „Ich musste nebenbei Kunst aus den Restbeständen Nierendorfs verkaufen. Hauptsächlich Grafiken.“ Es fällt ihm schwer, die Bilder unter Wert wegzugeben. In den Nachkriegsjahren zahlen die Käufer wenig. Florian Karsch entschied sich, professioneller vorzugehen und Galerist zu werden. Gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau Inge und seiner Mutter eröffnete er 1955 die Galerie Nierendorf, 1963 ziehen sie in die Hardenbergstraße um, wo die Galerie noch heute zu Hause ist.

Das Bild: „Der Kunsthändler Alfred Flechtheim“, gemalt von Otto Dix, seit 1961 im Besitz der Nationalgalerie. „Ganz zu Anfang“, erinnert sich Florian Karsch, „als Josef Nierendorf 1949 gestorben war, gab es in unserem Bestand bestimmt noch sieben Ölgemälde von Dix und circa ein Dutzend seiner Aquarelle. Diese musste ich für fast nichts verschleudern.“ Aber es gelang ihm, Otto Dix durch Ausstellungen wieder ins Gespräch zu bringen. Dix lädt Florian zum Dank in sein, wie der Künstler selbst höhnisch bemerkt, „zum Kotzen schönes“ Idyll am Bodensee ein. Dix’ derbe Art hat viele verstört, aber seine Kriegsbilder wie seine erotischen Akte beweisen einen unkorrumpierbaren Willen zur Wahrheit, den Florian Karsch bewundert.

Er stellt den Kontakt zu Leopold Reidemeister her, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen im Westteil der Stadt. Reidemeister erwirbt das Flechtheim-Gemälde für 40 000 DM. Dix ist zurück im Geschäft. Bis zu seinem Tod 1969 steigt der Wert seiner Bilder unaufhörlich.

Das Bild: „Die Stützen der Gesellschaft“ von George Grosz, seit 1958 im Besitz der Nationalgalerie. Grosz war 1933 nach Amerika emigriert, aber annähernd 6000 Aquarelle und Zeichnungen lagerten bei seiner Schwägerin in Berlin. Florian Karsch durfte sie gemeinsam mit Inge durchsehen. Sie suchten 90 Blätter aus, darunter etliche erotische, die gemeinsam mit den Bildern einer von Grosz selbst zusammengestellten Wanderausstellung dem Berliner Publikum präsentiert wurden. Und das Publikum kaufte. Das einzige Ölbild, „Die Stützen der Gesellschaft“, ist der wohl plakativste Steckbrief der Kunstgeschichte. Reidemeister kaufte es für die Nationalgalerie für 12 000 DM. Grosz war vom Verkaufserfolg begeistert. Ein Grund mehr, in die alte Heimat zurückzukehren. Im Mai 1959 jubelte die Berliner Presse: „George Grosz kehrt heim“. Drei Wochen nach seiner Rückkehr starb der Maler an einem Herzinfarkt.

Das Bild: „Schnitt mit dem Küchenmesser namens Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“, Berlinische Galerie. Die Künstlerin Hanna Höch lebte nahezu vergessen in einem kleinen Häuschen am Heiligensee. In ihrem verwunschenen Garten hatte sie während der NS-Zeit viele ihre eigenen Werke, aber auch Arbeiten ihrer Freunde Arp und Schwitters vergraben. Florian Karsch überredete sie 1961 zu einer Ausstellung. Die Collage „Schnitt mit dem Küchenmesser“ befand sich schon in Auflösung. Florian bat: „Das kleben Sie aber wieder!“ Sie klebte und von dem Erlös der Ausstellung konnte sie die fällige Hypothek für ihr Häuschen bezahlen.

Das Bild: „Porträt Einsteins“ von Josef Scharl. Als entartet verschrien musste der expressionistische Maler in die USA emigrieren, wo er Albert Einstein wiedertraf, den er aus seiner Berliner Zeit gut kannte. 1927 hatte er ein Porträt angefertigt, das er Einstein durch einen Boten zukommen ließ. Frau Einstein sah das Bild und ließ es an Scharl zurückschicken mit dem Hinweis, dass ihr „Mann erfreulicherweise nicht so aussieht“. Die Freundschaft der beiden litt darunter nicht. Einstein bürgte für Scharls Einreise in die USA, und schrieb, selbst schon schwer krank, eine Totenrede auf den Malerfreund. Ein sehr viel später entstandenes Porträt von Einstein gehörte zu den unveräußerlichen Lieblingsbildern von Florian Karsch.

Das Bild: „Zwei kauernde Mädchen“. Florian Karsch erinnerte sich im Gespräch mit Yvonne Groß: „Als ich 1949 nach dem Tod von Josef Nierendorf sehr viele Kunstwerke aus dem Besitz meiner Mutter zu Schleuderpreisen, u. a. Lithografien von Otto Mueller, zwischen DM 20,- und DM 50,- verkaufen musste, habe ich versucht, nur Doubletten zu veräußern. Wenigstens jeweils 1 Blatt von Otto Mueller wollte ich behalten. Das war wohl Liebe.“ Ein Bild von Otto Mueller „Zwei kauernde Mädchen“ hing lange daheim über seinem Sofa.

Selbstporträt als Künstler und Galerist: „Das einzige Risiko, das jeder passionierte Kunstsammler eingeht, ist das Risiko des eigenen Geschmacks.“ Florian Karsch hat viele berühmte und weniger berühmte Künstler ausgestellt. Sein Kriterium: „Der Erfolg beim Publikum und in der Öffentlichkeit ist nicht entscheidend“ – entscheidend ist die Qualität: „Nun muss man sehen, dass das Publikum das auch erkennt.“ Was ihm persönlich dabei half, Qualität zu erkennen: Er malte selbst. Ohne sich als Künstler misszuverstehen: „Mir machte es viel Spaß, da ich mir ja keinen Gipfelstandard auferlegen muss und keine diesbezüglichen genialischen Verpflichtungen habe.“

Lyonel Feininger, „Ruine im Meer II“. Eine Fälschung von Edgar Mrugalla, erworben für 18 000 DM. Die Käuferin bat Florian Karsch um eine Echtheitsprüfung. Er erkannte sofort die Fälschung und informierte die Polizei. Mrugalla behauptete, selbst getäuscht worden zu sein. In der Folge tauchten immer wieder Fälschungen im Stil Mrugallas auf, dessen Repertoire von den alten Meistern bis hin zu den Expressionisten reichte. Etwa 2500 „Nachahmungen“ gestand er offiziell ein. Schadenssumme an die 40 Millionen Mark, die Strafe: zwei Jahre auf Bewährung. Grob fahrlässige Gutachten, geldgierige Galeristen, schnäppchenversessene Sammler hatten Mrugalla die Arbeit erleichtert.

Gefahren drohten der Galerie aber nicht nur durch Fälscher. Ein Wasserrohrbruch vernichtete viele Werke, die Straßenvitrine wurde aufgebrochen, auch in der Galerie wurde gestohlen, gern während laufender Ausstellungen. Meist waren die Diebe Kenner, zuweilen sogar Kunstliebhaber. Was sich von den Spekulanten auf dem internationalen Kunstmarkt nicht immer sagen lässt.

„Der Handel mit Kunstwerken ist meist in einem sehr hohen Maß von der Person des Kunsthändlers abhängig.“ Er muss dafür einstehen, was er tut. Das müssen Auktionshäuser nicht, denn sie agieren wie Börsen. Auf den Rechnungen der Galerie Nierendorf steht seit Jahrzehnten als letzte Zeile: „Wir übernehmen für die Echtheit der bei uns erworbenen Werke unbefristete Garantie.“ Das wagen nicht mehr viele Galeristen.

Die Plastik: Eine kleine taubenblaue Holzeisenbahn, angeboten für 30 000 Euro. Lyonel Feininger hat sie bemalt und Karsch kurz vor seiner Flucht nach New York im Jahr 1937 geschenkt. Damals war Florian zwölf, und er ärgerte sich ein wenig darüber, dass die Bahn nicht fuhr. Es war das letzte Mal, dass er Feininger sah.

Florian Karsch winkte den guten Zeiten nicht rührselig hinterher. Er übergab die Galerie seinem Adoptivsohn Ergün Özdemir-Karsch mit einem klaren Auftrag: „Die Liebe zur Kunst und die damit verbundenen Kenntnisse sind an möglichst viele Menschen weiterzugeben.“

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